Ehrensache: Verkäufer und Seelsorger in einem

Ehrensache: Verkäufer und Seelsorger in einem Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler


 Gespendetes Geschirr liebevoll in Szene gesetzt: Vivien Schulz arbeitet gern beim Möbelhof der Diakonie.
von Jantje

„Könnten Sie mir das hier mal aufmachen?“ Die Frau legt eine flache Schachtel auf den Tresen. Eine Tischdecke soll darin sein. Claudia Campen nimmt die Schachtel entgegen und zückt die Schere. „Ach so, die ist rosa… Ich suche eigentlich eine weiße.“ Die Kundin begutachtet die Tischdecke und überlegt.

Seit Mai 2013 ist Claudia Campen im Möbelhof der Diakonie an der Cloppenburger Straße 313 tätig. Angefangen hat die Oldenburgerin damals als Ein-Euro-Jobberin; ihre Ansprechpartnerin bei der Arge hatte ihr vom Möbelhof berichtet. Claudia Campen, schwerbehindert und langzeitarbeitslos, gefiel die Einrichtung. „Ich wollte was tun, unter Menschen sein“, erzählt die 58-Jährige. Aus diesem Grund blieb sie dann auch beim Möbelhof, als die Ein-Euro-Stellen abgeschafft und in ehrenamtliche Mitarbeiten umgewandelt wurden. Das war im vergangenen Juni. Dreimal pro Woche ist die Oldenburgerin mittlerweile ganztags im Einsatz, ehrenamtlich.

Das Angebot des Möbelhofs ist groß. Kunden können hier gebrauchte Möbel, Hausrat, Geschirr, Elektrogeräte, Spielzeug, CDs, Bücher und DVDs zu niedrigen Preisen erwerben. Es sind alles gebrauchte Waren, die Bürger gespendet haben. Wer etwas abzugeben hat, sollte lediglich darauf achten, dass die Ware noch funktionsfähig ist. „Und Geschirr sollte möglichst komplett sein“, sagt Claudia Campen. In den Wochen vor Ostern haben die Ehrenamtlichen außerdem in einem der kleinen Räume einen „Ostermarkt“ aufgebaut. Auf wenigen Quadratmetern sind die Regale dicht bepackt mit frühlingshaften Figuren, Ostereiern und Blumen aus unterschiedlichen Materialien. Im Dezember findet man hier dann natürlich den Weihnachtsmarkt.


Deko für den Frühling in Hülle und Fülle
von Jantje
In vielen kleinen "Räumen" wie dieser Garage sind die Waren beim Möbelhof untergebracht.
von Jantje
Puppen-, Kinderwagen, Babybettchen und vieles mehr: Jeden Morgen stellen die ehrenamtlichen Mitarbeiter die größeren Objekte im Innenhof auf.
von Jantje
 
 

1 von 3


„Manchmal wissen wir gar nicht, was das ist, was die Kunden uns da gebracht haben“, erzählen Claudia Campen und Christian Schmidt, der seit anderthalb Jahren im Möbelhof im Einsatz ist. Neulich erst haben sie so ein undefinierbares Tupperwaren-Ding bekommen. Was soll man in dieser speziellen Form aufbewahren? Die Mitarbeiter grübelten und tüftelten an dem Ding herum. Letztlich zeichneten sie es – wie alle anderen Waren auch – mit einem Preis aus und stellten es ins Regal. Bei der Preisauszeichnung berücksichtigen die Mitarbeiter, ob es sich um ein Marken- oder ein NoName-Produkt handelt und aus welchem Material es ist. Dafür recherchieren sie auch regelmäßig im Internet.

Christian Schmidt und Maria Leusing, Koordinatorin der Diakonie-Läden in Oldenburg, zeichnen gespendete Vasen mit günstigen Preisen aus.
von Jantje

Das eingenommene Geld wird in erster Linie dazu verwendet, den Laden aufrechtzuerhalten. Das Gleiche gilt auch für den Diakonie-Laden "Stoffwechsel", der sich am selben Ort wie der Möbelhof an der Cloppenburger Straße befindet. Hier nehmen die ehrenamtlichen Mitarbeiter Kleidung entgegen bzw. verkaufen sie.

NWZ-Artikel vom 24. Februar 2015: Diakonie sorgt für Stoffwechsel

„Es ist so toll hier“, schwärmt Christian Schmidt. Auch er fing als Ein-Euro-Jobber an und blieb dann als Ehrenamtlicher dabei. „Unter den Kunden, die hier einkaufen, sind viele Kulturen vereint“, erzählt der 39-Jährige. Auch viele Menschen, die in Not sind, zählen zur Kundschaft.

„Wir sind nicht nur Verkäufer, sondern auch Seelsorger“, ergänzt Claudia Campen, „wir haben viele Stammkunden, die uns als Anlaufstelle zum Reden brauchen.“ Auch diese Aufgabe, das Reden, gehöre dazu. Ansonsten haben sie etwa 60 bis 70 zahlende Kunden pro Tag, schätzen die beiden Ehrenamtlichen.


Im Möbelhof bietet der Möbeldienst der Diakonie in Oldenburg gebrauchte Möbel, Hausrat, Geschirr und Elektrogeräte zu kleinen Preisen an.

Einkäufe können in bar oder mit einem Möbelschein der Jobcenter oder des Sozialamtes (Fachdienst soziale Hilfen) bezahlt werden.

Auf Wunsch liefert der Möbeldienst die erworbenen Möbel kostengünstig aus und baut sie auf. Der Möbelhof holt gebrauchte und wiederverwendbare Möbel bei Spendern kostenlos ab.


„Hier findet man fast alles, was man braucht“, sagt Kundin Doris Piepenstock, „der Laden ist gut sortiert.“ Wie die meisten Kunden wohnt auch sie direkt in der Nähe des Möbelhofs. Zuletzt hat sie einen hochwertigen Marken-Koffer erworben, vor Weihnachten hat sie Deko gefunden. Vor allem Sachen, die längere Zeit bei älteren Menschen im Schrank geschlummert haben, finden sich in den Regalen. „Es ist super hier, und die Kollegen sind nett“, sagt die 24-jährige Vivien Schulz, die erst vor kurzem im Möbelhof angefangen hat. „Man entdeckt viel Neues und Altes und kann sich Ideen für zu Hause holen.“ Zum Beispiel hat Claudia Campen neulich erst einen runden Esstisch festlich eingedeckt. Schick sieht das aus; auch wenn aus Platzgründen alles recht dicht an dicht stehen muss in diesem sozialen Kaufhaus.


Christian Schmidt ist ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Möbelhof der Diakonie an der Cloppenburger Straße.
von Jantje

Jeden Morgen stellen die Ehrenamtlichen einzelne, größere Möbelstücke draußen im Hof auf. Daher sind gerade männliche Mithelfer immer willkommen. Manchmal rufen auch Leute an und sagen, dass sie etwas für den Möbelhof zu Hause haben, es aber nicht vorbeibringen können. Daher gibt es auch einen Ehrenamtlichen, der einmal in der Woche solche größeren Möbelstücke abholt. Möbelstücke, die zu groß sind, kommen beim Bunten Kaufhaus des Möbeldiensts der Diakonie am Eßkamp 23 unter.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

Optionen

Kommentare
Klänge
Blog übersetzen
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform