Ehrensache: Viel mehr als nur eine Deutschstunde

Ehrensache: Viel mehr als nur eine Deutschstunde Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler


Elfriede Brumsack vermittelt Flüchtlingen nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch kulturelle Kompetenzen.
von Jantje

Ein Mann betritt den Raum.
Er ist zum ersten Mal hier.
„Herzlich willkommen“, sagt Elfriede Brumsack.
„Woher kommst du?“, fragt sie laut und deutlich.
Der Mann blickt kurz in die Runde.
„Eritrea.
„Wie alt bist du?“
Der Mann überlegt.
Dann antwortet er: „Dreiundachtzig.
„Ah, du bist 38 Jahre alt“, sagt Elfriede Brumsack.

Natürlich weiß die pensionierte Lehrerin um die Herausforderungen und Tücken der deutschen Sprache aus Sicht eines Menschen, der sie gerade erst erlernt. Und eine dieser Tücken ist, dass man bei zweistelligen Zahlen unlogischerweise die zweite Ziffer vor der ersten nennt.


Die pensionierte Deutsch- und Französischlehrerin setzt sich dafür ein, dass die Flüchtlinge von Anbeginn an unsere Sprache lernen können.
von Jantje
Daher kommt die 65-Jährige jeden Mittwochvormittag in die KGU (Kommunale Gemeinschaftsunterkunft) 1 an der Gaußstraße.
von Jantje
Die Räumlichkeiten sind sehr begrenzt: Es gibt keine Sozialräume, nur ein kleiner Unterrichtsraum steht dem Kurs zur Verfügung.
von Jantje
Hier geht's zum Unterrichtsraum. Auf demselben Flur befindet sich ein selbst organisierter Kindergarten, in den die Kursteilnehmer ihre Kinderhrend des Unterrichts geben können.
von Jantje
Wer durch diese Tür tritt, wird jeden Mittwochvormittag herzlich von Elfriede Brumsack begrüßt.
von Jantje
 
 

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Seit Januar kommt „Elfriede“, wie sie hier von ihren Deutschschülern genannt wird, jeden Mittwochvormittag von 10 bis 12 Uhr in die KGU I Oldenburg, die Kommunale Gemeinschaftsunterkunft an der Gaußstraße. 196 Flüchtlinge (Stand 17. Juni 2015) sind hier untergebracht, darunter 167 Erwachsene. Jedem von ihnen stehen die Deutschkurse, die die pensionierte Deutsch- und Französischlehrerin und weitere ehrenamtliche Oldenburgerinnen anbieten, offen. Auch Alphabetisierungskurse zählen zum umfangreichen Aktivitätenangebot, denn viele der in der KGU einquartierten Menschen sind „nur“ der arabischen Sprache mächtig, nicht unseres lateinischen Alphabets.

„Ich versuche, mich in die Lage der Flüchtlinge reinzuversetzen, wie es wäre, wenn ich in ein arabisches oder afrikanisches Land ginge und die Sprache lernen müsste“, erzählt Elfriede Brumsack.

 

Flüchtlingsschutz

Ein Asylantragsteller erhält Flüchtlingsschutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention, wenn sein Leben oder seine Freiheit in seinem Herkunftsland wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, www.bamf.de


Solange Asylsuchende nicht offiziell als Flüchtlinge anerkannt sind, haben sie kein Anrecht auf die Kostenübernahme eines Deutschkurses. Ohne finanzielle Unterstützung können sie sich solche Kurse, die gut 200 Euro kosten, aber nicht leisten. Sobald sie dann anerkannt sind, sind sie zwar verpflichtet, an einem Integrationssprachkurs teilzunehmen – aber bis dahin vergehen Monate. Viele Monate. „Bei Eritreern, die eine hohe Anerkennungsquote haben, dauert es zum Beispiel etwa zehn Monate. Bei Pakistani 17 Monate“, hat Elfriede Brumsack erfahren.

Dieser Zustand, dass es in einem wohlhabenden Land wie Deutschland so lange dauert, bis Menschen, die geflohen sind, die Sprache lernen dürfen, empört Elfriede Brumsack. Macht sie ärgerlich. Enttäuscht sie. „Wir würden uns in jedem Land verlassen fühlen, wenn wir die Sprache nicht sprechen“, sagt die Pädagogin. Frühestmöglich müsse das Erlernen der Sprache beginnen. Deswegen entschloss sich die 65-Jährige dazu, selbst aktiv zu sein und diesen Menschen ehrenamtlich unsere Sprache beizubringen.


Es ist 11 Uhr.
Zeit für die Schokoladen-Pause, die Elfriede ihren Kursteilnehmern jede Woche gönnt – und offensichtlich Zeitpunkt für einige Nachzügler, ebenfalls in dem beengenden Kursraum, in den sich manchmal bis zu 25 Teilnehmer quetschen, aufzuschlagen.


Schokolade! ...und wer steht dort am Fenster?
von Jantje

Das war ein Lernprozess für die Lehrerin: Ihre jetzigen Schülerinnen und Schüler haben in ihrer 20- oder 30-jährigen Sozialisierung nicht dieselben Dinge gelernt, die in Deutschland wichtig sind.
Pünktlichkeit!
Verlässlichkeit!

„Ihr wollt doch mal hier arbeiten“, hat Elfriede neulich erst wieder gesagt, „wenn in Deutschland die Arbeit um 8 Uhr beginnt, dann beginnt sie um 8, nicht um 9 Uhr.“

Den Zuspätkommer hat sie gefragt, warum er zu spät sei.
Er antwortete, er habe schlecht geschlafen.
Ich habe auch schlecht geschlafen, erwiderte Elfriede, aber ich bin trotzdem pünktlich da! Dafür habe ich kein Verständnis.
Das haben eure Arbeitgeber später auch nicht.

„Der Weg zur Integration ist lang und steinig“, weiß die Oldenburgerin. Und sie weiß auch, dass einzelne Schüler nicht zu spät kommen, um sie zu ärgern.
Eine junge Frau sei nach dem Unterricht zu ihr gekommen und habe es mal genau wissen wollen:


Wann ist denn pünktlich, wenn 11 Uhr nicht pünktlich ist?

    -
Um 10!
Ist 20 nach 10 auch schon nicht pünktlich?


„Deutsche haben den Ruf, früh aufzustehen und anzufangen.
Das ist aber nicht überall so“, weiß die Deutschlehrerin, „das ist ein Anpassungsprozess.“ Und für diesen Prozess vermittelt sie den Flüchtlingen auch die kulturellen Kompetenzen; das, was für ein Zusammenleben in Deutschland notwendig ist.

„Ich glaube, dass man locker bleiben muss“, sagt Elfriede Brumsack. „Die Ansprüche, die ich früher als Lehrerin hatte, habe ich hier nicht mehr. Mir ist wichtig, dass die Kursteilnehmer motiviert sind und sehen: Sie machen Fortschritte, Schritt für Schritt. Und sie wollen ja auch“, betont sie.

In den letzten 14 Jahren ihrer Berufstätigkeit war die Mutter zweier erwachsener Kinder nicht nur als Gymnasiallehrerin tätig, sondern auch in der Lehrer-Ausbildung, als Fachleiterin für Pädagogik. An dem Kurs, den sie in der Flüchtlingsunterkunft gibt, schätzt sie besonders die tolle Lernatmosphäre. Der Umgang sei wertschätzend, die Menschen liebenswürdig, wissbegierig und interessiert. „Sie bedanken sich immer am Ende der Stunde – in der Schule früher war das anders.“ Elfriede Brumsack lacht. Teilweise machen ihre Kursteilnehmer „irre schnell“ Fortschritte. Zum Beispiel sei unter den Flüchtlingen ein syrischer Arzt, der schon nach nur vier Monaten prima Deutsch spreche.

Schuhe, Hemd und Tasche: An diesem Mittwoch sind Kleidungsstücke Thema des Unterrichts.
von Jantje
Elfriede Brumsack geht herum und hilft ihren wissbegierigen Schülern.
von Jantje
 
 

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Elfriede tippt Salim, der aus Syrien stammt und seit vier Monaten in Oldenburg lebt, auf die Schulter. „Was ist das hier, das Salim anhat?“, fragt sie. Das Thema dieser Unterrichtsstunde sind Kleidungsstücke. „Ein Hemd.
„Deutsch war erst sehr schwierig“, erzählt Salim.
„Aber jetzt mag ich Deutsch.

Mit  diesem Lern- und Arbeitsbuch lernen die Teilnehmer Deutsch

Es gibt auch Wirtschaftsflüchtlinge unter ihren Kursteilnehmern, erzählt Elfriede Brumsack. Das sind Menschen, die politisch nicht verfolgt und daher teilweise schnell wieder abgeschoben werden. Kein Wunder also, dass die Teilnehmer des Deutschkurses oft schnell wechseln. Eine Aufteilung in Anfänger und Fortgeschrittene ist nicht möglich. „Wir haben uns den Kopf zerbrochen“, erzählt die Pädagogin. Aber für eine Einteilung müsste es Verbindlichkeiten geben. Und die gibt es seitens der Teilnehmer bei den ehrenamtlichen Kursen nicht. Dass das Pflichtbewusstsein der Teilnehmer so unterschiedlich ist, hängt womöglich auch damit zusammen, dass es in manchen Ländern keine Schulpflicht gibt, oder nur eine auf dem Papier. Syrien dagegen zum Beispiel sei sehr bildungsbeflissen, erzählt Brumsack.

Aktuelle Zahlen zu Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Das Geschlechterverhältnis in den Kursen ist ausgeglichen, obgleich aus manchen Ländern nur Männer teilnehmen, nie die Frauen. Insbesondere die Teilnehmer aus Eritrea seien indes ziemlich jung, größtenteils zwischen 20 und 30 Jahren. Simret zum Beispiel: Sie ist 26 Jahre alt. Seit zehn Monaten lebt sie nun schon in Oldenburg. „Deutsch ist bisschen schwierig“, sagt sie.


Simret schreibt etwas an die Tafel.
von Jantje

Die Mehrheit ihrer Deutschschüler, sagt Elfriede Brumsack, komme aus Syrien und Eritrea. Menschen, die traumatisiert seien.
Daher stellt sie manche Fragen nicht mehr. Zuletzt hatte sie einen Teilnehmer, der abgeschlagen wirkte, gefragt, warum er so müde sei. Er sagte, er habe vier Wochen nichts von seiner Familie gehört. „Das kann man schwer aushalten“, sagt Elfriede Brumsack.
Manche der Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte auch nicht – „weil sie es weder sprachlich noch emotional können.

Wie macht Elfriede das, ist sie eine gute Lehrerin?", möchte die Journalistin, die an diesem Mittwoch zu Besuch ist, von den Kursteilnehmern wissen.
Diese brechen in Begeisterung aus.
Strahlen. Schwärmen: „Sie macht das sehr gut!“, betont eine junge Frau herzlich.

Das Flüchtlingsthema beschäftigt Elfriede Brumsack nicht erst seit ihrer ehrenamtlichen Arbeit: Ihr Schwiegervater, Julius Brumsack, ist Jude. Sie kennt ihn, seit sie 16 Jahre alt ist. „Er hat nur überlebt, weil er als jüdischer Flüchtling 1939 nach England kam.“ Schwester, Mutter und Cousinen dagegen – wurden ermordet. „Als mein Schwiegervater nach Deutschland zurückgekommen ist vor über 30 Jahren, hat er dann afrikanische Flüchtlinge aufgenommen.

Mit ihrem eigenen Engagement für Flüchtlinge schließt sich nun ein Kreis, findet Elfriede Brumsack. Es gibt ihr das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Menschen zu helfen.

Die furchtbaren Bilder von überfüllten Flüchtlingsbooten gehen und gingen immer wieder durch die Medien. „Manchen fehlt hier die Empathie“, findet Elfriede Brumsack. Das Wort „Pegida“ kann sie nicht mehr hören. „Wie unwissend manche über bestimmte Dinge reden“, sagt sie, „und wie leicht sie urteilen. Wer zieht denn schon freiwillig aus seinem Kulturkreis weg?“

In Oldenburg allerdings, hat die Pädagogin festgestellt, gibt es viele private Initiativen, spendenbereite Menschen, die den Flüchtlingen die kostenpflichtigen Deutschkurse an der Volkshochschule ermöglichen. „Toll!“, lobt sie.
Auch bei Manon Auktun, Leiterin der KGU an der Gaußstraße, gehen viele Anfragen von Menschen ein, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.
„Dieses Engagement ist enorm wichtig“, sagt Auktun. Vieles wäre ohne die Unterstützung dieser „sehr verlässlichen“ Leute nicht möglich. Elfriede Brumsack wiederum freut sich über die gute Zusammenarbeit mit den hilfsbereiten Mitarbeiterinnen der European Homecare, welche die Gemeinschaftsunterkunft betreibt.

Zurück ins Klassenzimmer und zu den Kleidungsstücken: Elfriede zeigt auf den Gürtel der Journalistin. „Und was ist das hier?“
Die Antwort eines Kursteilnehmers folgt prompt: „Das ist sehr sehr schön.“


Erste Bewohner in Turnhallen-Ambiente empfangen, NWZ-Artikel vom 27.6.15

Erste Flüchtlinge ziehen in Notunterkunft, NWZ-Artikel vom 25.6.15

Anwohner schockiert über Notunterkunft, NWZ-Artikel vom 30.4.15


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.


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