Soundcheck im Nordwesten: Der Jack Johnson von Oldenburg

Soundcheck im Nordwesten: Der Jack Johnson von Oldenburg Live

Lust auf einen Soundcheck? NWZonline stellt in einer Serie Bands und Musiker aus dem Nordwesten vor, spricht mit ihnen über Schaffensprozesse, Selbstfindung und andere Tonalitäten des Lebens. Egal, ob Metal, Funk, Hip Hop oder Klassik, wenn ihr die Bühne auch online rocken möchtet, dann könnt ihr euch gern bei uns melden: amina.linke@nordwest-zeitung.de.

Er sagt, was er denkt – und er denkt viel. Geht es um Musik, schlägt der Oldenburger Singer/Songwriter Stenz auf seiner Gitarre sanfte Töne an. Geht es aber um Politik, wird er zum Brandredner. Mit der NWZ spricht der 44-Jährige über Lampenfieber, eurozentrische Ignoranz – und das Gefühl, wenn Töchter erwachsen werden.

Von Amina Linke


Gestatten, Stenz!
Bild:
Oliviero de Simone
von amina.linke

Mit 44 geht man nicht mehr in Bars. Mit 44 bleibt man daheim auf dem Sofa. So die Ansage am Telefon. Wir treffen uns in der „Artischocke“ in Oldenburg. Einer Weinbar. Kaum zur Tür rein wird Jens Hudemann alias Stenz mit Namen begrüßt. Doch ein Tresenkind? Nein, Stenz winkt ab und lacht. Früher sei er hier öfter gewesen und habe dann auch schon mal spontan zur Gitarre gegriffen. Jetzt habe er aber nicht mehr die Zeit. Jetzt ist er als Solokünstler unterwegs.

Stenz - Vitality CD Release Party
via YouTube

Musikalisch erinnert Stenz an Jack Johnson. Optisch auch ein bisschen, wenn der in Solingen geborene Musiker auf der Bühne steht mit seiner Yamaha-Klampfe in der Hand und seiner Käppi auf dem Kopf. Vor über 20 Jahren kam Stenz nach Oldenburg zum Pädagogik-Studium. In ein, zwei Bands war er damals auch. „Es gibt zwei Konzepte, miteinander gute Musik zu machen, sagt Stenz. „Entweder man kennt sich von klein auf und weiß, wie der andere tickt. Oder einer ist der Chef, der sich Musiker holt, die seine Songs spielen.

Das Erste habe sich für ihn dauerhaft nicht ergeben und für das Zweite sei er nicht weit genug gewesen.
Mit Mitte zwanzig hatte ich andere Sachen im Kopf.Dann kam die Familienzeit und mit ihr die Verantwortung, das Geld verdienen müssen. Da ist Musik machen schwer." Plötzlich war er in einer Krise. Auf einmal bist du nicht mehr da, wo du warst und stehst auf einem Abstellgleis", erinnert sich Stenz. Die Musik hat mir damals geholfen und es kam der Zeitpunkt, an dem ich dachte 'Du wolltest immer alleine was machen jetzt machst Du es auch!'"

Mit über 40 Jahren müsse man schließlich nicht mehr groß warten, bis man in das richtige Alter kommt.
Und seine folk-rockigen Songs über und aus dem Leben kommen beim Publikum an.
Auch, weil Stenz dann doch nicht Jack Johnson genug ist. Denn während sich der US-amerikanische Surfer auf seinen Konzerten mitunter äußerst wortkarg gibt, kann Stenz schon mal zum Brandredner werden.

Sky Full Of Cellos
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Wir bestellen einen Espresso. Wein sei heute nicht drin, sagt Stenz. Das Auto stehe um die Ecke. Obwohl es sich bei einem kleinen Roten sicherlich gut sinnieren ließe. Doch dazu kommen wir erst gar nicht. Aus Stenz bricht es plötzlich heraus. Weißt du eigentlich, dass wir uns bis zu 80 Prozent an dem orientieren, was andere von uns erwarten, wenn es um Lebensentscheidungen geht?" Dabei hätten gesellschaftliche Zwänge in der eigenen Lebensplanung absolut nichts zu suchen. Und dann auch noch diese ewige Status-Frage. In den 80ern war man als Familie mit einer Drei-Zimmer-Wohnung im Block zufrieden. Heute musst du dein eigenes Haus haben, wenn du was auf dich hältst." Stenz ist in Rage. Das sind Themen, die er auch auf der Bühne los werden muss und über die er Songs schreibt. 

So prangert Stenz mit
We are Sexuality" die pseudo-liberale Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber Homosexuellen an. Das Thema ist noch lange nicht gesellschaftlich anerkannt. Überhaupt die eigene Sexualität in ihren verschiedensten Formen." Als nächstes will er einen Song über die europäische Flüchtlingspolitik produzieren – „über diese eurozentrische Ignoranz gegenüber dem, was da zum Beispiel vor Lampedusa eigentlich passiert."

Stenz ist einer, der hinschaut, der sich Gedanken macht, Bestehendes in Frage stellt. Das kommt nicht immer gut an. Aber das Anecken macht ihm nichts.
Seit ich 40 bin, muss ich nicht mehr alles mitmachen, habe ich das Setting, auch mal jemanden vor den Kopf zu stoßen." Als Pädagoge müsse er politisch korrekt sein, als Musiker nicht.

Auf der Bühne schlägt Stenz aber auch sanftere Töne an.
Mit „Dear Daughter" verarbeitet er das Erwachsenwerden seiner 15-jährigen Tochter und findet damit viel Aufmerksamkeit. „Man muss loslassen und kann nicht. Plötzlich ist man für seine Tochter nicht mehr der einzige Mann auf dem Planeten und der elterliche Einfluß geht flöten. Da hat mich keiner drauf vorbereitet."

Dear Daughter
via YouTube

Jetzt wird doch ein Gläschen fällig. Nicht, weil die Themen ernster geworden sind. Der Barkeeper lässt sich einfach nicht mehr abwimmeln. Sein Brotto-Grappa will unbedingt verköstigt werden, so sagt er. Stenz setzt an, genießt und nickt ab. Passt.

Manchmal tun ein paar Prozente eben ganz gut. Wie beim ersten Gig nach einer längeren Pause. Den hatte Stenz letztes Jahr. Extra weit weg in einer kleinen Kneipe in Uelzen ist er aufgetreten. Falls etwas schief gelaufen wäre, hätte ihn dort wenigstens keiner gekannt.
Oldenburg ist ja ein Dorf", sagt Stenz und lacht. Fürchterlich nervös sei er gewesen, doch er wollte sich auf seinen Auftritt mit seiner Loop-Station konzentrieren. Wenn die vertaktet, ist der Effekt hin. Die Aufregung war dann aber doch zu groß und ein Bierchen musste für die Nerven her."

Gerade als Künstler habe man manchmal so Phasen, bei denen man sich wochenlang auf einen Gig freut und dann kommt der Tag und man wacht auf und denkt: Was machst du hier eigentlich? Verkauf' deine Gitarre und lass' es einfach sein. Bisher hat er sein 500-Euro-Exemplar (Die teuerste Gitarre, die ich mir je gekauft habe.") aber noch nicht aus der Hand gegeben.

Erfahrungen gehören zum Leben genauso wie Veränderungen, auch wenn man manchmal vor ihnen Angst hat", sagt Stenz. Man muss das locker angehen, ist alles nicht so schlimm."

CD-Teaser 3
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