Internetstar Lil Bub bringt Licht in die Wissenschaft

Internetstar Lil Bub bringt Licht in die Wissenschaft Live

Zu Anfang ihres Lebens ging es Lil Bub gar nicht gut. Die kleine Katze konnte kaum gehen. Sie kam mit mehreren Fehlbildungen auf die Welt: Sie leidet an Osteopetrose, einer Knochenkrankheit, bei der sich das Gewebe versteift. Auch hat sie einen Extra-Finger pro Tatze (Polydactylie), keine Zähne, kurze Beine, geweitete Augen und eine kurze Schnauze. Darum hängt ihre Zunge fast immer heraus. Lil Bub ist herzergreifend. Experten prognostizierten aber, dass ihr Zustand sich verschlimmern würde. Doch mit Hilfe von Therapien und Medikamenten lernte die Katze stehen, laufen, klettern.

Heute ist Lil Bub ein Internetstar.
Sie hat auf Facebook über zwei Millionen Follower. Stolziert, spielt und schnurrt in jeder Menge Youtube-Videos. Schmeißt sogar eine Talkshow. Sie wurde mit Whoopi Goldberg, Michelle Obama und Robert De Niro gesichtet.

Molekularbiologe aus Friesoythe kommt auf die Katze. Und weiß, was zu tun ist.

Und jetzt soll Lil Bub Licht in die Wissenschaft bringen, in die Genetik.
Denn der Molekularbiologe Daniel Ibrahim, in Bremen geboren und in Friesoythe aufgewachsen, ist auf die Katze gekommen - und wusste sofort, was zu tun war.


Daniel Ibrahim und Lil Bub: Der ehemalige Friesoyther hatte die Idee, das Genom der Katze zu erforschen. Foto: privat
von Inga Wolter

"Ich hatte Feierabend, surfte im Internet herum und stieß auf die Doku über Lil Bub", erzählt Ibrahim. "Erstmal fand ich die Katze einfach süß." Dann wurde er auf ihre Fehlbildungen aufmerksam. Er sprach mit seinem Kollegen Darío G. Lupiánez. Die beiden waren sich schnell einig: "Wir wollen herausfinden, welche Mutation Lil Bub hat." Sie schrieben eine E-Mail an den Besitzer Mike Bridavsky. Er und seine berühmte Katze wohnen weit weg, in Bloomington im US-Staat Indiana.

Die Doku über Lil Bub: Wie die Katze mit den fünffingrigen Pfoten und den Knochen das Treppensteigen lernte.
von LilBubBub via YouTube

Trotzdem war Bridavsky, wie Ibrahim erzählt, sofort begeistert. "Von der Katze brauchen wir ja nur drei Milliliter Blut."
Es ist also kein Problem, das Projekt über die Distanz zu realisieren. Auch für Experimente muss Lil Bub also nicht herhalten. Mit der Blutprobe, die bereits vorliegt, können die Forscher Lil Bubs Genom sequenzieren, also seine Zusammensetzung entschlüsseln. Um ähnliche Projekte kümmern Ibrahim und sein Kollege Lupiánez sich auch am Max-Planck-Insitut für Molekulargenetik in Berlin. Im Auftrag ihres Chefes, eines Humangenetikers, suchen sie Mutationen, die zu Fehlbildungen an den Händen - also mehr oder weniger als fünf Finger - führen.

Das Problem: Eine Sequenzierung kostet 6000 Euro. Das Teure sind die Chemikalien, die man dafür benötigt. Für Ibrahim (32), Lupiánez (33) und Uschi Symmons (31) - die Dritte im Forscherbunde -  ist Lil Bub ein Hobby, ein Projekt, das sie neben ihrer Arbeit umsetzen. Weil Lil Bub sowieso ein Internetstar ist, beschlossen sie, ihr Leben als Wissenschaftskatze auch im Netz stattfinden zu lassen. Sie legten einen Eintrag auf der Internet-Plattform "Experimente" an und sammeln dort per Crowdfunding Geld für die Sequenzierung. In einem Blog schreiben sie über Lil Bub und ihre Forschungsfortschritte.

Lil Bubs BIG SHOW, Episode 1: Wie die Katze Whoopi Goldberg interviewt.
von LilBubBub via YouTube

Sie packten die Gelegenheit beim Schopfe, ein wissenschaftliches Projekt umzusetzen, das
gleichzeitig  - dank der schnuckeligen Katze - massentauglich ist. "So können wir zeigen, was genetische Mutationen sind", sagt Ibrahim. "Das ist ein kompliziertes Thema, mit dem sich nur wenige auseinandersetzen." Durch Lil Bub haben sie die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern, Katzenfans, eingefleischten Lil Bub-Fans und Leuten mit fünffingrigen Katzen auf einmal gewonnen.

Viele Patienten haben eine Odysee hinter sich. Meiner Meinung nach können sie besser mit Fehlbildungen umgehen, wenn sie wissen, was sie haben, also zum Beispiel eine Mutation in einem bestimmten Gen. Als Arzt kann man sie, wenn man die Ursache kennt, besser behandeln.                                  Daniel Ibrahim

"Lil Bub interessiert jeden", sagt Ibrahim. Aber
was bringt das Projekt den Menschen? "Erstmal nichts. Es ist klassische Grundlagenforschung." Weil die Fälle aber so selten sind, sei jeder einzelne für die Forschung interessant. Hinzu kommt: "Viele Erkenntnisse sind auf Menschen übertragbar." Auch Behandlungsmethoden seien ähnlich. "Und viele seltene Krankheiten ergeben einen Topf von Krankheiten. Die Patienten müssen behandelt werden." Auch wenn es wenige sind.

Überraschung: Was Lil Bub mit Hemingway zu tun hat

Die Wissenschaftler beschlossen, schon mal ein Stück von Lil Bubs DNA zu sequenzieren. Damit die Zeit bis zur Finanzierung schneller herumging und es was auf dem Blog zu posten gab. Ein Ergebnis erwartete Ibrahim davon nicht. Dann die Überraschung: Sie fanden tatsächlich eine Mutation in der DNA. "Schottische Forscher hatten sie schon 2007 beschrieben", sagt Ibrahim. Als Ursache für Polydactylie, also Extrafinger bei Katzen-Tatzen.

Zweite, noch erstaunlichere Erkenntnis: Lil Bub ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine entfernte Verwandte von Hemingways Katzen. Ernest Hemingway - ja genau der, der die Novelle "Der alte Mann und das Meer" schrieb und ziemlich viel trank - war "katzenverrückt". "Mit ,Snowball' hatte er eine Katze mit Mutation geschenkt bekommen", erzählt Ibrahim. "Wie das so ist, vermehrten sie sich." Nach einiger Zeit lebten mehrere Dutzend Katzen auf Hemingways Anwesen in Key West. "In seinem Testament verfügte der Schriftsteller, dass seine Nachfahren mit seinem Erbe für die Katzen sorgen sollten." Etwa die Hälfte der heutigen Katzen haben sechs Finger, sagt Ibrahim.

"Tierisch gespannt" ist er auf die weiteren Ergebnisse nach der Genom-Sequenzierung. Vor der DNA-Analyse tippte er auf eine einzige neue Mutation in einem bekannten Gen, die für Polydactylie und Osteopetrose verantwortlich ist. Nach der DNA-Analyse, die ja schon eine Mutation hervorbrachte, glaubt Ibrahim, bei der Sequenzierung noch eine zweite Mutation zu finden. "Aber dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer", sagt Ibrahim. "Ich lag ja schon mal falsch."
Mittlerweile haben sie das Geld für die Sequenzierung zusammen. Ende Juni haben sie voraussichtlich die Daten, dann beginnt die Analyse.

Daniel Ibrahim und Darío Lupiánez im Labor: Die beiden Molekularbiologen Daniel Ibrahim (links) und Darío G. Lupiánez sind gespannt, was bei den Genom-Analyse herauskommt. Foto: privat
von Inga Wolter
Die Dritte im Bunde: Auch Genetikerin Uschi Symmons will Lil Bubs Genom auf die Spur kommen. Foto: privat
von Inga Wolter
Lil Bub als Medienstar: die Katze "moderiert" eine eigene Talkshow. Foto: lilbub.com/Mike_Bridavsky
von Inga Wolter
Auf dieser Probe beruht die Forschung der drei jungen Genetiker: Lil Bubs Blut. Foto: privat
von Inga Wolter
Eine außergewöhnliche Erscheinung: die Katze Lil Bub. Foto: lilbub.com/Mike_Bridavsky
von Inga Wolter
 
 

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"W
ir filtern alle Mutationen heraus", erklärt Ibrahim, "und bewerten, ob sie krankheitsverursachend sind." Dabei helfen 50 Genome von gesunden Katzen. Denn: "Wir werden bei Lil Bub Hunderte von Mutationen finden", sagt Ibrahim. Um die harmlosen von den krankheitsverursachenden zu unterscheiden, sei das Vergleichsmaterial gut.
Eine Professorin für Katzengenetik aus Michigan und ein Professor, der Spezialist für Knochenfehlbildungen ist, unterstützen die Drei.

Was aber, wenn Ibrahim und seine Kollegen bei Lil Bub gar keine Mutationen mehr findet? "Dann ist das erstmal so. Aber unser Projekt ist transparent angelegt, andere können mitforschen. Vielleicht finden die was." Angeboten haben sich auf jeden Fall schon einige Bioinformatiker. Eine ganze Reihe an Fällen bleibt erst ungeklärt, weiß Ibrahim. Dann taucht ein neuer Fall auf, man vergleicht und findet eine Übereinstimmung. "Wenn wir bei Lil Bub nichts finden, haben wir schon mal die Daten
und können in Zukunft was finden."

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von LilBubBub via YouTube

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