Tanztage in Oldenburg: "Denn der Körper kann nicht lügen"

Tanztage in Oldenburg: "Denn der Körper kann nicht lügen" Live

von Inga Wolter

Oldenburg tanzt mit:
Egal, ob für die Vorstellungen oder Workshops - die meisten Karten für die 12.
Internationalen Tanztage im Staatstheater sind längst vergriffen.
Schade, aber ein Grund für NWZonline, der Faszination Tanz auf den Grund zu gehen - viel besser, auf den Grund zu drehen, springen, schweben! Denn Tanzen bedeutet Träumen. Nur mit den Füßen.


Was ist überhaupt Tanztheater? Wie macht man es? Wie versteht man es? Redakteurin Inga Wolter traf sich mit Burkhard Nemitz, Direktor der Ballett-Compagnie Oldenburg, zum kreativen Gedankenaustausch.
Sie erwartete Fakten, Erklärungen, Choreografien. Sie bekam Cappuccino, Geschichten,
Inspirationen.

Bei den Tanztagen dabei: die Companie des Staatstheaters Braunschweig mit "Figure Out". Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga


Tanztheater bezeichnet eine Kunstform des Tanzes, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausbildete. Im Gegensatz zum klassischen Ballett mit seiner hoch stilisierten, traditionellen Bewegungssprache arbeitet das Tanztheater mit experimentellen Bewegungselementen und sucht nach genreübergreifenden neuen Formen für die tänzerische Darstellung. Dabei wird der theatralische Aspekt stark betont.

Das ist also Tanztheater, sagt Wikpedia.

Fragt man Burkhard Nemitz vom Oldenburger Staatstheater, klingt das anders. Kreativer. Vielseitiger. Leidenschaftlicher.

Nemitz ist überzeugt: "Im Tanz kann man sich nicht verstellen. Das merkt man schon in der Disco. Darum schauen die jungen Männer sich die Frauen auf der Tanzfläche genau an. Sie selbst stehen aber nur am Rand. Mit dem Körper kann man nicht lügen."

Er grenzt Ballett und Tanztheater nicht voneinander ab. Stattdessen zieht er lieber den Vergleich zum Schauspiel. "Tanz ist eine viel offenere Form", sagt er. "Das Schauspiel aber hat immer den Text." Es klappe selten, ihn wegzulassen oder umzustellen. "Es ist schwierig, ihn frei zu benutzen." Nemitz hat den Vergleich, weil er schon als Junge in der Oper sang, seine Karriere als Theaterregisseur begann und erst später zum Tanz kam. "Tanz ist so wahnsinnig frei!", sagt er.

Die Produktion müsse stark sein, Assoziationen freisetzen. "Sie muss etwas mitteilen wollen", meint Nemitz. Das schaffe kein Choreograph, wenn er sich seine Tänzer formen will. "Dann sieht der Tanz wie unterrichtet aus." Das sei anders, wenn die Tänzer sich als selbstständige Künstler bei der Entwicklung einer neuen choreografische Sprache miteinbringen. "Ich glaube, das ist das Geheimnis. Das Publikum spürt diesen Moment des Neuen. Darin liegt die besondere Kraft."

Klassisch bis experimentell: Trailer zu den 12. Internationalen Tanztagen
via YouTube

Wichtig ist die Musik. "Sie ist der Lkw.
Er transportiert etwas, die Szene. Im Tanztheater muss man der Musik etwas Gleichwertiges gegenüberstellen."
Ein Beispiel: Antoine Jullys "Die schönste aller Welten", ein Doppelabend, der im ersten Teil das ungleiche Paar George Sand und Frédéric Chopin behandelt. In einer Biografie über George Sand kann man nachlesen, dass sie ihre Tochter schlecht behandelt hat. "Im Tanz aber kann man keine Biografie ablesen", sagt Nemitz. Aber: Man könne zwei Frauen zeigen, von denen die eine die andere dominiert. Dominanz sei das Thema der Szene, die Lkw-Ladung.

Die Wirkung: ein Phänomen. Ein Energieaustausch zwischen Tänzern und Publikum. Der klappt oder eben nicht klappt. "Das kann man nicht kalkulieren", sagt Nemitz. Aber was muss der Choreograph schaffen, was die Tänzer, damit der Funke überspringt? Es kommt, wie so oft, auf die Haltung an: "Der Körper muss offen sein." Das heißt: "Die Tänzer müssen die vierte Wand, das Publikum, spüren." Als Choreograph merke man schon beim Casting, ob ein Tänzer seine Zuschauer wahrnehme. "Bei allen Kompagnien, die ich für die Tanztage ausgesucht habe, ist die Hinwendung zum Publikum eine starke", betont Nemitz.
Einige Kompagnien müssten das Publikum erobern, einige hätten es schon geschafft. "Manchmal funktioniert es von Anfang an."

"Tanzt, sonst sind wir verloren": Pina Bausch, Tänzerin und Choreografin an den Wuppertaler Bühnen, gilt als Begründerin des modernen Tanztheaters. Ihr widmete Wim Wenders einen Film.
von vipmagazin via YouTube

"Tanz hat eine Dimension, die sich unserem Denken entzieht", ergänzt Nemitz' Kollege Dirk Elwert, der 2002 Tanzkompagnie-Leiter in Oldenburg war, 2003 und 2005 die Balletttage leitete und mit seiner Kulturagentur einige Tanztage-Gruppen vermittelt hat.
Er habe eine Verbindung zu alten Ritualen. "Denn der Mensch tanzte, bevor er sprach", sagt Elwert.
Zu Anfang des 20. Jahrhunderts begann sich eine neue Form des Tanzes vom Ballett abzugrenzen: das Tanztheater. "Technik war damals verpönt, Freiheit ging über alles." Dazu gehörte der Mut zu fallen, nicht synchron zu sein.

Elwert wagt eine Abgrenzung zum Ballett: "Ballett strebt nach oben, Tanztheater wird aus dem Boden heraus entwickelt." Vor allem Pina Bausch,
Tänzerin und Choreografin an den Wuppertaler Bühnen, prägte den neuen Tanzstil. Seit den 90er Jahren verschwimmen die Grenzen zwischen den sich zunächst abgrenzenden Stilen.

Wenn das Publikum mittanzt, funktioniert es, egal ob Ballett, Tanztheater oder einfach nur Tanz: "Die Zuschauer brauchen eine Offenheit, eine Beweglichkeit, nicht im Körper, aber im Kopf."
Das ist es auch, was Nemitz, gerade jetzt, am Tanz reizt: "Mit der Zeit, wenn man älter wird, wird man unbeweglicher. Der Tanz ermöglicht höchste Beweglichkeit im Kopf."

Tanzen ist Freiheit. Damit im Tanztheater Assoziationen freigesetzt werden, müssen Tänzer und Zuschauer beweglich sein. Vor allem im Kopf. Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga
Burkhard Nemitz, Direktor der Ballett-Compagnie Oldenburg, setzt auf Tänzer, die ihr Publikum bei jedem Schritt, jeder Drehung, jeder Figur spüren. Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga
Mit "Empreintes Massai" feiert der Tänzer und Choreograf Georges Momboye bei den Oldenburger Tanztagen Premiere. Er ist vor allem aus der Show "Afrika, Afrika" bekannt.
Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga
So leichtherzig kann ein letztes Lied sein: "Une dernière chanson" des Malandain Balletts Biarritz.
Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga
Werkschau zu Maura Morales: Mit drei verschiedenen Arbeiten stellt die Cooperativa Maura Morales die kubanische Choreografin und Tänzerin bei den Tanztagen vor. Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga
In "Schneewittchen und die sieben Schweinchen" wird die Märchenwelt tänzerisch auf den Kopf gestellt. Foto: Staatstheater Oldenburg
von Inga
Dirk Elwert leitete 2003 und 2005 die Ballettage. Foto: privat
von Inga Wolter
 
 

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"Wir suchen im Theater oft die politische Aussage", sagt Nemitz. Die politischen Themen seien aber subtiler. "
Politische Themen sind mit Gefühl und Körper einzulösen. Wir müssen uns mit unseren verschütteten Gefühlen beteiligen." Wenn die Tänzer die hervorholen und einsetzen, kann die Szene also das Publikum erreichen. Denn der Körper ist ehrlich.

Zum Mittanzen
Nur i
n einigen Workshops gibt es noch freie Plätze. "Und das, obwohl wir nur wenige Angebote für Anfänger haben", sagt Nemitz. "Das zeigt: Es wird getanzt!" Zum Beispiel in den Oldenburger Ballettschulen. Auch unabhängig von den Tanztagen.
"Die Leute machen es das ganze Jahr, auch ohne dass der Scheinwerfer auf sie gerichtet ist."
Workshops während der Tanztage
Tanzkaraoke und Partys
Für Jugendliche

Zum Anschauen - Restkarten
Für Tanztheater-Einsteiger empfiehlt Burkhard Nemitz  das
Théâtre de Suresnes Jean Vilar mit dem märchenhaftem "Schneewittchen und die sieben Schweinchen".
Maura Morales: "Ella" am Montag, 20. April, ab 20 Uhr in der Exerzierhalle, "Sisyphos war eine Frau" am Dienstag, 21. April, ab 21 Uhr in der Exerzierhalle.
Stephen Shropshire: My Everlasting‘ am Donnerstag, 23.
April, ab 20 Uhr und am 24. und 25. April ab jeweils 21 Uhr in der Exerzierhalle
.

Und sonst so?

Tanztheater in der Kulturetage

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