"Elser hätte 55 Millionen Menschenleben gerettet"

"Elser hätte 55 Millionen Menschenleben gerettet" Live

Dieser Attentäter war bei aller Entschlossenheit kein grimmiger Sonderling, sondern ein smarter junger Mann vom Land. Ein Tischlergeselle, der Akkordeon spielte und Schlag bei den Frauen hatte. Georg Elser ist den Deutschen dennoch lange fremd geblieben, fremder als Sophie Scholl oder die Verschwörer vom 20. Juli 1944 um Graf von Stauffenberg. Vielleicht, weil er der verblüffendeste Widerstandskämpfer unter dem Regime der Nationalsozialisten war?

Der Kinofilm "Elser" schafft Gelegenheit, jenen Mann kennenzulernen, der Adolf Hitler am 8.
November 1939 fast getötet hätte.
Regisseur Oliver Hirschbiegel und Hauptdarsteller Christian Friedel erzählen im Interview, wie Georg Elser die Welt verändert hätte - und warum er keine Figur von gestern ist.


von Timo Ebbers

Gesprächsbereit: Christian Friedel (links) und Oliver Hirschbiegel im Casablanca. Bild: Piet Meyer
von timo.ebbers

Lässig geht jener Mann, den das Oldenburger Publikum gleich in der Rolle des Hitler-Attentäters Georg Elser überlebensgroß auf der Leinwand sehen wird, zur Bühne des Casablanca-Kinos. Christian Friedel begrüßt neben Regisseur Oliver Hirschbiegel das Publikum in zwei ausverkauften Sälen, während der Oldenburger Co-Produzent, Philipp Hoepp, so etwas wie eine Warnung für die Vorpremiere an diesem 7. April 2015 ausspricht: „Dieser Film geht unter die Haut.

Ein erstaunlicher Mann war dieser Georg Elser, dessen selbstgebastelte Bombe Adolf Hitler
am 8. November 1939 in München nur um 13 Minuten verfehlte. „Er hätte 55 Millionen Menschenleben gerettet. Kein vernünftiger Militär hätte die wahnwitzige Idee gehabt, eine 6000-Kilometer-Front mit Russland aufzubauen. Der Holocaust, da bin ich sicher, hätte sich so nicht ereignet“, sagt Hirschbiegel im Bistro des Kinos, während das Publikum allein mit dem Film fertigwerden muss, der am 9. April in den deutschen Kinos startet.

Filmkritik von Dr. Reinhard Tschapke: Ein einsamer deutscher Held, Nordwest-Zeitung, 1. April 2015

Die Gestapo rang Georg Elser in einem verschärften Verhör – das heißt: unter Folter – die Hintergründe seiner Tat ab. In diesem beklemmenden Szenario setzt der Film an, ohne zu beschönigen. Oliver Hirschbiegel, der sich bereits 2004 in seinem oscarnominierten Film "Der Untergang" mit dem Nationalsozialismus auseinanderandergesetzt hat, und Hauptdarsteller Christian Friedel erzählen im Interview von ihrer Faszination für die Geschichte Georg Elsers.

Dokumentationen und Hintergründe auf der Webseite des Georg-Elser-Arbeitskreises Heidenheim


Auszüge aus dem Interview mit Oliver Hirschbiegel und Christian Friedel
von timo.ebbers

NWZonline: Die Deutschen haben sich schwergetan mit Georg Elser, dem Helden des Widerstands aus der schwäbischen Provinz. Wie nah können wir an diese historische Figur heute überhaupt heranrücken?

Oliver Hirschbiegel: Sehr nah, hoffe ich, der Mann ist ja ein Beispiel! Mit dem Begriff Held bin ich vorsichtig. Ich weiß, dass Elser sich ungern als Held gesehen hätte. Er war Christ, auch wenn er mit seinem Gott nicht immer in Übereinstimmung war. Einen Menschen zu töten ist für ihn eigentlich undenkbar. Für mich ist das eine Linie, die ich nie überschreiten würde. Umso mehr bewundere ich den Mut und die Entschlossenheit Elsers, das zu tun.

Christian Friedel: Interessant, wie sich das widerspricht. In den zehn Geboten steht: Du sollst nicht töten.

Hirschbiegel: Deshalb gibt es diesen Diskurs, seit Thomas von Aquin oder noch früher: Ist eine Ausnahme denkbar? Die Kirche sagt ja, dass der Tyrannenmord gestattet ist, wenn der Selbstlose für die Gemeinschaft handelt, um viele andere Menschenleben zu retten.

Elser ist einmal als eigentlicher Gegenspieler Adolf Hitlers beschrieben worden. Hitler kommt in dem Film aber kaum vor. Warum eigentlich?

Hirschbiegel: Hitler war die Maschine, er war die Energie, die diese Bewegung getragen und vorangetrieben hat. Aber als Mensch ist der Hitler uninteressant. Da ist Georg Elser mit seinen unterschiedlichen Facetten und Widersprüchen viel spannender.

Dabei haben Sie doch einen ganzen Film über Hitler gedreht. Ich hatte vermutet, dass Sie nach der Debatte über „Der Untergang“ vielleicht genug davon hatten. Wim Wenders hatte Sie damals scharf kritisiert.

Hirschbiegel: In „Der Untergang“ geht es nicht um Hitler, sondern um den Untergang dieses Systems. Nein, das hat für diesen Film überhaupt keine Rolle gespielt. Übrigens hat sich Wim Wenders später für seine Kritik entschuldigt, bei Bruno Ganz, bei Bernd Eichinger und bei mir.

Wim Wenders Kritik an "Der Untergang" auf Zeit-Online, 21. Oktober 2004


Oliver Hirschbiegel hat natürlich Recht: Georg Elser hat die volle Aufmerksamkeit der Kamera verdient. Dieser Attentäter war bei aller Entschlossenheit kein grimmiger Sonderling, sondern ein smarter junger Mann vom Land. Ein Tischlergeselle, der Akkordeon spielte und Schlag bei den Frauen hatte. In Rückblenden lässt der Film das Leben in der Provinz aufleben, zeigt, wie sich der Nationalsozialismus einschleicht, aber auch Elser mit Freunden beim Blaumachen am See. Natürlich immer mit Musik. Dafür ist Christian Friedel Experte, Musiker der Band "Woods of Birnam".

Verführerisch: Georg Elser tanzt Tango mit Elsa. Bild: Bernd Schuller/Lucky Bird Pictures
von timo.ebbers
Ein Nachbau des Zünders der Bombe, die Hitler töten sollte. Bild: dpa
von timo.ebbers
Georg Elser im Verhör durch die Gestapo. Bild: Bernd Schuller/Lucky Bird Pictures
von timo.ebbers
Elser misst das Versteck für seine Bombe aus. Bild: Bernd Schuller/Lucky Bird Pictures
von timo.ebbers
 
 

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Herr Friedel, was hat die Musik Georg Elser bedeutet?

Friedel: Elser brauchte sie als Lebenselixier, und später im KZ war sie ein Überlebenselixier. Es wäre noch grausamer für ihn gewesen, wenn er die Musik nicht gehabt hätte – auch wenn es in der Isolationshaft schon grauenhaft genug war. Deshalb finde ich es so wichtig, dass die Musik in den unterschiedlichsten Situationen als ein selbstverständlicher Teil seines Lebens dargestellt wird. Natürlich wirkt  Musik auch auf Frauen sehr angenehm - bei Elser.  

Ein Sänger mit Akkordeon - das ist ein ungewöhnliches Bild von einem Attentäter.

Friedel: Bei den Szenen am Bodensee hatte ich mich vorher gefragt: Wirkt das nicht zu kitschig? Auch später im KZ, wenn ich plötzlich die Stimme erhebe, um zu singen – wirkt das nicht komisch? Aber es hat sich beim Drehen toll angefühlt. Schade, dass einem vieles im Leben so peinlich ist, dachte ich. Das ist etwas Wunderschönes: die Stimme zu erheben und zu singen.

Sie sind selbst Musiker, in der Szene am Bodensee tritt auch Ihre Band auf. Wie hat sich das angefühlt?

Friedel: Das ist ein wunderschöner Moment! Im Drehbuch stand, dass ich in dieser Szene mit dem Akkordeon improvisieren soll. Ich hatte Unterricht für den Film, aber ich würde niemals sagen, dass ich ein wahnsinnig toller Akkordeonspieler wäre. Und da wir Georg Elser als einen Freigeist sehen, der den aufkommenden Jazz der damaligen Zeit aufgesogen haben muss, haben wir gesagt: Komm, wir improvisieren einfach mit der Stimme. 

Herr Hirschbiegel, ein anderer wichtiger Einfluss ist die Heimat Georg Elsers in Königsbronn.

Hirschbiegel: Die ländliche Kultur, meine ich, macht ja uns Deutsche mehr aus als andere Völker in Europa. Es ist auch eine Tragik unserer Geschichte, dass die Nazis das für ewig in die braune Soße gezogen haben. Dabei ist das etwas sehr Schönes. Unsere Poesie, unsere Dichter, unsere Gedanken kommen da her.

Nicht nur die Heimat selbst, sondern auch der Heimatfilm hat in Deutschland einen zweifelhaften Ruf.

Hirschbiegel: Das Genre Heimatfilm fand ich immer faszinierend! Das ist nur in den 1940er und 50er Jahren total verkitscht worden und war eigentlich nichts Ernstzunehmendes mehr. Aber ich fand es spannend, das als Bezug wieder einzubauen.  

Herr Friedel, auch „Das weiße Band“, in dem Sie eine Hauptrolle gespielt haben, hat den Heimatfilm als Einfluss aufgenommen. Allerdings wurde da das Genre gegen den Strich gebürstet. Stimmen Sie mir zu?

Friedel:  Irgendwo habe ich gelesen, "Das weiße Band" sei ein Heimat-Horrorfilm. Etwas ist in den Leuten drin, in diesem kleinen Kosmos. Man kann diesen Film sicherlich als einen Vorfilm für "Elser" sehen. Doch wenn die Atmosphäre beim Weißen Band nicht so düster wäre, vielleicht auch durch diese Schwarzweißform, dann kommen wir dem nahe, was Oliver beschrieben hat. Ich kann mich an die Dreharbeiten erinnern: Das Volksfest, das wir auch dort gefeiert haben, war etwas Wunderschönes. Und einer der schönsten Drehtage war damals die Kutschfahrt mit meiner Filmpartnerin durch die Wälder.

So spannend diese Heimatszenerie auch ist: Manche Figuren im Dorf sind doch etwas grob geschnitten. Erich Härlen, der Mann von Georg Elsers späterer Verlobter Elsa, ist quasi in jeder Szene betrunken.

Hirschbiegel: Der Mann ist nicht nur ein Grobian! Ich kann Ihnen da nicht zustimmen. Der hat auch Farben dazwischen, bei denen man merkt, dass er hadert, dass er verzweifelt ist. Das spielt Rüdiger Klink auch sehr schön.

Friedel: Wir sind heute diese unglaublich epischen Serien gewohnt. In einem Film ist es manchmal schwierig, diesen Gesamtkosmos zu zeigen. Dann ist es natürlich so, dass man vieles anreißt. Aber gerade in der Rolle, die Rüdiger Klink spielt, gibt es Momente, die eine spannende andere Seite zeigen. Zum Beispiel bei diesem unglaublich gewalttätigen Übergriff auf Elsa. Da spürt er, dass da ein wahnsinniges Unglück in ihm herrscht. Wenn man sich das als Zuschauer weiter ausmalt, dann entsteht ein größeres Bild. Ein anderes Beispiel ist der Dorfbürgermeister Eberle, der fast tollpatschig versucht, noch irgendwo die Balance zu finden. Da werden viele Schattierungen gezeigt und nicht nur Abziehbilder der Nazis ausgestellt.

Herr Hirschbiegel, die Folterszenen wirken unheimlich stark. Muss diese Härte sein?

Hirschbiegel:
Als deutscher Regisseur kann man es sich nicht erlauben, da irgendetwas zu verharmlosen. Verschärftes Verhör bei der Gestapo war verschärftes Verhör. Das war ein Unrechtssystem, in dem man schutzlos ausgeliefert war. Das muss man auch so schildern und den Leuten vermitteln, was das bedeutet.

Rührt die starke Resonanz in der Öffentlichkeit auch daher, dass Folter seit dem 11. September 2001 immer wieder ein aktuelles Thema ist?

Hirschbiegel: Natürlich ist das ein Verweis auf die Gegenwart. Die Diskussion, dass Folter unter bestimmten Voraussetzungen akzeptabel sei, gibt es seit einigen Jahren in demokratischen Systemen. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf! Die Leute wissen gar nicht, was das bedeutet! Viele Regiekollegen drücken sich davor oder machen ihre Recherchen nicht anständig und zeigen zum Beispiel Waterboarding in einer Art, die nicht realistisch ist. Das ist viel grauenhafter und technisch ganz anders, als ich es bisher in Filmen gesehen habe.

Offenbar rührt Sie dieses Thema sehr persönlich an.

Hirschbiegel: Wenn man sich schon anmaßt, das als Möglichkeit anzudenken, sollte man auch wissen, wovon man spricht. Für mich ist die Linie ganz klar da überschritten, wo es um Vergewaltigung, Folter und ums Töten geht. Das ist nicht meine Welt. Und deshalb ist es meine Verantwortung, den Leuten, die glauben, das sei vielleicht ihre Welt, zu zeigen, was das eigentlich für eine Welt ist.

Herr Hirschbiegel, Herr Friedel, vielen Dank für das Gespräch!

ELSER - ER HÄTTE DIE WELT VERÄNDERT | Trailer #2 [HD]
von vipmagazin via YouTube

 
 

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