Ehrensache: Unterstützung auf dem Weg ins Berufsleben

Ehrensache: Unterstützung auf dem Weg ins Berufsleben Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler



Wo soll es beruflich hingehen? Jobpaten helfen Schülern bei der Entscheidungsfindung.
von Jantje

Später Nachmittag, irgendwo in einem Oldenburger Café. Eine Frau und eine Jugendliche nehmen an einem der Tische Platz. „Was möchtest du trinken?“ „’ne Cola.“ Sabine und Julia-Marie wirken vertraut. Sie kennen sich jetzt schon seit… ja, seit wann denn eigentlich? „Ich glaube seit 2013“, sagt Sabine. Julia ist baff. „Echt, schon so lange?“

Aber ja – 2012 war das, da hat Sabine in der NWZ den Artikel über die ehrenamtliche Arbeit der Jobpaten gelesen.

„Hilfe zur Selbsthilfe: Jungen Menschen die Hand zu reichen und sie auf dem Weg ins Berufsleben zu unterstützen, dafür entscheiden sich die Jobpaten, die in der Agentur Ehrensache bei der Stadt aktiv sind“
Artikel NWZ 16. August 2012

Veranstaltungskauffrau Sabine Großmann fühlte sich sofort angesprochen. Das wollte sie auch. In dem damaligen Betrieb, in dem sie beruflich tätig war, war sie ohnehin Ausbildungsbeauftragte und kümmerte sich um Praktikanten. Durch ihre mittlerweile 19 und 23 Jahre alten Töchter hatte die Oldenburgerin außerdem gemerkt, „wie schwierig die Entscheidungsfindung ist, wie viele Wege und Optionen es für die Berufswahl gibt“. Gerne wollte sie junge Menschen bei dieser schwierigen Entscheidung unterstützen.

Bei einem Einführungsseminar für Jobpaten bekam Sabine Großman einen Leitfaden für ihre neuen Aufgaben.
von Jantje

Auch Julia-Marie, Schülerin der Helene-Lange-Schule, erinnert sich, wie sie von den Jobpaten erfahren hat: „Die Klassenlehrer haben davon berichtet. Ende der 7. Klasse.“ Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die meinten, dass sie diese Hilfe bräuchten, sollten sich melden. „Und ich wusste, dass ich Hilfe brauche“, erzählt die 16-Jährige.

Schließlich plante sie, nach der 9.
oder 10. Klasse abzugehen. Und so in etwa wusste sie auch schon, was sie danach machen wollte: etwas in Richtung Pflege/Medizin. Aber…wie schreibt man eine Bewerbung? „Ich wollte professionelle Hilfe“, erzählt sie, „damit ich weiß, dass es richtig ist.“ Zwar kann sie auf die volle Unterstützung ihrer Eltern zählen; aber aus persönlich-familiären Gründen können die ihr nicht so professionell zur Seite stehen, wie Julia-Marie sich das wünscht.

Seite an Seite: Jobpatin Sabine Großmann unterstützt Julia-Marie beim Weg ins Berufsleben.
von Jantje

In einem "Matchingprozess" wurden die neuen Jobpatinnen und Jobpaten – Frauen bekommen Schülerinnen zugewiesen, Männer Schüler – in den Schulklassen vorgestellt. Sabine Großmann hatte sich nach einem Einführungsseminar der Agentur Ehrensache, an dem sie und die anderen neuen Jobpaten teilgenommen hatten, gewünscht, eine Schülerin der Helene-Lange-Schule zu bekommen. Schließlich hatten ihre eigenen Töchter ebenfalls diese Schule besucht.

 

Die JobPaten…

  • unterstützen Jugendliche beim Übergang ins Berufsleben und beantworten alle damit verbunden Fragen der Jugendlichen,
  • ­stehen bei allen Fragen rund ums Erwachsenwerden mit Rat und Tat zur Seite,
  • ­motivieren ihre „Schützlinge“, machen ihnen Mut und stärken ihr Selbstvertrauen,
  • ­unterstützen bei der Suche nach geeigneten Ausbildungs- und Praktikumsplätzen,
  • ­helfen bei Behördengängen und beim Verfassen von Bewerbungen.

Im Gegensatz zu den Jobpaten haben die Jugendlichen bei der Zuteilung ihres Jobpaten bzw. ihrer Jobpatin ein Mitspracherecht. „Ich wollte eigentlich die Gärtnerin haben“, erinnert sich Julia-Marie lachend, „dann habe ich Sabine bekommen – wo ich sehr froh drüber bin“, erzählt sie und guckt ihre Jobpatin an. Die blickt strahlend zurück.

Da es für alle Schülerinnen des vierzügigen siebten Jahrgangs nur sieben Jobpatinnen gab, stand fest, dass einige Schülerinnen leer ausgehen würden. Selbst wenn manche der Jobpatinnen auch zwei Schülerinnen betreuen. Julia-Marie war die Einzige in ihrer Klasse, die eine bekam. „Wenn ich was möchte, bin ich sehr ehrgeizig“, erklärt sie. Immer wieder fragte sie bei ihrem Klassenlehrer nach, um zu verdeutlichen, dass sie unbedingt eine Jobpatin haben wollte.

Das erste Treffen fand bei Julia-Marie zu Hause statt. Dabei besiegelten die Jobpatin und die Schülerin ihre künftige Zusammenarbeit mit einem Vertrag. …Ein Vertrag? „Ja, um dem Ganzen einen offizielleren Rahmen zu geben“, erklärt Sabine. Ein respektvoller Umgang miteinander und pünktliches Erscheinen zu vereinbarten Terminen sind zum Beispiel zwei der Punkte, zu dem sich beide Seiten verpflichten.

Schülerin, Mutter und Jobpatin haben die Zusammenarbeit mit einem Vertrag besiegelt.
von Jantje


„Wichtig war auch, dass Julia-Maries Mama dabei war.
“ Denn – das hat die Jobpatin im Einführungsseminar erfahren – es sei sinnvoll, klarzustellen: „Ich bin kein Mama-Ersatz.“ „Es gibt Eltern, die meinen, man wolle ihnen in die Erziehung reinreden“, sagt Sabine Großmann, „da muss man vorsichtig sein.“ Mit Julia-Maries Mama aber lief alles wunderbar: „Meine Mama fand’s gut“, berichtet die 16-Jährige. Gerade weil ihre Mutter wisse, dass sie selbst ihrer Tochter nicht so professionell helfen könne.

„Anfangs haben wir uns viel beschnuppert“, erinnern sich die beiden Oldenburgerinnen. Nach und nach bauten sie Vertrauen zueinander auf, fanden Antworten auf Fragen wie: In welche berufliche Richtung soll es gehen? Wo liegen die Stärken und Schwächen der Schülerin?

Die 16-Jährige möchte nach wie vor im Bereich Pflege/Medizin arbeiten; im Laufe der Zeit kamen konkretere Berufsbilder wie Anästhesieschwester, Operationsschwester und Kinderkrankenschwester hinzu.

Julia-Marie unterschreibt eine Bewerbung fürs Klinikum, die sie mit ihrer Jobpatin erstellt hat.
von Jantje

Nicht nur über persönliche Treffen, sondern vor allem über Facebook oder SMS stehen Jobpatin und Schülerin in regelmäßigem Kontakt. Als sie sich das letzte Mal getroffen haben, haben sie zwei Bewerbungen geschrieben. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so lange dauert“, gesteht Julia-Marie. Aber die Arbeit hat sich gelohnt: Aktuell absolviert sie ein zweiwöchiges Praktikum im Oldenburger Klinikum als Medizinische Fachangestellte in der Elektrophysiologie und ist schon bei EKGs dabei gewesen und der Büroarbeit. „Das Netzwerk der Jobpaten ist sehr nützlich“, merkt Sabine Großmann an, denn eine andere Jobpatin arbeite im Klinikum. Ohne Kontakte sei es schwer, einen Schüler-Praktikumsplatz zu bekommen: „Viele Betriebe nehmen da Abstand von, weil solche Praktikanten zeitaufwendig sind.

„Ich kann schon am ersten Tag sagen, dass das nicht mein Beruf wird“, berichtet die 16-Jährige. Ihre Jobpatin lacht. Auch nach ihrem Praktikum in der Physiotherapie vor einem Jahr wusste Julia-Marie, dass sie „das ganz bestimmt nicht machen will“. Stattdessen kristallisierte sich gemeinsam mit der Jobpatin und auch durch eigene Krankenhausaufenthalte immer mehr heraus: „Ich möchte Anästhesieschwester werden.“ Dazu muss sie erstmal eine Ausbildung zur Krankenschwester machen.

Vor kurzem hat sich Julia-Marie daher an der BBS 3 für einen Realschulabschluss in Pflegeassistenz beworben. Wenn es klappt, geht’s am 2. September los. Wie sie ihre Chancen selbst einschätzt? Julia-Marie holt Luft, blickt in die Ferne und zieht die Schultern hoch. „Ich weiß nicht…“, überlegt sie, „ich finde, dass es klappen müsste…“ „Sie wird angenommen!“, ermuntert ihre Jobpatin sie, „wir sind beide zuversichtlich.“ Ein gutes Zeugnis hatte Julia-Marie schließlich auch.

Wenn die Schülerin den Platz an der BBS 3 bekommt, ist das Jobpaten-Ziel erreicht. „Dann kannst du mich aber auch immer noch anrufen“, bekräftigt Sabine. Sie ist traurig, wenn ihr Patenkind „weg“ ist. „Ich habe mit Julia-Marie einen super Idealfall erwischt“, sagt sie. „Ich mag den Job total gerne. Das hält einen fit.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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