Ehrensache: Auf ein Käffchen mit Strafgefangenen

Ehrensache: Auf ein Käffchen mit Strafgefangenen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler



Daniel Dreher und Jan Achtermann (von links) sind mit Zbigniew Grzesiak (rechts) zu Besuch bei Strafgefangenen der JVA Oldenburg, diesmal bei Lars (3. von links) und Petru-Gheorghe.
von Jantje

Ein ganz normaler Kaffeeplausch. Mit Kaffee und Kuchen. Ein Kaffeeplausch unter Männern. Gemütlich sitzen sie am Tisch, unterhalten sich.

Aber... so „ganz normal“ ist die Szenerie dann doch nicht. Da ist die Kamera an der Decke, da oben rechts in der Ecke. Da waren die Männer in Uniformen, die der Gruppe die vielen Türen auf dem Weg hierhin aufgeschlossen haben. Da ist dieses kleine Gerät, die „persönliche Sicherheitsanlage“, kurz PSA, die Jan Achtermann am Gürtel trägt.

Jeden zweiten Sonntag kommt er hierher, gemeinsam mit zwei, drei anderen Ehrenamtlichen – um Strafgefangene zu besuchen, mit ihnen einen ganz normalen Kaffeeplausch zu halten. „Es ist uns eine Herzenssache“, sagt Jan Achtermann.

Luftbildaufnahme der JVA Oldenburg: Die Anlage entspricht den höchsten Sicherheitsstandards. (Bild: NWZ-Archiv)
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Big Brother is watching you.
von Jantje
 
 

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Jan Achtermann ist Pastor der Freien Christengemeinde Oldenburg. Etwa ein Jahr ist es her, dass er den Treff „Offenes Ohr“ an der Justizvollzugsanstalt (JVA) an der Cloppenburger Straße ins Leben rief. An der alten Anstalt in der Gerichtsstraße hatte es bereits unter anderer Leitung eine christliche Gruppe gegeben, die sich vor allem mit Bibeltexten beschäftigte. Als der Standort im März 2013 geschlossen wurde, setzte sich Achtermann mit Thomas Gerdes in Verbindung. Gerdes ist Koordinator der ehrenamtlichen Arbeit der JVA Oldenburg. Es sollte ein neues Angebot im Haftalltag geben, ein Angebot für viele.

„Die Grundidee ist, dass Gefangene ihre Themen einbringen“, erklärt Achtermann. Themen wie Tod und Vergebung seien beispielsweise von den Gefangenen gewünscht worden. Für jedes Treffen bereitet Jan Achtermann inhaltlich etwas vor.

Dass es nicht nur „Eierdiebe“ sind, mit denen die Ehrenamtlichen hier ihre Freizeit verbringen, ist ihnen bewusst. „Es ist bekannt, dass dort auch Schwerstverbrecher sitzen“, sagt Achtermann. Schließlich hat die Anstalt in Oldenburg die höchste von vier möglichen Sicherheitsstufen in Niedersachsen. Aber: „Ich finde es ganz wichtig zu unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch getan hat, und seinem Wert. Die Gefangenen sitzen dort nicht ohne Grund. Und es ist gut, dass es eine JVA gibt. Aber wenn man die Gefangenen in eine Schublade steckt, kommen sie dort nie raus.


Die JVA Oldenburg wurde 2001 auf einem etwa zehn Hektar großen Teilstück der ehemaligen Hindenburg-Kaserne im Stadtteil Kreyenbrück in Betrieb genommen. Die Baukosten betrugen circa 55.000.000 Euro.

Die Anlage entspricht den höchsten Sicherheitsstandards. Bauliche Maßnahmen – zum Beispiel die Anstaltsmauer von 6,5 m Höhe, Zäune mit Bewegungsmeldern, Videotechnik, Alarm- und Sicherungseinrichtungen – ermöglichen einen sicheren Vollzug. Besonders gefährliche Gefangene sind auf einer speziellen Sicherheitsstation untergebracht. Sie können nicht an der Gruppe „Offenes Ohr“ teilnehmen.

Die Anstalt verfügt über 304 Haftplätze. Zur JVA Oldenburg gehören zwei weitere Abteilungen: In Nordenham (46 Haftplätze) und Wilhelmshaven (77 Haftplätze) werden offener Vollzug und Freigang vollzogen.
Quelle: www.justizvollzugsanstalt-oldenburg.niedersachsen.de



Hereinspaziert: Den drei Ehrenamtlichen wird die erste von vielen verschlossenen Türen auf dem Weg zum Gruppenraum geöffnet.
von Jantje
Absolutes Handy-Verbot! Hier werden den drei Männern die Ehrenamtsausweise ausgehändigt.
von Jantje
Nichts darf mit reinkommen - die Ehrenamtlichen verstauen ihre Schlüssel, Handys und sonstige Gegenstände in den Schließfächern.
von Jantje
Auf geht's zu den Gruppenräumen im Haus B/C.
von Jantje
 
 

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Piiiiiiep – Jan Achtermann, Daniel Dreher und Zbigniew Grzesiak drücken die Tür auf. Anhand ihrer Ehrenamtsausweise, die sie an einem grünen Keyholder um den Hals tragen, hat sie der JVA-Bedienstete hinter der Scheibe erkannt und ihnen den Türöffner gedrückt. Bis zum Haus B/C, in dem sich der Gruppenraum befindet, sind es mehrere Pieptöne. Zbigniew Grzesiak setzt Kaffee auf. Daniel Dreher und Jan Achtermann bereiten den Raum vor.

Die Tür öffnet sich erneut. Stationsweise bringt der jeweilige Bedienstete die Gefangenen zur Gruppe; spontan kann hier keiner an dem Kaffeeplausch teilnehmen. Vor der allerersten Teilnahme müssen die Gefangenen einen Antrag stellen. „Das ist alles reglementiert“, erklärt Thomas Gerdes, „die Gefangenen dürfen sich auf ihrer Station frei bewegen. Aber wenn sie irgendwohin möchten, müssen sie einen Antrag stellen.“ Ob der dann bewilligt wird oder nicht, hat nichts mit der Straftat zu tun, sagt Gerdes. „Es geht um den Gesamteindruck.

Bei Lars und Petru-Gheorghe stimmte der Gesamteindruck offensichtlich. Die beiden dürfen teilnehmen. Lars ist bereits von Anbeginn, seit etwa einem Jahr, bei jedem der Gruppentreffen dabei. Die Begrüßung mit den Ehrenamtlichen fällt herzlich aus. „Das Besondere an dieser Gruppe ist, dass man sich regelmäßig offen austauschen kann über alle Themen, die einen bewegen, und dass man gehört wird“, sagt Lars. „Man kann ohne Vorurteile in den Dialog treten. Es ist eine ganz entspannte Atmosphäre.

Die Männer gießen sich jeder ein Käffchen ein. Achtermann stellt sein vorbereitetes Thema vor. In den vergangenen Wochen ging es zum Beispiel um „Annahme und Toleranz“, die Biographie von Martin Luther King oder „innere Antreiber“. Jeder der Männer bringt seine eigenen Erfahrungen und seine Geschichte mit ein, stellt Rückfragen. Es entstehen lebhafte Diskussionen. „Man weiß nie, wo man am Ende rauskommt“, sagt Achtermann.


Thomas Gerdes führt die Gefangenen dem Gruppenraum zu.
von Jantje
 Zbigniew Grzesiak hat schon Kaffee aufgesetzt.
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Die Begrüßung fällt herzlich aus.
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„Ich finde es interessant, über verschiedene Themen zu sprechen“, sagt Petru-Gheorghe. Der 30-Jährige stammt aus Rumänien und wuchs in einer streng christlichen Familie auf. „Herr Achtermann begründet sehr gut“, sagt er und blickt den Pastor lachend an. Auch für Lars spielte das Religiöse schon vor seiner Zeit im Gefängnis eine Rolle. „Das hat sich während der Haft intensiviert.“ In den zwei Stunden mit den Ehrenamtlichen kann er loslassen. „Spätestens nach 30 Minuten nimmt man die Gitter nicht mehr wahr“, erzählt der 41-Jährige, „gerade, wenn man schon ein paar Jahre in Haft ist, hat man eine gewisse Grundangst.“ Sei ein Bediensteter in typischer „Justiz“-Kleidung anwesend, könne er sich nicht frei bewegen. Doch in Gesellschaft der Ehrenamtlichen werde er locker.

Hatte Achtermann nie ein mulmiges Gefühl, alleine mit Schwerverbrechern in einem Raum zu sein?

„Ich habe keine Angst mehr“, sagt Achtermann. Moment mal – keine Angst
mehr?

Bereits während seiner Ausbildung sammelte der Pastor Erfahrungen als Ehrenamtlicher in einem Gefängnis. Hier sprachen die Gefangenen sehr offen mit ihm, da Achtermann direkt in die Zellen ging zum Vier-Augen-Gespräch. Einmal habe ein 140-Kilo-Mann neben ihm gesessen, der zur rechtsradikalen Szene gehörte. „Da hatte ich schon Angst“, gesteht Achtermann. Aber die Furcht ist in Oldenburg weg. Oft weiß er, welche Straftaten die einzelnen Männer begangen haben – weil diese sie ihm selbst erzählt haben. Die Ehrenamtlichen haben weder Einblick in die Akten der Gefangenen, noch fragen sie die Gefangenen danach.

    "Selbst die Creme riecht im Knast anders" – Reportage über eine Nacht in der alten JVA Oldenburg

Passiert ist noch nie etwas. Sollte einer der Gefangenen handgreiflich werden, brauchen die Ehrenamtlichen nur die Reißleine ihrer PSA zu ziehen – und sofort wird der Hausalarm ausgelöst. „Seitens der JVA wird alles getan, um uns zu schützen“, so Achtermann. Überhaupt ist er voll des Lobes für die dortigen Bediensteten und die tolle Zusammenarbeit. „Für mich als Ehrenamtlicher ist die JVA Oldenburg ein Traum“, sagt Achtermann, seine Aufgabe macht ihm einfach Spaß.

Für jedes Treffen bereitet Jan Achtermann inhaltlich etwas vor.
von Jantje

Sein Umfeld, erzählt Achtermann, zeige nicht immer Verständnis für sein Ehrenamt.

Wie kannst du das tun, das sind doch Verbrecher!, hört er dann.

Und wie reagiert er darauf? Achtermann schmunzelt. Er antwortet als Pastor. „Jesus hat gesagt: ,Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Auch wenn es mystisch klingt: Ich glaube, dass Gott uns in anderen Menschen begegnet.“ Es motiviert ihn, den Gefangenen zu vermitteln, dass sie liebenswert sind – nicht ihre Tat, aber als Mensch an sich. Außerdem hatte Achtermann damals in Brandenburg an der Havel dieses einschneidende Erlebnis durch ein Gespräch mit einem Gefangenen. Dieser war als Dreijähriger von seinem Vater vergewaltigt worden. Später mutierte er selbst zum Gewalttäter; zu einem Menschen, der nur noch Ablehnung erfährt. Jan Achtermann fuhr nach Hause – und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Er selbst hat tolle Eltern. Doch plötzlich flammte diese Frage auf:

Was wäre denn aus mir geworden, wenn es anders gewesen wäre?

„Ich möchte als Pastor nicht im Elfenbeintürmchen sitzen, es muss praktisch werden. Das erdet das Ganze sehr“, erklärt er seine Beweggründe fürs Ehrenamt.

Und was ist mit den Opfern?: Auch diese vorwurfsvolle Frage hören die Ehrenamtlichen oft. Aber um die Opfer kümmern sich andere. „Wir haben hier einen anderen Ansatz“, erklärt Gerdes. Irgendwann werden die Gefangenen schließlich entlassen, müssen also an die Gesellschaft wieder rangeführt werden. „Die Gruppe ist ein Eckpfeiler der Resozialisierung“, fasst Lars es zusammen. „Ein Stück weit ist es ja auch Opferschutz, Prophylaxe“, findet er. Diese zwei Stunden Gespräch seien für ihn manchmal sinnvoller als zwei Wochen eingesperrt zu sein. Essenzieller.

Falls er irgendwann Freigang genehmigt bekommen sollte, plant Achtermann, mit ihm essen zu gehen und Kleidung zu kaufen. 

„Die Wiedereingliederung von Strafgefangenen ist Aufgabe von Staat und Gesellschaft. Sie kann nur gelingen, wenn die Bemühungen in der Justizvollzugsanstalt auch von den Bürgerinnen und Bürgern draußen unterstützt werden.
Antje Niewisch-Lennartz, Niedersächsische Justizministerin


Könnten sich die Gefangenen im umgekehrten Fall vorstellen, als Ehrenamtliche ins Gefängnis zu gehen? „Ich nicht“, sagt Petru-Gheorghe. Stille. „Ich bin ehrlich!“ Warum denn nicht? „Ich glaube, ich hätte keine Zeit dafür.“ Er möchte auch nicht, dass es jemand mitbekommt, wenn er sich engagiert. In Rumänien kennt er zum Beispiel eine Familie mit vielen Kindern. Immer, wenn er dort zu Weihnachten oder Ostern hingefahren ist, hat er ihnen etwas mitgebracht. „Ich hab’ mich in ihre Lage versetzt“, erzählt Petru-Gheorghe. „Und 2008 habe ich einem Priester einen Golf 4 geschenkt“, fügt er grinsend hinzu.

Lars war von Kindheitsbeinen an ehrenamtlich bei den Maltesern aktiv. „Da war die Freizeit schon weg“, erzählt er. Zwar würde er auch als Ehrenamtlicher Gefangene besuchen – „aber jetzt lassen die mich nicht mehr raus, um wieder reinzukommen!“ Die Männer lachen.

Insgesamt fünf Männer der Freien Christengemeinde haben eine offizielle Zulassung, die sie als Ehrenamtliche in der JVA ausweist. Sie sind zwischen 52 und 26 Jahre alt, haben keine Vorstrafen. Und eine der Ehefrauen backt immer wieder mal einen Kuchen. Wobei: „Wir sind nicht immer mit dem Kuchen reingekommen“, erzählt Achtermann, „was ich aber verstehen kann.“ „Wir sind hier eine Behörde“, stellt Gerdes klar, „es hat alles seine Regeln.“ Und eine der Regeln besagt, dass nichts ins Gefängnis hinein-, noch etwas hinausgebracht werden darf.

Wer sich in der JVA Oldenburg ehrenamtlich engagieren möchte, sollte mindestens 21 Jahre alt sein und kann einfach eine kurze Mail an Thomas Gerdes schreiben. „Und sein Führungszeugnis sollte nicht so aussehen, wie unsers“, sagt Lars schmunzelnd. Die Runde lacht erneut.


Der Kaffeeplausch ist vorbei. Jan Achtermann informiert die Bediensteten.
von Jantje
Thomas Gerdes holt Lars und Petru-Gheorghe ab und bringt sie wieder auf ihre Station.
von Jantje
 
 

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Die zwei Stunden sind um. Jan Achtermann geht zur Sprechanlage an der Wand und gibt Bescheid, dass das Treffen zu Ende ist, die Gefangenen abgeholt werden können. Im Anschluss machen sich auch die Ehrenamtlichen wieder auf den Weg. Von Piiiiep zu Piiiiep.


von Jantje



Kennen Sie auch
jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.


Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die
Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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