So intim, so ehrlich, so ungeschönt: Linc van Johnson & The Dusters

So intim, so ehrlich, so ungeschönt: Linc van Johnson & The Dusters Live

Lust auf einen Soundcheck? NWZonline stellt in einer Serie Bands und Musiker aus dem Nordwesten vor, spricht mit ihnen über Schaffensprozesse, Selbstfindung und andere Tonalitäten des Lebens. Egal, ob Metal, Funk, Hip Hop oder Klassik, wenn ihr die Bühne auch online rocken möchtet, dann könnt ihr euch gern bei uns melden: amina.linke@nordwest-zeitung.de.

Elektrisierend sind nicht nur die Songs, die "Linc van Johnson & The Dusters" mal gefühlvoll, mal mit imposanter Kraft in Stimme und Instrument vortragen. Elektrisierend sind auch die Bühnen-Protagonisten selbst. Aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommend, haben sie sich in Oldenburg gefunden - und verzaubern es nun mit authentischem Folk'n'Roll.

Von Amina Linke

"Linc van Johnson & The Dusters" im Cadillac. Bilder Lars Kaempf
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Beim Interview im Cadillac: Dominik, Lina und Linc (von links nach rechts).
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Vitamine müssen sein, findet Lina und hat noch schnell auf dem Weg ins Jugendkulturzentrum eine Schale Obst gekauft.
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Gitarren-Virtuose: Adrian van der Drift.
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"Wir funktionieren in perfekter Synergie. Als wäre er meine Stimme und ich seine Hände", sagt Linc über Hauke Quaer.
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Sie lachen schallend miteinander, reden aber ruhig, fast bedacht übereinander. Sie unterbrechen sich, ohne sich ins Wort zu fallen. Sie sprechen von „unserer“ Musik, von „unseren“ Freunden und von „unseren“ Plänen. Sie sind erst ein knappes Jahr als „Linc van Johnson & The Dusters“ unterwegs und hatten bereits den ein oder anderen Besetzungswechsel. Und trotzdem ist da diese Verbundenheit, wie man sie nur aus jahrelang gewachsener Freundschaft kennt.

„Fate“, Schicksal, heißt einer ihrer Songs, die man auf Youtube findet. Eine sanfte, aber kraftvolle Symbiose aus Lincs Reibeisenstimme und zurückhaltenden „Dusters“-Arrangements aus Keyboard, Geige und Kontrabass. Ein vertontes Sinnbild für die Bandhistorie, in deren Kürze viel Schicksal steckt.


LINC VAN JOHNSON & The Dusters - Fate
via YouTube

Linc lernte Lina auf einer Party kennen. Linc geht eigentlich fast nie auf Partys. Studium, Musikprojekte, Vocal Coaching – zu viel Arbeit. An jenem Abend jedoch raffte er sich auf, traf auf die 23-jährige Kölnerin, kam mit ihr ins Gespräch. Akkordeon. Geige. Barock. Linc war von Linas klassisch-orchestralem Hintergrund fasziniert – und vielleicht auch ein bisschen von ihrer offenen, herzigen Art. Er lud sie zur Bandprobe ein. Als sie kam, sagte er zu ihr: „Noten gibt es bei mir nicht. Einfach fiedeln, Lina!“ Und Lina fiedelte.

Als Dominik (Drums), der eigentlich aus der Rock- und Metal-Ecke kommt, zur Band stieß, drückte Linc ihm ein Set von 36 Songs in die Hand und sagte: „Einfach spielen, Dominik!“ Und Dominik spielte. Knappe zwei Wochen hatte der 29-jährige Musikstudent aus Mettingen Zeit, dann musste er auf die Bühne. Bremerhavener Stadtfest. Zwei Stunden Vollpower.

Eine diktatorische Demokratie, nennt Linc das. „Einer muss sagen, wo es lang geht. Jahrelang im Probenraum rumzuhängen und über Kleinigkeiten zu diskutieren, das ist nicht mein Ding.

Die „Herrschaftsform“ funktioniert: Über 20 Gigs haben ���Linc van Johnson & The Dusters“ dieses Jahr bereits gespielt. Und es geht weiter: professionelles Management. Die erste Platte. Drei verschiedene Releases. Gespräche mit Agenturen.

Nächster Auftritt: Kultursommer Insight, Mittwoch, 29. Juli, ab 20 Uhr vorm Woyton (Haarenstraße)

Für den Erfolg proben sie hart. Jeder für sich und zusammen bis zu zwei Mal die Woche im Cadillac. Zwei bis drei Stunden – manchmal mehr. Zeit für kreativen Raum inklusive. „Die Band hat einen starken Einfluss“, sagt Linc. „Ich bin zwar der Bäcker, der die Zutaten für einen Song mitbringt, den Grundteig macht. Für die Verzierungen, die Kirsche auf der Sahnehaube ist aber meine Gang, so nenne ich sie gern, zuständig.

Dass „The Dusters“, zu denen auch Adrian van der Drift (Gitarre) und Hauke Quaer (Piano/Saxophon) gehören, dabei als eigenständige Musiker und Menschen wahrgenommen werden, ist Linc wichtig. Denn die „Staubtücher“ halten nicht nur seinen „musikalischen Hafen“ sauber, sondern motzen ihn auch auf persönlicher Ebene auf, so Linc.

„Meine Lieder sind oft ein musikalischer Seelen-Striptease, thematisieren die Facetten des 'Mensch-Seins'“, sagt der 32-Jährige. „Sie erzählen Teile meiner Geschichte.“ Und die ist im Gegensatz zur Bandhistorie lang, aber mit nicht weniger Schicksal.


LINC VAN JOHNSON & The Dusters - This Is The End
via YouTube

So intim. So ehrlich. So ungeschönt.

Musical, Soul, Death Metal – Linc hat alles gesungen. Und er hat überall gespielt – von kleinen Spelunken bis hin zu Rock am Ring. Auf seiner Facebook-Seite findet man auf den ersten Blick von alledem nichts. Und auch im Interview spricht Linc nur am Rande von Stationen seines Musikerlebens, die andere gern in den Mittelpunkt rücken. Linc ist damit durch. Er wollte weg von „diesem Metal-Stadion-Rock“, weg von bombastisch großen Bühnen-Feuerwerken, weg von einer Person, die er nicht war. „Wenn man jeden Abend die Rampensau bringen muss, jeder von dir erwartet, dass du dieser coole, harte Typ bist, dann entsteht irgendwann eine Diskrepanz zwischen öffentlicher und privater Person, die dich kaputt macht.

Ich wurde mal gefragt, warum ich bei Konzerten so oft die Augen zu habe. "Warum sind deine offen?", fragte ich zurück. "Was erhoffst du zu sehen? Wäre es nicht schöner, wenn du deine auch zu machst, der Musik lauschst und den Bildern in deinem Kopf folgst? Vielleicht sehen wir uns dann."

Schon im Kindergarten stand er die meiste Zeit auf dem Tisch und sang. Den Rest verbrachte er auf einem Strafstuhl und schwieg. „Ich litt unter ADHS und war wohl etwas schwierig“, sagt Linc, der gebürtig aus Nienburg an der Weser stammt. Doch er sang nicht, weil er Aufmerksamkeit wollte. Er sang, weil er merkte, dass ihm dann die Menschen zuhörten, er ihnen so mitteilen konnte, wie es ihm geht.

Als der Anruf von der Crosscore-Band „Mueca“ kam, musste er nicht lange überlegen. Sie bedienten sich musikalisch aller Genres. Sie traten zum Teil vor über 2000 Menschen auf. Sie spielten mit großen Bands wie Sepultura oder Culcha Candela.

Irgendwann gab es „Mueca“-Kinder und Häuser mit Vorgärten. Linc zog weiter – zu der Hardcore-Band „My Enemies XII Mistakes“. Anderes Outfit. Andere Musikrichtung. Anderer Erfolg. 2008 Nürburgring zum Beispiel. Bungalow. Shuttle Service. Backstage-Drinks – um zehn Uhr morgens. „Das war schon nett“, sagt Linc. Doch dann: Unterschiedliche Zukunftsvisionen, musikalische Differenzen. Das gleiche Spiel bei der Soulformation „The Groove Department“ in Oldenburg. Profitiert hat er in all dieser Zeit von allem sehr, sagt Linc. Doch irgendwie blieb er irgendwann auf der Strecke. „Ich hatte den Bezug zur Musik und zu mir selbst als Musiker verloren.“

Auf den Moment, wo alles zusammenbrach, folgte ein Jahr Pause. Was danach da war, ist das, was „Linc van Johnson & The Dusters“ jetzt performen: ehrlicher, schnörkelloser Folk'n'Roll.

„Dieser neue Zugang zur Musik hat mich gerettet“, sagt Linc. „Früher brauchte ich die Bühne als Abstandhalter, die schreienden Fans davor, den Alkohol.“ Die Intimität eines Wohnzimmer-Konzerts hätte ihm damals Angst gemacht – heute genießt er sie. Heute weiß er wieder, warum er singt – und für wen.

LINC VAN JOHNSON & The Dusters - Good Friends & A Bottle Of Wine
via YouTube


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