Frauen und Existenzgründungen: Rampensäue ausdrücklich erwünscht

Frauen und Existenzgründungen: Rampensäue ausdrücklich erwünscht Live

von Inga Wolter


Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig.
In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline hat in einer Serie die spannendsten Projekte vorgestellt. Zum vorläufigen Abschluss der Serie spricht Online-Redakteurin Inga Wolter mit Stephanie Birkner, Juniorprofessorin an der Universität Oldenburg, und fragt sie: Wo sind all die Gründerinnen?

Stephanie Birkner hat eine wunderbare Aufgabe, wie sie selbst findet: "Ich darf mich mit hochmotivierten Frauen auseinandersetzen und aus ihnen herauslocken, wie toll sie sind.
" Sie ist 33 Jahre alt, war freiberuflich als Beraterin und Coach tätig und wurde 2013 als Gründerunterstützerin mit dem Gründerpreis der Uni Oldenburg ausgezeichnet. Dort baut sie seit 2014
den Bereich "Female Entrepreneurship" auf. Ihr Ziel: Frauen für das Thema Gründung sensibilisieren und Konzepte für deren Unterstützung entwickeln.

Forschst du noch oder gründest du schon? Das fragt Stephanie Birkner (33), Juniorprofessorin für Female Entrepreneurship an der Universität Oldenburg, gerne mal junge Wissenschaftlerinnen. (Foto: Universität Oldenburg)
von Inga

Frau Birkner, was würden Sie selbst gerne gründen?
Ein Unternehmen fürs Beamen (lacht). Das könnte ich gut gebrauchen, um schneller an unterschiedlichen Orten zu sein: im Kindergarten, bei Konferenzen. Nein, im Ernst: Vieles geht über Webkonferenzen, aber der persönliche Kontakt geht durch die Digitalisierung schon verloren.

Sie sind Juniorprofessorin für Female Entrepreneurship. G
ibt es einen markanten Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Gründern?

Jein, Gründung an sich hat kein Geschlecht. Es geht um Talent, Ideen und Mut.
Und es gibt unglaubliche viele Arten von Gründertypen – unabhängig vom Geschlecht. Meiner Meinung nach gibt es aber einen - und ich sage bewusst - möglichen Unterschied: die weibliche Intuition, die geprägt wird durch die Sozialisation der Frauen. Das könnte ein Anriss sein, aber ich bewege mich damit auf Glatteis. Fest steht: Frauen sind risikobewusster. Ihre Unternehmen wachsen langsamer, aber stabiler. In Krisen haben sie damit dann unternehmerisch oft nicht so große Einbrüche wie ihre männlichen Counterparts. Wenn sie Personal einstellen, denken sie länger darüber nach, weil sie es dann auch halten können wollen.

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Trotzdem: Nach 19 Folgen über die Gründerszene im Nordwesten ist mein Eindruck: Gründen ist doch männlich. Denn 15 von 19 Teams bestanden aus Männern. Nur einige hatten mit der Zeit Frauen ins Boot geholt. Entspricht das der Realität oder haben die Frauen sich gut vor mir versteckt?
43 Prozent aller Gründer in Deutschland sind laut einer Studie Frauen. Das ist auf den ersten Blick nicht wenig. Man muss aber bedenken, dass ein großer Teil davon Nebenerwerbs-Gründungen sind - vielleicht ein Zeichen dafür, dass Frauen vorsichtiger sind, lieber zunächst neben einem festen Job gründen. Die Unterscheidung von Haupt- und Nebenerwerb ist jedoch unglücklich. Wenn eine Frau neben Job oder Haushalt 15 Stunden für ihre Gründung arbeitet, kann sie marktwirtschaftlich effektiver sein als ein Gründer, der dafür 40 Stunden in der Woche braucht.

Vier starke Gründerinnen aus dem Nordwesten:

Sabrina Hoppmann: Vom Glück, selbstständig zu sein
Physiotherapeutin Corinna Ciesla: Wo die Entspannung an der Haustür klingelt
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Woher kommt diese Zurückhaltung?
Ich glaube, teilweise an der fehlenden Idee davon, dass Gründung überhaupt eine Option sein kann. Und dann an dem letzten Schritt, sich von der Intention ins Gründungsleben zu stürzen. Da fehlt es noch an Angeboten, die Frauen an beiden Punkten abholen. Wie? Gute Frage. In der Forschung gibt es zwei Tendenzen. Die einen meinen, Frauen gründen anders, weil sie andere Voraussetzungen, also nicht die gleichen Chancen, haben. Die anderen meinen, Frauen gründen anders - und das ist gut so, das müssen wir mehr unterstützen. Problem hier ist: Die Förderung von weiblichen Gründungen funktioniert nicht, wenn Gründerin und Berater Anhänger verschiedener Lager sind. Ich glaube, keine Tendenz trifft ganz zu, und eine Mischung aus beiden Ansätzen ist auch schwierig. Es muss also einen vierten Ansatz geben. Für den bin ich.

Und der wäre?
(lacht) Das weiß ich auch noch nicht. Aber genau das ist ja auch mein Job: Darauf will ich im Laufe meiner Forschung eine Antwort finden.

Welche Ängste haben Gründerinnen?
Dass es in die Hose geht. Die deutsche Fehlerkultur ist hart – das gilt aber natürlich auch für die männlichen Gründer. Hier bin ich ein schwarzes Schaf, wenn ich scheitere. In den USA wird da ganz anderes rangegangen. Da rappel ich mich auf, lerne aus meinen Fehlern und fange mit erhobenem Haupt von vorne an. Gründer können gegenüber Gründerinnen diese Attitüde vielleicht leichter annehmen. Sie gehen ein erneutes Risiko vielleicht leichter an, grübeln weniger nach.

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Gründe
n Frauen in anderen Bereichen als Männer?
Die Statistiken sagen ja. Die sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil gemischte Gründungsteams unterschiedlich einbezogen werden. Stimmt schon: Viele machen sich im sozialen oder kreativen Bereich selbstständig. Es gibt auch Frauen in Hightech-Branchen. Das sind aber eher selten reine Frauenteams – schlichtweg auch, weil es in den MINT Bereichen insgesamt schon weniger Frauen gibt. Die Außendarstellung übernehmen in diesen Unternehmen aber meistens die Männer. "Ich bin halt nicht so die Rampensau", höre ich dann oft und haue den Frauen schon mal auf die Finger: Ihr habt einen gesellschaftlichen Auftrag! Ihr müsst den Mädels da draußen zeigen, dass es euch gibt und dass es geht!

Aus Ihrer Erfahrung: Warum gründen Frauen Unternehmen?
Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche haben eine Idee und stellen fest: Das macht noch keine(r). Andere Frauen gründen, um flexiblere Arbeitsmodelle für sich realisieren zu können. Der Arbeitsmarkt bietet nicht immer die passende Struktur mit Blick auf Arbeitszeit und -ort. Und klar, einiges sind Notgründungen, um schlichtweg die eigene Existenz zu sichern.

Wie kann man mehr Frauen für Existenzgründungen gewinnen?
Über Druck erreicht man wenig. Die Arbeit mit Vorbildern funktioniert meiner Meinung nach besser. Ein kleiner Leuchtturm von Gründerinnen ist wichtig. Die "SheHeroes" machen es vor. Das sind kleine Filme über Frauen in Führungspositionen. Man muss aber an mehreren Schrauben gleichzeitig drehen. Die Frauen sollten sich gegenseitig durch positive Beispiele befördern - sich Mut machen. Zusätzlich brauchen sie das fachliche, thematische Wissen zum unternehmerischen Entscheiden und Handeln.
Durch welche Drehung an welcher Schraube die Gründung schließlich in die Tat umgesetzt wird, was den letzten Impuls auslöst und vor allem, was diese Gründungen dann erfolgreich macht, das ist offen.

SheHeroes: Seeing is Believing (Video in englischer Sprache)
von piamedia via YouTube

Dann nennen Sie mal ein paar Vor
bilder aus der Region.

Ein bekanntes Beispiel ist Elke Haase vom Pflanzenspezialisten Piccoplant. Bei Piccoplant hat eine Frau den gesamten Gründungsprozess initiiert und begleitet.
Melanie Philipp, Geschäftsführerin von der VitaAkademie, ist  ein Beispiel für eine zunächst durch die Uni geförderte Gründerin, die mittlerweile ein Dienstleistungsunternehmen mit 13 Standorten führt. Ein aktuelles, bekanntes Beispiel für ein gemischtes Team ist der Sexspielzeug-Anbieter Amorelie. Sie kommen im Vertrieb sehr weiblich rüber, eine Spur anrüchig, aber nicht schmutzig. Sie betreiben ein uraltes Geschäft mit einem neuen Konzept und stellen Lust positiv dar.
In den Medien herrschen zumeist zwei Stereotypen vor: die Unternehmerin, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen muss, oder der harte Typ, der sich gegen die Männer behaupten muss. Dabei sind die Profile von Gründerinnen um so vieles vielfältiger. Wichtig ist, sie zeigen anderen Frauen: Es geht.

Sind Sie für die Frauenquote?
Jein. Sie ist ein wichtiges Instrument, um das Thema endlich mit etwas mehr Schwung ins Rollen zu bringen.
Es ist aber auch nicht gut, wenn Frauen auf Positionen landen, für die sie sich nicht geeignet fühlen und in die sie nicht qualifiziert und vernetzt in die Position hineinwachsen konnten. Das ist dann einfach nur unfair, weil sie nicht unter den gleichen Bedingungen wie ihre männlichen Kollegen agieren können. Dann wären sie vielleicht zum Scheitern verurteilt. Das gilt auch für Gründungen. Wir sollten Frauen da nicht zwanghaft reinschubsen.
Wir sollten sie
mit dem Thema vertraut machen und ihnen zeigen, dass es neben Festanstellungen andere, wirtschaftlich wichtige und persönliche interessante und spannende Wege in die Erwerbstätigkeit gibt. Deutschland steckt so viel Geld in die Ausbildung von jungen Frauen. Dennoch liegt so viel Innovationspotenzial brach. Beispielsweise ist neben den jungen Absolventinnen insbesondere auch die ältere Frauengeneration mit Gründergeist im Blut absolut wertvoll für den Markt. Gerade sie haben besonders viel Lebenserfahrung und können sich mit einem immer größer werdenden Kundenstamm gut identifizieren.

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Was geben Sie potentiellen Gründerinnen an die Hand?
Vor allem sollten sie ein Bild von sich als Gründerin im Kopf haben.
Es gibt da kaum ein richtig oder falsch. Wichtig ist, dass sie authentisch hinter ihrer Gründungsidee stehen. Auch sollten sie wissen: Sie können nicht nur gründen, wenn sie eine eigene Idee haben. Sie können sich auch einem Team anschließen. Die Start-up-Community entwickelt sich schnell, da gibt es mittlerweile schon Gründer-Castings. Wer ein Unternehmen gründen will, sollte Leute ansprechen, die genau das machen, zum Beispiel auf Gründertreffen. So können sie herausfinden, ob ihnen das passt. Und immer dran denken: Gründung muss nicht immer gleich riesig sein. Sie kann auch vom Küchentisch aus passieren.

Zurück zu Ihrer Gründeridee: Mein Physiklehrer hat zwar immer gesagt, dass Beamen theoretisch möglich wäre. Aber es liegt doch weit in der Zukunft. Haben Sie noch einen realistischeren Plan?
Ich würde gerne Aussteiger unterstützen - einfach weil ich diesen Typ Mensch spannend finde. Ich würde Leuten, die eine 180-Grad-Wendung im Lebensmodell anstreben, mit meinem Programm einen Dreh- und Angelpunkt
durch Dienstleistungen und Produkte bieten. Egal, ob sie als Selbstversorger aussteigen oder wegen einer Krankheit. Gute Backpacking-Agenturen für die Generation 50+ gibt es ja leider schon. Die Idee hätte mir sonst auch gefallen.


Das Wirtschaftsministerium bietet ein Online-Training für Gründerinnen an. Es orientiert sich an den Bedürfnissen und Anforderungen von gründungsinteressierten Frauen mit Familie und an zukünftigen Kleinunternehmerinnen.

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18 Gründerinnen in Deutschland

NWZ-Serie "Frauen an der Spitze"

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