Ehrensache: Zwei Jugendliche, der Tod - und ganz viel Sensibilität

Ehrensache: Zwei Jugendliche, der Tod - und ganz viel Sensibilität Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.

von Jantje Ziegeler


 Der 18-jährige Thilo ist einer der 20 Jugendlichen, die trauernden Gleichaltrigen per E-Mail zur Seite stehen.
von Jantje

Weihnachten steht vor der Tür, als ein 17-jähriges Mädchen sich dazu entschließt, diese Mail zu schreiben:

„Mein Name ist Marie. (…) Vor etwa zwei Jahren haben die Ärzte Knochenkrebs bei mir diagnostiziert. (…) Ich habe Angst. Große Angst.


Marie hat nicht nur Angst: Sie sorgt sich auch um ihr Umfeld.
Denn niemand soll merken, wie es wirklich im Innern der sterbenskranken Jugendlichen aussieht. Angst. Ungewissheit.
Vor ihrer Familie und ihren Freunden möchte sie nur die starke Marie mimen.


„Anfangs ist es eine fragile Beziehung“, sagt Thilo.
Der 18-Jährige ist ehrenamtlich als sogenannter Peer-Begleiter im Einsatz. Er gehört zu einem 20-köpfigen Team des Evangelischen Hospizdienstes Oldenburg, das sowohl trauernden als auch sterbenden Gleichaltrigen aus ganz Deutschland per E-Mail zur Seite steht, für eine unbestimmt lange Zeit eine Beziehung zu ihnen aufbaut. An genau dieses Team hat sich Marie auf www.da-sein.de gewandt. Hat ihr Innerstes preisgegeben. Wie reagiert man auf so eine Mail? Wie kann ein junger Mensch einem anderen, der mit solch einem Schicksalsschlag fertig werden muss, die Hand reichen, das Gefühl geben: „Du bist nicht allein.“?

Ein Jahr ist es her, dass Thilo bei der vierwöchigen „da-sein“-Schulung gelernt hat, die richtigen Worte für solche Antwort-Mails zu finden. Die richtigen Worte: Die sind von schwerwiegender Bedeutung bei der Online-Trauerbegleitung. „Ein Gespräch ist einmalig“, erklärt Thilo den Unterschied zur „Face-to-Face-Beratung“. Eine Mail dagegen können die "Klienten" (auch diese Wortwahl haben die Peer-Begleiter in der Schulung gelernt) immer wieder lesen. Auch, wie oft er schreibt oder welche Aspekte er aufgreift, hat Thilo in der Schulung gelernt. Ebenso den Umgang mit dem Thema „Suizid“.


„Ich will meine Schwester nicht gehen lassen, ich brauche sie. Wir brauchen sie alle.

Jan, Maries Bruder, der sich ebenfalls an da-sein gewandt hat


Wie lange der Mail-Kontakt dann besteht, ist unterschiedlich. Seinen längsten Kontakt mit einer Klientin hat Thilo seit vergangenem Juni. Zwei bis drei Mails schreiben beide jeweils pro Woche. „Das ist eine riesige Menge“, sagt Thilo. Es gebe auch andere Fälle, in denen hilfesuchende Jugendliche sich zum Beispiel nach zweimaligem Kontakt nicht mehr zurückmelden. Diese Erfahrung hat Thilo selbst gemacht. Der Umgang mit solch einem plötzlichen Kontaktabbruch ist gar nicht so leicht. „Wenn jemand einfach nicht mehr schreibt“, erzählt er, „dann ist es schwierig, wenn man nicht gesagt bekommt, warum der andere nicht mehr schreibt. Dann bleibt man im Ungewissen. Man fragt sich selbst, woran es liegen könnte.“ Am besten wäre die Begründung: Der Person geht es gut. Sie braucht die Online-Begleitung nicht mehr. – Oder aber, man stellt sich die Frage, ob man die Person selbst verprellt habe. Ein Nährboden für Selbstzweifel.

Doch die ehrenamtlichen Begleiter werden nicht allein gelassen. Seit der Gründung von „da sein“ vor zwei Jahren kommen alle Peers einmal im Monat im Ambulanten Hospizdienst in der Haarenenschstraße 62 zusammen, um sich unter Anleitung auszutauschen. Jeder stellt dann den anderen seinen aktuellen Fall vor. Zwar stehen alle Peers unter Schweigepflicht; aber die Beratung und der Austausch des Teams untereinander sind wichtig. Wo stoßen die Peers an ihre eigenen Grenzen? Wo könnten Lösungsansätze liegen? „Das ist befreiend“, findet Thilo.


Der Ambulante Hospizdienst und Kinderhospizdienst in Oldenburg an der Haareneschstraße 62
von Jantje
Hier finden die monatlichen Treffen der Peer-Begleiter statt.
von Jantje
Die Jugendlichen bekommen theoretisches Wissen zum Umgang mit trauernden Gleichaltrigen vermittelt.
von Jantje
 
 

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Wenn sich ein Klient nicht mehr meldet, müsse man mit dem Fall abschließen. Thilo: „Das Problem ist aber: Wenn sich ein Jugendlicher nach einem Jahr plötzlich doch wieder meldet, muss man alles wieder hervorholen.

Wieviel Zeit er in seine ehrenamtliche Arbeit investiert, kann Thilo nicht beziffern. 30 Minuten sei er etwa mit einer Mail insgesamt beschäftigt. Schließlich darf es keine „Nebenbei-Mail“ sein; der Klient soll merken, dass der Peer-Begleiter Zeit investiert hat. Zwar ist das Ziel, die Begleitung zu beenden, beziehungsweise, dass der Jugendliche es schafft, in seinem Umfeld über das, was ihn bewegt, zu reden. Denn: „Der direkte Kontakt bringt den Menschen mehr. Das ist eine intensivere Begegnung.“ Aber manchmal merkt Thilo: „Da ist noch Bedarf, aber die Person öffnet sich nicht.“ Dann versucht er, das Gespräch per Mail am Laufen zu halten.

 

„Ich kann einfach nicht glücklich sein an diesem Tag, wenn ich weiß, dass es sie in ein paar Wochen nicht mehr gibt. (…) Ich habe keine Ahnung, was ich ihr schenken soll. Am liebsten würde ich ihr mein Leben schenken.

Jan


Eine Mail lässt sich zu jeder Tages- und Nachtzeit verfassen. Auch lesen lässt sie sich 24 Stunden am Tag. Ist das nicht belastend, rund um die Uhr mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert zu sein? „Es ist ganz gut, dass ich kein mobiles Internet habe“, sagt Thilo. Dauerhaft über eingehende Mails informiert zu werden, findet er schwierig. Insbesondere, wenn man eine interessante Frage in der letzten Mail gestellt habe, sei man neugierig auf die Antwort. Der 18-Jährige, der derzeit Bundesfreiwilligendienst im Evangelischen Krankenhaus auf der geriatrischen Station leistet, zieht einen Vergleich: „Im Krankenhaus schaffe ich es auch, nach der Arbeit die Arbeitskleidung abzulegen und die Arbeit hinter mir zu lassen. Wenn man ständig nachdenkt, würde man an Lebensqualität verlieren.

Im vergangenen Jahr hat da-sein.de den Niedersächsischen Gesundheitspreis in der Kategorie Sonderpreis gewonnen. Seitdem hat die Anzahl der Klienten enorm zugenommen. Hatte jeder Peer zuvor etwa einen Klienten, so hat jetzt fast jeder zwei gleichzeitig.

Niedersächsischer Gesundheitspreis 2014 für Da-Sein.de
via YouTube

Vergangenes Jahr hat Thilo sein Abitur an der KGS Rastede absolviert. Mit 1,0. Zum Wintersemester möchte er ein Medizinstudium in Münster aufnehmen. Da er als Mediziner später ohnehin mit dem Tod zu tun haben wird, fand er dieses Ehrenamt als Peer-Begleiter, das ihn jetzt schon mal mit dem Tod konfrontiert, sinnvoll. Überhaupt: „Medizin ist etwas Sinnvolles“, findet Thilo. Wenn er dagegen in die Wirtschaft gehen würde, in der es nur ums Geldverdienen gehe, „dann würde ich mich am Ende des Lebens fragen: ,Was hab’ ich wirklich erreicht?’“

Das Ende ihres Lebens – dass sie das bereits in ihren jungen Jahren erreichen würde, wusste Marie. Sie schrieb noch einen Abschiedsbrief, den auch die Peer-Begleiter lasen. Er beginnt so:

„Hallo meine Lieben,
wenn ihr das lest, bin ich schon im Himmel und schau auf euch herunter.“

Den bewegenden Fall der 17-jährigen „Marie“ und die Arbeit von da-sein stellt "Mrwissen2go" in einem Youtube-Video vor:

Tod und Trauer - Wenn Jugendliche sterben
von MrWissen2go via YouTube


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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