Gründerszene im Nordwesten: Sein Job ist die Motivation

Gründerszene im Nordwesten: Sein Job ist die Motivation Live


Personal Trainer André Janacek. Bild: Wolter
von Inga
Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

"Schrecklich!" - "Super!"

Mit diesem Wortwechsel beginnt das Personal Training bei André Janacek. Schrecklich, weil die Bauchmuskeln bei den Liegestützen beben.
Super, weil den Trainer das glücklich macht: "Andere schaffen
beim ersten Mal viel weniger."

So läuft das mit der Motivation, dem Dreh- und Angelpunkt des Personal Trainings, wie schnell klar wird. Schon mal besser als andere, das spornt an, lässt aber genug Luft nach oben. In der Trickkiste muss jedoch noch mehr stecken. Schließlich ist der innere Schweinehund ein stures Tier, das alle Ausflüchte kennt.

Sein Job ist die Motivation


Der
Oldenburger machte sich vor zwei Jahren als Personal Trainer selbstständig. Die Gründung war die Zielgerade, auf die Andrés persönliche Entwicklung und sein von Gegensätzen geprägtes Berufsleben hinauslief. 13 Jahre leitete der heute 37-Jährige das Ersatzteillager in einem Autohaus. Die Arbeit machte ihn unglücklich, auch weil er oft schlecht gelaunte Kunden bedienen musste: "Es war was kaputt am Auto, und die Leute waren verärgert." Nebenher absolvierte er eine klassische Gesangsausbildung, sang und schauspielerte für das Staatstheater Oldenburg.

"Ich bin ein Typ, der auf dem Boden bleibt", sagt André. "Fürs Theater muss man aber Idealist sein." Die Schauspielerei war für ihn von der Bezahlung ein Hobby, von den Stunden aber nicht. Es passte nicht. Da er seit Jahren viel Sport trieb, entschied er sich für eine Fitnesstrainer-Ausbildung. Über das Programm "European Register of Exercise Professionals" (EREPS) ließ er sich als Trainer zertifizieren. Er arbeitete sich in die Faszien-Therapie, ein Bindegewebe-Training, ein.

Faszien: Training für das Bindegewebe
von HappyAndFitPilates via YouTube

"Singen und Schauspielerei haben viel mit Sport zu tun. Man muss auf seinen Körper hören", meint André. Diese Erfahrung hilft ihm, sich in seine Kunden hineinzuversetzen. Der Start in die Selbstständigkeit war nicht einfach. "Eine Dienstleistung darf nichts kosten", sagt André. "Das merke ich auch als Sänger. Die Leute bezahlen viel Geld für eine Hochzeitskutsche, aber für die Musik wollen sie nicht viel ausgeben."

Sechs Monate passierte gar nichts. André ließ seine Internetseite programmieren und schrieb die Inhalte dafür. Dann ging es nach und nach los. "Die meisten Kunden kamen über Mundpropaganda." Mal war der Personal Trainer der Verzweiflung nahe, mal lief es gut, erzählt er heute. Mittlerweile kann er von seinem Unternehmen leben und arbeitet nur noch ein paar Stunden als Trainer in einem Fitnessstudio.

André Janacek zeigt, wie das Faszien-Training funktioniert. Ziel der Übungen ist, verklebtes, schmerzendes Gewebe zu lösen. Bild: Wolter
von Inga

10.000 Euro steckte er in seine Gründung, das meiste für Equipment. "Das war kein Problem, das hatte ich vorher gespart." Schwieriger war es, ein Studio für seine Trainingsstunden zu finden. Das braucht er, wenn er mit seinen Kunden nicht zu Hause oder im Wald trainieren kann.
"Aber ich bin ein Glückskind", sagt der 37-Jährige.

Er klapperte acht Oldenburger Fitnessstudios ab und fragte nach einer Kooperation - ohne Erfolg.
Es gab meistens schon einen Personal Trainer. Doch in einem Studio traf er eine Bekannte, die ihm sagte: "Hast du noch drei Monate Zeit? Dann eröffne ich ein Fitnessstudio am Hafen." Es kam zu einer Kooperation.

Die Erfolge seiner Kunden sind Andrés Ansporn. "Oft bekomme ich über Whatsapp Bilder von Füßen auf einer Waage. Das ist dann die Nachricht: Ich habe abgenommen." Andersherum ärgert es ihn, wenn ein Kunde Gewicht reduzieren will, aber stattdessen Kilos hinzukommen. Die Ziele seiner Kunden sind vielfältig: Viele wollen abspecken, einige Muskeln aufbauen. Andere leiden unter Knie- oder Rückenschmerzen oder brauchen jemanden, der sie nach der Reha an die Hand nimmt.

Das erste Ziel war durchzuhalten. Das zweite, geil auszusehen.

Während des Faszien-Trainings, bei dem man Oberschenkel-Partien über ein Polster rollt, erzählt André die Geschichte einer 60-jährigen Frau.
Sie wollte zum ersten Mal beim Citylauf in Oldenburg mitmachen. Der war in einem Monat.
Die Frau hatte wenig Lauf-Erfahrung. André nahm sie "an die Hand", trainierte mit ihr, lief beim Citylauf an ihrer Seite, zügelte am Anfang ihr Tempo, damit sie durchhielt. "Sie schaffte die zehn Kilometer und gewann in ihrer Altersgruppe eine Medaille."

"Das erste Ziel war durchzuhalten. Das zweite, geil auszusehen." Er erinnert sich gerne daran, wie die 60-Jährige freudestrahlend und eben nicht am Ende ihrer Kräfte über die Ziellinie lief. "Es ist geil, wenn der Schützling so etwas schafft." Seine Grenzen zu überwinden, schaffen viele nicht allein, weiß der Trainer. Dazu brauche man feste Termine, die richtige Technik und einen Begleiter.

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Auch André hat immer wieder neue Ziele.
"In Zukunft hätte ich schon gerne eine eigene Halle, so 100 Quadratmeter", sagt er. Gerne würde er sich mit anderen Gründern zusammenschließen, zum Beispiel mit einem Physiotherapeuten.

Training für die Beinmuskulatur.
von Inga

Bauchmuskel-Training, Faszien-Übungen, Liegestütze mit den Beinen in einem Gurt -  alles anstrengend, aber erträglich. Andrés Rezept: Ablenkung. Das ist nach der Trainingsstunde klar. Mit Geschichten und Entertainment tut es weniger weh.

Bis der nächste Tag anbricht und zum ersten Kaffee der Muskelkater grüßt.

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