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Von Björn Buske

Sie verstehen sich auch ohne Worte - zumindest ohne gesprochene. Der dreijährige Kjell ist taub. Seine Mutter Kirsten lernte, sich über Gebärden mit ihm zu unterhalten. Jetzt bringt sie anderen Eltern bei, mit den Händen zu sprechen.


Eine der wichtigsten Gesten: Kirsten Venneklaas und ihr Sohn Kjell zeigen die internationale Gebärde für "ich liebe dich".
von Björn Buske
Von Geburt an ist Kjell taub, nur mit dem Cochlea-Implantat kann er hören.
von Björn Buske
Mit seiner Mutter unterhält der Dreijährige sich ganz normal. Im Gespräch mit tauben Menschen wechselt er aber ganz natürlich in die Gebärdensprache.
von Björn Buske
Einige Grundbegriffe der "Zwergensprache": Viele Gesten sind auch für Ungeübte leicht zu verstehen.
von Björn Buske
 
 

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Für einen kurzen Moment tut Kjell so, als würde er seine Mutter nicht hören. Weder auf seinen Namen, noch auf die Aufforderung, sein Spielzeug wegzulegen, möchte der Dreieinhalbjährige reagieren. Erst als Kirsten Venneklaas sich vor ihn stellt und ihm per Handzeichen zu verstehen gibt, dass er dem Journalisten, der zu Besuch ist, doch ein bisschen was erzählen soll, steht er auf. Interessiert schaut er sich Kamera und Schreibblock an und beginnt zu reden. Halb mit der Stimme, halb mit den Händen, denn mit beiden kann er sich verständlich machen. 

Kjell ist von Geburt an taub. Ein Genfehler ist Schuld daran. Dass etwas nicht stimmt, war relativ schnell nach der Geburt klar. „Im Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg wurde gleich ein Hörscreening gemacht. Damals dachte man noch daran, dass verbliebenes Fruchtwasser oder so dafür verantwortlich ist. Nach sechs Wochen gab es noch einmal Nachuntersuchungen, und dann war bald klar, dass er wirklich taub ist“, erzählt Kirsten.

So brauchte sie eine andere Möglichkeit, mit ihrem Kind zu kommunizieren. „Es fängt an wie bei eigentlich allen Babys, egal ob es gut hören kann oder nicht. Fast automatisch unterhält man sich sowohl mit der Stimme als auch mit den Händen und macht etwa die entsprechende Bewegung, wenn man fragt, ob das Kind zum Beispiel etwas essen oder trinken möchte. Ich habe das nur sehr viel stärker und häufiger getan als andere Eltern.“ So können Kinder schnell die Verbindung zwischen gesprochenem Wort und Geste herstellen.

Doch nach einiger Zeit reichte Kjell die Babysprache nicht mehr, wenn er kommunizieren wollte. Irgendwann bemerkte Kirsten, dass ihr Sohn mehr und mehr frustriert war. Er wurde aggressiv. Auch gegen sich selbst. „Er wollte sich mitteilen, hatte aber keine Möglichkeit, weil ihm die Sprache fehlte. Die Gebärden, die wir benutzt haben, reichten ihm nicht mehr aus. Deshalb fing er an, sich selbst auf den Mund zu schlagen und auf die Finger zu beißen.

Über die „Elterngruppe hörgeschädigter Kinder“ kam Kirsten dann auf den Gedanken, Kjell und sich selbst die Gebärdensprache beizubringen. Die Ärzte und Gutachter rieten davon ab, sich ganz auf die Zeichen zu verlassen, es sei wichtig, dass taube Kinder immer wieder das Sprechen lernen. Kurz vor seinem zweiten Geburtstag bekam Kjell dann den Gebärdensprachkurs genehmigt.


DGS – Deutsche Gebärdensprache

Gebärdensprachen sind visuell-manuelle Sprachen, die natürlich entstanden sind. Gebärdensprachen bestehen neben Handzeichen aus Mimik und Körperhaltung.

 Gebärdensprachen sind zwar visuelle Sprachen, aber sie sind keine Pantomime. Gebärdensprachen verfügen über eine eigene, vollständige Grammatik und konventionelle Zeichen. Man kann sehr wohl auch abstrakte Sachverhalte damit ausdrücken.

Jedes Land hat seine eigene nationale Gebärdensprache, in der sich auch regionale Dialekte entwickelt haben.
Trotzdem klappt die Verständigung auf internationaler Ebene in Gebärdensprache einigermaßen gut. In der Kommunikation mit Gehörlosen, die andere nationale Gebärdensprachen benutzen, verwenden Gehörlose „International Signs“.

Das Fingeralphabet bildet mittels unterschiedlicher Handformen die Buchstaben des Alphabets ab. Es wird benutzt, um Wörter der Lautsprache zu buchstabieren. In der gebärdensprachlichen Kommunikation wird es überwiegend bei Eigennamen, Fremdwörtern und unbekannten Begriffen verwendet.

 (Quelle: Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.)




Die Frustration ließ nach, als die Gebärdenlehrerin das erste Mal zu Kjell und Kirsten nach Hause kam. „Gegenüber mir konnte er nicht alles ausdrücken, was er mir sagen wollte, deshalb war er wieder frustriert. Als die Lehrerin dann bei uns zu Hause war, hat er schnell gemerkt, dass sie genauso wie er taub ist und mit ihren Händen spricht. Von da an hat er alles aufgesaugt und intuitiv angewendet.“ Mutter und Sohn konnten endlich besser miteinander kommunizieren, weil Kjell endlich nicht nur genau wusste, was er sagen wollte, sondern dies auch eindeutig mitteilen konnte. Und von diesem Moment an begann Kjell auch zu sprechen.

Inzwischen kann Kjell auch in die Welt der Hörenden eintauchen. Nachdem er zunächst ein Hörgerät testen musste, um ein mögliches Resthörvermögen auszuschließen, bekam er
ein sogenanntes Cochlea-Implantat. Das wird hinter dem Ohr operativ unter Vollnarkose eingesetzt, ein zweites Bauteil, der CI-Prozessor, wird wie ein Hörgerat aufgesetzt und wandelt Schall in elektrische Impulse um, durch die der Hörnerv im Innenohr stimuliert wird. Damit hört er immer noch nicht wirklich gut, hört aber seine eigene Stimme und spricht damit selbstbewusster. Je nach Bedarf wechselt er jetzt zwischen den Sprachen: Mit Hörenden spricht Kjell ganz normal, teilweise rutschen ihm noch ein paar Zeichen dazwischen. Bei tauben Menschen spricht er mit seinen Händen und kann so auch komplexe Zusammenhänge erklären. „Inzwischen ist er aber eindeutig in der Lautsprachwelt zuhause.“

Ohne Worte: Kirsten Venneklaas stellt sich vor.
by Björn Buske

Auch seine Mutter geht inzwischen in beiden Welten ein und aus. Beeinflusst durch die eigene Erfahrungen gibt Kirsten in Oldenburg Kurse in der sogenannten „Zwergensprache" - nicht nur für Gehörlose. „Mir sind Sprachen schon in der Schule leichtgefallen, inzwischen kann ich mich auch in der DGS (Deutsche Gebärden Sprache) ganz gut unterhalten. Gerade wage ich mich an die Grammatik heran, da muss man immer noch ein bisschen umdenken.

Gebärdensprache für Babys lernen bei Kirsten Venneklaas

Von der Zwergensprache war nicht nur Kjell fasziniert, auch seine Freunde hingen an Kirstens Händen, wenn sie zu Besuch waren. Einige fingen selbst an, Zeichen als Unterstützung zu verwenden, wenn sie sich mit Kjell unterhielten. Als Kjell dann in den Kindergarten kam, begann Kirsten, sich als Gebärdenlehrerin ausbilden zu lassen. „Die Sprache gehört natürlich dazu, aber man muss auch einfach Spaß haben am Umgang mit Kindern, gern singen und spielen, dann kann man die Zwergensprache in diese Treffen mit einbinden."

In den USA ist die sogenannte „Baby Sign language“ als vereinfachte Form der Gebärdensprache schon seit mehr als 30 Jahren weit verbreitet. Grundlage war die Entdeckung des Kinderpsychologen Joseph Garcia, dass Kinder die Hand-Augen-Koordination wesentlich schneller erlernten als die gesprochene Sprache. Spezialistin auf diesem Gebiet ist die amerikanische Psychologin Linda Acredolo. Sie entdeckte die Zeichensprache bei ihrer Tochter Kate, als die Einjährige immer dann mit der Nase schnüffelte, wenn sie eine Blume sah. Zusammen mit ihrer Kollegin Susan Goodwyn und dem National Institute of Health stellte Acredolo daraufhin in zahlreichen Untersuchungen fest, dass hörende Babys, von denen mindestens ein Elternteil gehörlos war, viel früher mit Gebärden kommunizieren konnten als gleichaltrige Kinder sprechen. Die wollen sich zwar auch mitteilen, haben aber nicht das entsprechende "Handwerkszeug".

„Man kann einfach in die Welt des Kindes hineinschauen.
Natürlich kann das Kind auf etwas zeigen. Aber wenn etwas in der Vergangenheit liegt, kann das Kind mit einfachen Zeichen mitteilen, worüber es spricht, zum Beispiel den Elefanten vom letzten Zoobesuch“, sagt Kirsten und formt mit ihren Händen einen Rüssel. Noch bevor sie sie aussprechen können, bekommen die Kinder also Vokabeln an die Hand, nur eben als Zeichen. Und sie werden verstanden. „Das dient auch dem Frustabbau, wie ich selbst festgestellt habe“, lacht Kirsten.

Mit ihr spricht Kjell kaum noch mit seinen Händen. Die beiden sitzen nebeneinander auf dem Sofa und Kjell gebärdet für die Kamera einige Tiere: der zwitschernde Vogel, das gefräßige Krokodil oder der Löwe mit der großen Mähne. Unter den meisten Gesten können sich auch Gebärden-Analphabeten etwas vorstellen. Als Kjell und seine Mutter sich aber die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger und kleinem Finger, unter Musikfans gern als die "Pommesgabel" bezeichnet, zeigen, ist die Nachfrage unumgänglich. Es ist eine der wenigen international gültigen Gebärden. Aber wohl eine der wichtigsten. Sie bedeutet: "Ich liebe dich".

by Björn Buske



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