Ehrensache: Bedürftigen Familien die Hand reichen

Ehrensache: Bedürftigen Familien die Hand reichen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.

Diesmal im Blickpunkt
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Hilke Knolle und Gertrud Diers vom Oldenburger Warenkorb. Dank ihrer Hilfe können Bedürftige günstig einkaufen - und der Gewinn kommt Kindern im Kennedyviertel zugute.


von Jantje Ziegeler


Die Ehrenamtliche Elvira Kunkel kümmert sich insbesondere um die kleinen Kundinnen des Oldenburger Warenkorbs.
von Jantje

Regelmäßig begibt sich Hilke Knolle auf Streifzug durch die Oldenburger Innenstadt. Die pensionierte Grundschullehrerin geht in die Geschäfte und sagt: „Mein Name ist Hilke Knolle. Ich komme vom Oldenburger Warenkorb. Kennen Sie den Warenkorb?“ Nein, lautet die Antwort oft. Dabei gibt es den gemeinnützigen Verein doch schon seit neun Jahren.

An der Kennedystraße 21 befindet sich das „Warenhaus für den kleinen Geldbeutel“. Ein Second-Hand-Laden? Weit gefehlt. „Wir verkaufen nur Neuware“, erklärt Hilke Knolle. Dieses Konzept sei damals bei der Gründung deutschlandweit einmalig gewesen, sagt Vereinsvorsitzende Gertrud Diers, die sich bereits seit 2005 ehrenamtlich beim Warenkorb engagiert. Vorbild für das Konzept sei die Oldenburger Tafel gewesen; nur gibt es in diesem besonderen Warenhaus eben keine Lebensmittel, sondern v.a. Bekleidung und Hausrat – und das nicht kostenlos, sondern zu einem sehr günstigen Preis.

Zweck des Oldenburger Warenkorbes ist es, gespendete Neuware an Bürger mit Berechtigungsnachweis (Oldenburg-Pass, ALG II-Bescheid, Sozialgeld, Wohngeld, BAföG, Grundsicherung) zu kleinen Preisen weiterzugeben. Dieser Nachweis in Verbindung mit dem gültigen Personalausweis/Pass ist bei jedem Besuch mitzubringen.

Die Geschäftsräume sind in der Kennedystraße 21, Tel. 0441/209 58 23.

Öffnungszeiten sind mittwochs von 10 bis 13 Uhr sowie an jedem ersten Mittwoch im Monat von 10 bis 16 Uhr.

Eine wichtige Aufgabe der Ehrenamtlichen ist daher das Anwerben von Geschäften, die bereit sind, dem Verein ihre nicht verkauften Waren zu spenden. „Man wird häufig abgewiesen“, sagt Hilke Knolle, „da braucht man ein dickes Fell.“ Aber mittlerweile habe sich ein fester Stamm an Geschäften etabliert, die regelmäßig etwas spenden. Ja, manchmal gibt es sogar schon Anfragen wohlgesonnener Spender, die wissen wollen: „Wann können wir liefern?“. „Wir haben zur Zeit großzügige Spenden“, freut sich Vorsitzende Gertrud Diers, „wir kriegen meist im Frühjahr die Kleidung für den Winter.“ Diese liegt dann ab Oktober in den Regalen des Warenkorbs. Und nach dem Sommerschlussverkauf spenden die Geschäfte dann jene Kleidung, die die Ehrenamtlichen im kommenden Frühling zum Verkauf anbieten. Problematisch ist allerdings, dass es immer mehr Geschäfte gibt, die zu großen Ketten gehören. „Und die geben nichts ab“, hat Hilke Knolle gemerkt, „deren Ware geht an irgendeine Sammelstelle in Deutschland.

40 Jahre lang war Hilke Knolle im öffentlichen Bereich tätig, zuletzt 16 Jahre als Schulleiterin der Grundschule am Hogenkamp. Nach ihrer Pension hat sie gedacht: „Das war noch nicht alles.“ Nachhilfe wollte sie nicht geben. „Ich wollte etwas Praktisches machen“, sagt sie, „was ganz anderes.“ Sie ließ sich bei der Agentur Ehrensache der Stadt Oldenburg beraten. Seit drei Jahren kümmert sie sich nun beim Oldenburger Warenkorb vor allem um die Öffentlichkeitsarbeit. Hier kann sie all die Fähigkeiten einbringen, die sie sich über viele Jahre angeeignet hat – nur in einem anderen Zusammenhang. „Es ist für mich sehr interessant, die Leute von einer ganz anderen Seite kennenzulernen“, erzählt Hilke Knolle. Dazu zählen zum Beispiel Eltern, die sie noch aus ihrer Zeit als Lehrerin kennt.

Auch das Ausstellen von Spendenquittungen zählt zu den Aufgaben der Ehrenamtlichen Hilke Knolle (links) und Gertrud Diers.
von Jantje

Nicht jeder kann im Oldenburger Warenkorb einkaufen. Die Kunden müssen sich ausweisen und ihre Bedürftigkeit nachweisen können, sei es z.B. durch den Oldenburg Pass oder Hartz-IV-Unterlagen. Bewusst ist daher der Standort im Kennedyviertel gewählt, der Laden befindet sich inmitten eines Wohnblocks. „Leute, die hier reingehen, werden nicht gleich stigmatisiert“, erklären die Ehrenamtlichen. Wer in das Gebäude reingehe, könne sich schließlich auch gerade auf dem Weg zu einer der anderen Wohnungen befinden. Apropos Wohnung: Natürlich könnten sie gut eine Wohnung mit einem Raum mehr für ihr Warenhaus gebrauchen, erzählen Diers und Knolle. Dem Platzmangel ist es auch geschuldet, dass die kleine Küche gleichzeitig auch als Büro und Aufenthaltsraum fungiert. Aber an diesem Standort ist der Warenkorb gut integriert – und wird von der GSG bezuschusst.

Geöffnet hat der Warenkorb jeden Mittwoch von 10 bis 13 Uhr, jeden ersten und dritten Mittwoch bis 16 Uhr. „Meist ist in der ersten Stunde ein Ansturm, die Leute warten zum Teil schon um 9.30 Uhr vorm Geschäft“, berichten die Ehrenamtlichen. Zwar verschenken sie manchmal etwas, das sich über einen längeren Zeitraum als Ladenhüter erwiesen hat. Grundsätzlich aber gilt: Die Wertschätzung der Waren soll da sein, daher die – wenn auch sehr kleinen – Preise. Ein T-Shirt kostet beispielsweise 2 Euro, eine Bluse 3, eine Hose 5. Bei der Kleidung darf man nicht sehen, wo sie herkommt, die Etiketten werden abgemacht. Nicht zuletzt deshalb, damit die Neuware nicht direkt im Internet weiterverkauft wird. „Viele Firmen wollen auch nicht genannt werden“, erklärt Hilke Knolle. Daher gibt es eigene Warenkorb-Schilder, die an die Ware getackert werden. Außerdem ist die Abgabe von Waren pro Person bzw. Haushalt beschränkt.

Eine Kundin weist sich bei den Mitarbeiterinnen aus. Für den bevorstehenden Geburtstag ihres kleinen Sohnes möchte sie eine kleine gelbe Kerze in Form einer "4" kaufen.
von Jantje
Ursula Hegeler dokumentiert die verkauften Waren am Computer.
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Susanne Orwoll und Ursula Hegeler hinter dem Verkaufstresen
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 Elvira Kunkel mit den beiden Töchtern einer Kundin
von Jantje
 
 

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Einmal im Jahr entscheiden die Ehrenamtlichen, wofür sie den Gewinn, den sie durch den Verkauf der Waren eingenommen haben, spenden. Viele der Gruppen aus dem Viertel – wie zum Beispiel die Krabbel- und Lerngruppe, die Theatergruppe oder die Kindertanzgruppe – durften sich schon über einen finanziellen Zuschuss freuen. Logisch, dass der Verein auch immer beim Straßenfest mit eingebunden ist. Und zu Weihnachten gibt es jedes Jahr eine Geschenke-Aktion. „Wir kaufen von unserem Gewinn Spielzeug ein und verkaufen es dann zum halben Preis“, erklärt Gertrud Diers.

Beim Stadtteilfest ist der Oldenburger Warenkorb jeden Sommer mit einem Stand vertreten.

Bild: Wolfgang Diers

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Der Pavillon des Vereins beim Stadtteilfest

Bild: Wolfgang Diers
von Jantje
Die Ehrenamtlichen setzen die Einnahmen insbesondere für Hilfsprojekt für Kinder ein.

Bild: Wolfgang Diers
von Jantje
Immer viel Trubel: Teilnehmer des Stadtteilfest Bloherfelde

Bild: Wolfgang Diers
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Gemeinsam mit einem Oldenburger Modehaus organisierte der Verein die Wunschbaumaktion in der Weihnachtszeit.

Bild: Wolfgang Diers
von Jantje
 Die Bescherung löste nicht nur bei den Kindern Begeisterung aus.

Bild: Wolfgang Diers
von Jantje
 
 

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Vorsitzende Gertrud Diers ist gelernte Steuerfachgehilfin, war 20 Jahre in der Gastronomie tätig, hat sich danach um die Hauswirtschaft in einem Seniorenheim gekümmert. Bis sie mit 63 Jahren in Rente ging. Zeit für Ruhestand und Däumchen drehen? Nichts da. „Ich war derart gut zuwege, einfach nichts machen ging gar nicht.“ Sie wollte ins Ehrenamt. Beim Paritätischen gab es eine Veranstaltung für Leute, die in Rente gehen. Der Verein Warenkorb sagte Gertrud Diers zu, sie fing hier an. „Das war mein Ding“, sagt sie.

Welche Voraussetzungen sollte man für dieses Ehrenamt mitbringen? „Man darf keine Vorurteile haben“, sagt Gertrud Diers. „Und man braucht Gelassenheit“, ergänzt Hilke Knolle. Zu den Kunden zählen viele Migranten, Menschen mit Besonderheiten oder auch Frauen aus dem Frauenhaus. „Sie sind alle in einer bestimmten Weise belastet“, so die Vereinsvorsitzende. Nicht jeder Ehrenamtliche komme mit diesem besonderen Kundenstamm zurecht. Denn es gebe auch Kunden, die fordernd seien; sie empfänden die Einrichtung wie ein Geschäft, fragen: „Warum gibt es davon nicht mehr?“ oder „Warum gibt es dies oder jenes nicht?“. Auch Ausländerfeindlichkeit sei den Frauen schon vorgeworfen worden. „Wir wären nicht hier, wenn wir das wären“, entgegnete eine der insgesamt sieben Ehrenamtlichen. „Die Leute hier sind sehr nett und wissen mit einem umzugehen“, erzählt eine Kundin, die mit ihren beiden kleinen Töchtern vorbeigekommen ist. „Man guckt hier immer wieder mal rein, weil immer etwas Schönes dazukommt… und man hat Glück, es günstig kaufen zu können.

„Viele kommen her und wollen eigentlich reden“, hat Hilke Knolle festgestellt, „sie erzählen von ihren Schwierigkeiten und sind froh, wenn man auf sie zugeht und freundlich anspricht.“ „Und dass man sie akzeptiert“, sagt Gertrud Diers. Erst am Morgen sei eine ihnen bereits bekannte afrikanische Familie dagewesen, Kinder und Eltern hätten sich gefreut – auch die Ehrenamtlichen: Sie sehen die Kinder ihrer Kunden aufwachsen, werden beim Einkaufen von ihnen gegrüßt, bekommen auch mal etwas mitgebracht wie zum Beispiel selbstgebackene Kekse. „Man merkt, dass man was Positives zurückbekommt“, freut sich Hilke Knolle.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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