In der Höhle des Bären

In der Höhle des Bären Live

Richard Weize hat im Nordwesten Deutschlands ein Unternehmen von Weltruhm geschaffen. Sein Label Bear Family Records setzt dem digitalen Wandel der Branche aufwändige Box-Sets für Liebhaber entgegen, die auch Auslagen von Plattenläden in Los Angeles schmücken. Nach 40 Jahren gibt er die Chefrolle ab - und zeigt uns in seiner Bärenhöhle das Sammelsurium seines Erfolgs.

von Timo Ebbers


Richard Weize vor der Zentrale von Bear Family Records in Vollersode. Bild: dpa
von timo.ebbers

Was in dieser Höhle einen Wert hat und was nicht, mag allein der Chef entscheiden. Es trifft sich gut, dass er gerade an seinem riesigen Schreibtisch residiert, ein Mann mit ergrautem Zopf, buschigem Bart und Latzhosen-Jeans. Unter den Balken eines alten Fachwerkhauses in Vollersode gebietet er über Kostbarkeiten, Schnickschnack und zwielichtigen Kitsch. In einem normalen Büro könnte ich gar nicht arbeiten", brummt der Gründer des Musiklabels Bear Family Records. Ich brauche meinen Müll um mich herum.

Sein zorniger Blick trifft zwischen monströsen Tischlampen und hawaiianischen Hula-Figuren das Imitat einer Jukebox, das sich durch einen Smartphone-Schlitz der digitalen Verwertbarkeit anbiedert. „Ich hasse dieses Ding“, raunzt er. Allerdings hat es der Sänger George Jones vor seinem Tod signiert. „Und der Händler hat gesagt, es gibt nur zehn Stück davon. Da habe ich es natürlich gekauft.

Auch der Herr des Hauses hat also seine Schwächen, weshalb er sich selbst gern einen „Bekloppten“ schimpft. Und doch hat Richard Weize, so heißt der Mann hinter dem Schreibtisch, in den vergangenen Jahrzehnten im Nordwesten Deutschlands eine unvergleichliche Schatzkammer für populäre Musik erschaffen. Der Ruf seines Labels Bear Family Records hallt um die Welt. Zum 40-jährigen Bestehen in diesem Jahr gratulieren Countrystar Willie Nelson, Gitarrist Ry Cooder ("Paris, Texas") und David Fricke, Koryphäe des US-Magazins Rolling Stone. Deutsche Fans wie Bela B. von der Band Die Ärzte nehmen sich daneben fast zwergenhaft aus.

Musik begeistert mich, seit ich zehn Jahre alt bin

„Die Menschen wissen ja gar nicht mehr, was einen Wert
hat“, sagt der 69-Jährige. Der Blick für Kostbares schärft sich schon bei ihm im Büro. Am Boden etwa hält eine Bärenfigur - es gibt hier Hunderte davon - einen Echo empor. Die markante Trophäe hat Richard Weize 2009 für sein Lebenswerk bekommen. Gebauchpinselt fühlte er sich durch die Ehrung schon, auch wenn ihm seine Latzhose selbst für solche Anlässe nobel genug ist.

„Black Europe - The Sounds and Images of Black People in Europe pre-1927“  ist zurzeit so etwas wie eine Visitenkarte des Labels. Eine Box, die 44 CDs und ein akribisch ausgestattetes Buch umfasst und die Geschichte der schwarzen Musik in Europa nachzeichnet. 6,8 Kilo schwer, 750 Euro teuer - geballtes Wissen. Weize, der sonst einen barschen Ton kultiviert, spricht von diesem Projekt mit leisem Stolz. „Das sind Sachen, die wichtig sind.

Das fand auch die Jury der Grammies in Los Angeles, die das Werk für den Oscar der Musik-Branche 2015 in der Kategorie Bestes Historisches Album" nominierte. Eine zweite Nominierung gab's für die Begleittexte der Box The Other Side Of Bakersfield, die von Country-Musikern aus dem kalifornischen Bakersfield und ihrer Liebe zu Rockabilly und Rock ‘n’ Roll erzählt. Gewonnen hat die Bear Family nicht - wie schon 2011, als ebenfalls gleich zwei Projekte nominiert waren.

Die Liste bedeutender Veröffentlichungen ist lang: Zur Geschichte jüdischer Musik im Berlin der Jahre 1933 bis 1938 ist die 11 CDs umfassende Box Vorbei - Beyond Recall erschienen. Kleinere Schätze und Denkwürdigkeiten, etwa aus dem Werk von Johnny Cash, bietet die Schatzkammer der Bear Family ohnehin in Massen. 3400 CDs und 500 Platten habe er herausgebracht, sagt Richard Weize. Die Akribie des Labelchefs ist legendär, Musikfreaks auf dem gesamten Globus stöbern in Plattenläden danach.

Bear Family Records CD Box Sets @ Princeton Record Exchange, July 2015
von PrincetonRecords via YouTube

Musik begeistert mich, seit ich zehn Jahre alt bin, sagt der 1945 geborene Weize. Mitte der 1950er Jahre saß er in seiner Geburtsstadt Bad Gandersheim allerdings auf dem Trockenen. Jugendmusik gab es hier in Deutschland ja überhaupt nicht, sagt er. Während Visionäre wie Sam Phillips in den USA den Rock 'n' Roll aus der Taufe hoben, spülten hiesige Produzenten lieber weich. Also versuchte jeder, amerikanische Platten zu bekommen, sagt Weize, der damals ordentlich mitmischte.

Der Wahnsinn gewann Methode, als er sich mit dem Briefkopf der elterlichen Buchhandlung bei den Händlern einschlich und Platten paketweise orderte. Da kostete eine 11 Mark. Wenn ich die für 12 Mark an meine Freunde verkaufte, hatte ich schnell eine Platte umsonst für mich, rechnet er vor.

Auch der Sammeltrieb stammt aus der Familie, genauer: von seiner Mutter, die neben der Buchhandlung auch Chroniken zur Geschichte der Stadt führte. Die kannte sich da aus wie nichts Gutes, weshalb ich mich über sie lustig gemacht habe, meint Weize. Die Buchhandlung gibt es noch heute, Richard Weizes Bruder leitet sie. Etwas, das seit 1845 besteht, gibt man nicht einfach auf, sagt der 69-Jährige.

Ich bin sehr penibel, sehr ungehalten und ertrage Leute kaum, die nicht nachdenken.

Einige Jahre lebte Richard Weize in London und verdiente sein Geld als Weinhändler. 1971 zog es ihn zurück nach Deutschland. Er bekam Lust, ein altes Bauernhaus aufzumöbeln, und wurde fündig in Harmenhausen, das zur Gemeinde Berne gehört. Ein Label mit dem Namen Folk Variety Records hatte er da bereits. Als er Bear Family Records im Jahr 1975 gründete, war er schon wieder auf dem Sprung. Nur einige Monate operierte Weize aus der Wesermarsch, dann verkaufte er das Haus. Manchmal, wenn er in der Gegend unterwegs ist, schaut er vorbei, „der Ordnung halber.

Rezension einer frühen Veröffentlichung der Bear Family in Harmenhausen

Die Bear Family zog nach Bremen, zunächst in die Goethestraße, dann in die Eduard-Grunow-Straße. 1986 wechselte das Unternehmen nach Vollersode. In der Landschaft verstreut liegen hier die Firmenzentrale, ein Lager für das Web-Order-Geschäft sowie eine Halle, in der vor allem die eigenen Produktionen lagern. Gut 20 Mitarbeiter verdienen ihr Geld dort.

Und wie müssen wir uns Richard Weize als Chef vorstellen? Ich bin sehr penibel, sehr ungehalten und ertrage Leute kaum, die nicht nachdenken, sagt er, auch wenn ihm die Bezeichnung Chef nicht gerade angenehm ist. Ich fühle mich nicht als Chef. Ich mache mein Ding und erwarte, dass die anderen mitziehen. Morgens um 6 Uhr nimmt er die Geschäfte auf, spät abends telefoniert er mit Händlern in den USA. Urlaub gab es über die Jahrzehnte kaum, nur viele Reisen zu jenen, die die Musikwelt in Atem halten. Johnny Cash etwa lud Richard Weize bei sich zum Essen ein.

„Ich will diesen Stress nicht mehr“, sagt der 69-Jährige. Auch wenn er von der Jagd nach musikalischen Schätzen kaum lassen wird und mit eigenen Projekten beschäftigt bleibt, gibt er die Chefrolle allmählich ab. Ende 2014 hat er das Label zu gleichen Teilen an Detlev Hoegen und Michael Ohlhoff verkauft, die nun geschäftsführende Gesellschafter sind und die Zukunft der Bear Family bestimmen.

Auch ein Triumph bei den Grammies, den er bei vier Nominierungen bislang verpasst hat, scheint Richard Weize nicht mehr zu locken. Zur Preisverleihung in Los Angeles im Februar dieses Jahres ist er nicht gereist. „Bin ich blöd?, blafft er. Diese Leute, die da rumsitzen und hoffen, dass sie einen Preis gewinnen, das ist nichts für mich. Will heißen: zu viel Show, zu wenig Musik.

Überhaupt, die Musik. Während des Besuchs in der Höhle der Bear Family klingelt das Telefon, eilen Mitarbeiter mit wichtigen Fragen in das Büro, erteilt der Chef in meist knappen Worten Rat und Anweisungen. Doch Musik hört man hier nicht. Fehlt sie?
Das kommt auf jeden Fall zu kurz, sagt Weize.

Das Lager des Bären
von BearFamilyRecords via YouTube


Eine kleine Radtour über die Dörfer entfernt liegt Holste-Oldendorf. Die Umgebung prägt den Charme des Entlegenen: Landstraßen schlängeln sich durch Wälder, die von landwirtschaftlichen Kulturflächen nur ab und an unterbrochen werden. Dörfchen mit Namen wie Axstedt, Stubben oder Paddewisch ziehen vorbei und gehen im Grün verloren. Gut sichtbar ist hingegen das weiße Gebäude, in dem CDs, Platten und Bücher für das Web-Order-Geschäft des Unternehmens lagern.

Hier hat Detlev Hoegen sein Büro eingerichtet. Ordentlicher als in der Höhle Richard Weizes sieht es hier aus. Fachbücher und Enzyklopädien zu Musikstilen vom Blues zum Rock 'n' Roll zeigen sauber in den Regalen verstaut nur ihre aufgereihten Rücken. Kaum Schnickschnack, kein zwielichtiger Kitsch.


Stets dem Blues auf der Spur, führt Detlev Hoegen seit 1981 das Bremer Label CrossCut Records. 2004 stellte er es unter das Dach von Bear Family Records. Seitdem fungiert er auch hier als Geschäftsführer. Ein Neuling im Geschäft ist der 63-Jährige also kaum, dennoch flößen ihm die Fußstapfen seines Vorgängers an der Spitze des Unternehmens Respekt ein. Soll ich sagen, was Richard kann, das kann ich auch? Das kann ich nicht, gibt Hoegen freimütig zu.

Am Kurs, musikalische Kostbarkeiten aus entlegenen Archiven zu schürfen, besteht allerdings kein Korrekturbedarf. Eher wird Hoegen versuchen, neue Jagdgründe aufzutun, zumal Richard Weize die Felder der Countrymusik und des frühen Rock 'n' Roll weitgehend abgeerntet hat. Kürzlich war Hoegen in Namibia, um dort nach Aufnahmen zu forschen.
Auch Reggae könnte eine interessante Erweiterung des Angebots sein.

Ein neues Projekt zeigt bereits diese Neuorientierung: „Aus grauer Städte Mauern – Die Neue Deutsche Welle. Zwei  Doppel-CDs über die Geschichte der NDW sind bereits erschienen, natürlich liebevoll mit Begleitheften ausgestattet. „Wir stecken mehr als nur einen Zettel dazu“, sagt Hoegen. Mit diesem Aufwand will die Bear Family ihre Nische auch im digitalen Wandel verteidigen. „Einen Markt wird es dafür immer geben.“


Detlev Hoegen in seinem Büro. Foto: Ebbers


Manchen Nachbarn der Bear Family juckt all das wenig. Fragt man Bewohner der umliegenden Dörfer nach dem Unternehmen, wissen viele mit dem Namen nichts anzufangen. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Mitarbeiter bei Bear Family Records so entspannt sind. Am Telefon plaudern die Kunden gerne noch mit unseren Verkäufern, manche kommen selbst vorbei, sagt Hoegen.

Ob Richard Weize in seinem alten Bauernhaus in Vollersode diese Gemütsruhe für sich entdecken wird, wenn der Stress des Tagesgeschäfts einmal verflogen ist? Allein die vielen Bären, die das Anwesen bevölkern, wecken Zweifel daran.
Weizes Frau sammelt übrigens Nilpferde, weshalb die Populationen in den privaten Zimmern zusehends um Lebensraum ringen. Man dürfe das ruhig für bekloppt halten, sagt der Unternehmensgründer. Schließlich ist diese Spielart des Bekloppten der Motor seines Erfolgs und die Ur-Tugend der Bear Family.

Und die wird sich kaum abstellen lassen, auch im sogenannten Ruhestand nicht. Richard auf dem Golfplatz?, sagt Detlev Hoegen. Das werden wir nicht erleben.


EXTRA: Richard Weizes Top-Tipps für Folk- und Country-Einsteiger

1. Johnny Cash: Don't Take Your Guns To Town (1958)

2. Janis Martin: Love Me To Pieces (1956)

3. Pete Seeger: Where Have All The Flowers Gone (1955)

4. Ed McCurdy: Last Night I Had The Strangest Dream (1950)

5. Don Gibson: Lonesome Old House (1959)

Johnny Cash - Don't Take Your Guns To Town THP 1958
von Carters01 via YouTube




Optionen

Kommentare
Klänge
Blog übersetzen
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform