Die ganze Welt lebt im Circus Roncalli

Die ganze Welt lebt im Circus Roncalli Live

von Inga Wolter

Fünf Menschen aus vier Ländern kommen zum Frühstück im "Café des Artistes" des Circus' Roncalli zusammen.
Sie sind schon durch ganz Europa gereist und sprechen neun Sprachen. Mindestens. Die Begrüßungsformeln und Satzfetzen, die sie nebenbei auf Chinesisch oder Japanisch aufgeschnappt haben, nicht mitgezählt. Die Fünf sind ein kleiner, lebendiger Ausschnitt des großen, internationalen Roncalli-Universums.


Fünf Zirkusleute aus vier Nationen beim Frühstück im "Café des Artistes" (von links): Sarah Melbinger (Deutschland), Sergi Buka (Spanien, Katalonien), Anatoli Akerman (Russland, Israel) und das Duo Viro mit Robert Szabo und Vivien Galovicz (Ungarn).
von Inga Wolter

Insgesamt sind 18 Nationen unter dem Zirkuszelt vereint. Sie arbeiten, leben und feiern zusammen.

Da ist Anatoli Akerman, der Clown. "Ich weiß nicht, woher ich komme, wo meine Heimat ist", sagt der 44-Jährige. "Ich bin ein 'international traveler'." Ein international Reisender. Einer, der alle paar Jahre in einem anderen Land arbeitet. Er kam in Russland zur Welt, wuchs auch in der Ukraine auf, hat einen israelischen Pass und lebt - zurzeit - in Deutschland. "Meine Lieblingsstadt ist jetzt Berlin", sagt er auf Englisch, denn Russisch oder Hebräisch spricht in der Frühstücksrunde niemand.

Anatoli wollte ursprünglich Computeringenieur werden. Er wurde aber Clown - aus zwei Gründen. "Mein Onkel war Komiker. Er war so lustig!", erzählt er. "Ich dachte, dass man es leicht lernen könnte." Außerdem war er früher in der Schule der Kleinste in der Klasse. Mit Witzen kämpfte er um die Aufmerksamkeit seiner Schulkameraden. "Irgendwann begann ich, diese lustige Person auch im Leben zu spielen." Er entwickelte sich vom  Klassen- zum Proficlown.

"Weiß nicht, wo meine Heimat ist": Clown Anatoli Akerman ist in Russland geboren und hat einen israelischen Pass. Gelebt hat er jeweils mehrere Jahre in Israel, USA und Japan. Bild: Schneiderin Anna Heinz hilft ihm gerade in eines seiner Clown-Kostüme.
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Die Clown-Company im Circus Roncalli. Vorne: Anatoli Akermann. 2.v.unten: Sarah Melbinger. 
Bild:
Roncalli/Bertrand Guay
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So leicht, wie zunächst angenommen, war es dann doch nicht. Aber Anatoli blieb dran. Er suchte sich weitere Lehrer, sog ihr Wissen auf. Lernte Pantomime, Stepptanz, Jonglage. Schon seit 15 Jahren lebt er immer woanders. 1990 wanderte seine Familie nach Israel aus. Nachdem er bei einem Clown-Festival in Jaffa einen Preis gewonnen hatte, arbeitete er in Las Vegas und Tokio. Immer drei, vier Jahre am Stück, bis wieder eine neue Lebensstation anbrach.
Seit zwei Jahren macht er seine Späße in der Roncalli-Manege. Vor allem in den technischen Umbaupausen tritt er auf.

"Irgendwann will ich wieder in einem Land bleiben", sagt Anatoli. "Aber es ist so schwer, sich für eines zu entscheiden, wenn man viel reist."  Es komme auch immer darauf an, welche Leute man kennenlerne.

Die ungarischen Akrobaten Robert Szabo und Vivien Galovicz vom Duo Viro sind schon durch ganz Europa gereist. Sie lieben ihr abwechslungsreiches Leben, vermissen aber ihre Familie daheim.
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Robert Szabo und Vivien Galovicz bei der Arbeit: Schon seit 2008 treten sie mit ihrer Luftakrobatik-Nummer auf, im dritten Jahr bei Roncalli. In Kollegenkreisen werden sie "Romeo and Juliet" genannt. Foto: Roncalli/Bildarchiv
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Begeistern mit Leichtigkeit und Grazie: Robert Szabo und Vivien Galovicz wollen solange wie möglich im Zirkus leben und arbeiten.
Bild: Roncallii/Archiv
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Roncalli in Wien: Hier schnupperte Akrobatin Vivien Galovizc schon als Kind Zirkusluft. Seitdem träumte sie von einem Roncalli-Engagement. Bild: Roncalli/Udo Weger
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Vivien Galovicz (26) und Robert Szabo (27) vom Duo "Viro" sind bereits durch ganz Europa getourt. Die Ungarn treten seit 2008 mit einer Luftakrobatik-Nummer auf und sind jetzt im dritten Jahr bei Roncalli. "Der Zirkus ist für uns schon ein bisschen wie ein Zuhause", sagt Robert. "Es war immer unser Traum, hier zu arbeiten." Warum gerade Roncalli? "Weil er der schönste Zircus auf der Welt ist und eine so schöne Geschichte hat." Vivien erzählt, dass sie die Show schon als Kind in Wien sah.

Ihr Traum ging in Erfüllung, nachdem sie
beim Festival "Mondial du Cirque de Demain" in Frankreich Silber gewannen. Zirkusdirektor Bernhard Paul fragte sie, ob sie zu Roncalli kommen wollten. Na klar, die beiden Artisten, die mit zehn Jahren auf der Budapester Artistenschule angefangen hatten, wollten. In Oldenburg sind die beiden schon mal beim Feuerwerk der Turnkunst aufgetreten. "Ich mag die Mentalität der Deutschen", sagt Robert. "Sie sind ruhig und freundlich."

Das ist die schöne Seite des Zirkuslebens: "Wir lernen immer wieder eine neue Sprache, lernen immer wieder neue Länder kennen", meint Robert. "Das ist die Magie." Überhaupt zählen er und Vivien lieber auf, in welchen Ländern sie noch nicht waren, als die lange Liste ihrer Reisen aufzuzählen. Aber es gibt auch eine schlechte Seite ihres unsteten Lebens. "Wir können nur selten bei unseren Familien in Ungarn sein", erzählt Vivien. "Jedes Jahr nur ein bis zwei Monate." Trotzdem möchten sie als Artisten, als Duo Viro weitermachen, "solange es geht".

Der spanische Magier Sergi Buka trat früher meistens auf Bühnen aus, bis die Magie des Zirkuslebens ihn verzauberte. In Katalonien hat er Haus und Familie.
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Sergi Buka zaubert mit Licht und Schatten.  Bild: Roncalli/Bertrand Guay
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Spiel mit dem Licht: Sergi Buka greift in die Limelight-Trickkiste. Bild: Roncalli/Bertrand Guay
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Mit der Magie des Zirkuslebens kennt Sergi Buka aus Barcelona sich aus - im doppelten Sinne: Er ist Zauberer. Aber keiner, der in die übliche Trickkiste greift. "Ich spiele mit Licht und Schatten." Der 40-Jährige ist Spanier und Katalane, hat in der Heimat Haus und Familie. Selten für einen Zirkusmenschen. Aber Sergi trat, bevor er zu Roncalli kam, meistens auf Bühnen auf. Über den spanischen Clown Monti kam der Kontakt zustande. "Der sagte mir mehrere Male, ich solle hier arbeiten." Irgendwann schickte Sergi ein Video und es klappte.

"In der Manege sehen mich die Zuschauer nun von allen Seiten", erklärt Sergi den Unterschied zur Bühnenarbeit. "Auf der Bühne hatte ich immer die Wand, die ich für die geheimen Handgriffe bei der Zaubertricks nutzen konnte." Doch auch er hat sich schnell ans Zirkusleben gewöhnt. Mit seinen fünf Sprachen - Englisch, Spanisch, Katalanisch, Italienisch und Französisch - ist sein Platz sowieso auf der internationalen Manege.

Internationale Manege: Aus 18 Ländern stammen die Roncalli-Artisten. Foto: Roncalli/Harald Dostal
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Die Roncalli-Sprache ist ein Mix aus vielen Sprachen. Oft wechseln die Artisten von der einen auf die andere Sekunde von Deutsch zu Englisch, von Spanisch zu Französisch. Missverständnisse gibt es kaum. "Ja klar, es kann schon mal schwierig sein, sich beim Training abzustimmen", sagt Anatoli. Aber das sei kaum von Belang. "Manchmal gibt es in der gleichen Sprache mehr Missverständnisse", meint er schmunzelnd. Nur die Temperamente seien sehr unterschiedlich. "Die Leute aus dem Süden reden lauter. Ihre Sprache klingt aggressiver." Wer das nicht wisse, könne meinen, sie seien wütend.

Gibt es ab und zu Streit in der farbenfrohen Zirkuswelt? "Nein!" Die Fünf schütteln den Kopf und grinsen. Pause. Anatoli rückt dann doch mit der Sprache raus. Ja, einmal hat er sich geärgert, als während eines Auftritt jemand im Hintergrund laut redete. Er konnte sich schlecht konzentrieren und putzte seine Kollegen daraufhin ziemlich runter. Ohne Wirkung. "Du bist so lustig, wenn du wütend bist!", riefen die Kollegen ihm zu und lachten. Anatoli ist und bleibt eben Clown.

Pudelwohl inmitten der vielen Nationen fühlt sich Sarah Melbinger, die Deutsche oder besser Bayerin, in der kleinen Frühstücksrunde.
Sie ist "wie die Jungfrau zum Kinde" zum Zirkus gekommen. Sie studierte Theaterwissenschaften in München und nahm Pantomime-Unterricht. Wie durch ein Wunder klappte es bei Roncalli. Sie liebt die internationale Atmosphäre, das Herumreisen. "Nach Berlin und Hamburg fahren viele. Ich sehe auch viele kleine, deutsche Städte", sagt sie. "Deutschland kenne ich besser als meine Münchener Kollegen."

Es war Liebe auf den ersten Blick: Sarah Melbinger wollte schon lange zu Roncalli. Ihr Traum wurde war.
Bild: Roncalli

von Inga Wolter

Mit den 18 verschiedenen Nationen kommen bei Roncalli auch viele verschiedene Bräuche und Traditionen zusammen. Der Frauentag ist in der Zirkuswelt spanisch. "Die Weißclowns schenken den Frauen Rosen." Sergi bestätigt, dass es dabei um einen Brauch aus seiner Heimat handelt. "Und die Männer bekommen Bücher." Warum auch immer.

Bei rund hundert Artisten hat fast jede Woche mindestens einer Geburtstag. Dann oder auch einfach so kocht jemand eine Spezialität aus seiner Heimat. Sarah erinnert sich noch genau an die Paella eines spanischen Clowns oder das Essen in einem ungarischen Restaurant in Düsseldorf. Dort führten Vivien und Robert die Zirkuskollegen hin.

Kleiner Ausschnitt einer großen, internationalen Zirkusfamilie (von links): Zauberer Sergi Buka, Clown Sarah Melbinger, Akrobat Robert Szabo, Akrobatin Vivien Galovicz und Clown Anatoli Akerman.
von Inga Wolter

Einige Feste
feiern die Roncalli-Artisten gleich mehrmals. Zum Beispiel Weihnachten: "Das liegt in Russland nämlich erst am 6. Januar", weiß Ungar Robert. Oder an Silvester, da stoßen sie, je nach Zeitzonen, um 22 Uhr, um 0 Uhr und so weiter an - auch eine schöne Seite des Zirkuslebens. "Wir sind eine große Familie", sagt Robert. Nach dem Frühstück im "Café des Artistes" ist klar: Die Fünf lieben ihr Leben mit den vielen Grenzgängen innerhalb der großen, bunten Zirkuswelt.

Nur die Gewohnheiten fehlen ihnen manchmal. "Es würde mich aber nicht langweilen, an einem Ort zu bleiben", sagt Anatoli. "Dann könnte ich Tomaten ziehen und meinen Kaffee immer im gleichen Café trinken." Er würde jeden Tag die gleichen Leute sehen und seine Freunde nicht nur über Facebook oder Skype gratulieren können. "Ich würde mir eine riesige Kaffemaschine kaufen", sagt er. "Die passt jetzt nicht ihn meinen Wohnwagen."

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