Ehrensache: Sich gemeinsam nicht unterkriegen lassen

Ehrensache: Sich gemeinsam nicht unterkriegen lassen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler

Ob Schicksalsschlag oder Einsamkeit: In der Gemeinschaft des Nachbarschaftstreffs beim Paritätischen ist jeder willkommen. Ehrenamtlich kümmert sich Marianne Piwniczka rührend um die Gruppe. Auch Hans-Georg Wüstefeld ist beim Paritätischen engagiert: Er betreut das Secondhand-Lädchen "Dit & Dat".


Marianne Piwniczka (Mitte) leitet ehrenamtlich den offenen Nachbarschaftstreff für Jung und Alt im Paritätischen an der Ziegelhofstraße 125-127.
von Jantje


Sieben Jahre ist es jetzt her. Da hatte Hilde Bethge den Schlaganfall. Das Leben der Oldenburgerin, die bis dahin immer gearbeitet hatte, war plötzlich auf den Kopf gestellt. Immerzu war sie von nun an auf fremde Hilfe angewiesen. Die 71-Jährige ringt mit den Worten und sagt: „Wenn Sie alleine im Bett liegen und nachdenken – dann ist das schlimm…“ Doch eines Tages habe dann ihre Nachbarin, Gunda Landskron, vor der Wohnungstür gestanden, ihr einen Flyer hingehalten und gesagt: „Komm doch mal mit hierhin!“ Es war ein Flyer von LeNa, der „Lebendigen Nachbarschaft“ des Paritätischen an der Ziegelhofstraße 125-127. „Hm, da kann ich ja mal schnüffeln…“, hat sich Hilde Bethge gedacht.

„Möchten Sie einen Kaffee?“ Marianne Piwniczka hat die Kaffeetassen für den Nachbarschaftstreff längst am langen Tisch verteilt.
Freundlich begrüßt sie die „Nachbarn“, die an diesem Dienstagnachmittag zum wöchentlichen Klönschnack bei Kaffee und Keksen eintrudeln. Viele der Teilnehmer sind allein. Oder ihnen ist zu Hause nach einem Schicksalsschlag – wie im Fall von Hilde Bethge – einfach die Decke auf den Kopf gefallen. Dank des ehrenamtlichen Einsatz’ von Marianne Piwniczka finden all diese Menschen im Paritätischen eine regelmäßige Anlaufstelle. Sind hier eine Gemeinschaft. Klönen, knüpfen Kontakte, tauschen sich aus – beziehungsweise können „mal 'n bisschen quatschen auf gut Deutsch“, fasst Hilde Bethge zusammen. Hier lässt sich keiner unterkriegen.

 

„Nach dem fünften Treffen ist klar:
Mir ist, als wäre ich schon immer da.
Keiner findet sich fremd in dem Kreise,
einer etwas reger, der andere sehr leise.
Aber mitmachen und voll dabei,
genau das ist es, was LeNa sei.“
Ausschnitt aus einem Gedicht von Marianne Piwniczka

Es sind liebevolle Zeilen, die Marianne Piwniczka über den Nachbarschaftstreff gedichtet hat. Überhaupt ist sie ein rühriger Mensch: In einem voll bepackten Aktenordner hat die 74-Jährige all die Erinnerungen in Form von Fotos und selbst geschriebenen Zeilen zusammengetragen, die sich im Laufe der Nachbarschaftstreff-Jahre angesammelt haben. Gemeinsame Kohlfahrten und Weihnachtsfeiern sind dabei – und Geburtstagstagskinder bekommen von der gebürtigen Schlesierin stets ein paar persönliche Zeilen.

Ob nach einem Schicksalsschlag oder bei Einsamkeit: Jeder wird in der "schönen Gemeinschaft" aufgenommen.
von Jantje

Am Morgen ist Marianne Piwniczka schon einmal im Paritätischen gewesen: Denn von 10 bis 11 Uhr bietet sie zusätzlich jeden Dienstag eine Bewegungsgruppe an.
Diesmal hatte sie sich eine Bauchtanz-Einheit ausgedacht. „Als Einzelner macht man zu Hause so etwas nicht“, sagt sie. Regelmäßig holt sie sich Anregungen bei den Frühsportgruppen im Fernsehen. „Man muss ja immer wieder Neues einbringen“, sagt sie und grinst. „Letztes Mal haben wir den Model-Gang geübt.“ „Wir haben Tränen gelacht!“, erzählt Gunda Landskron.

Der einzige Mann in der Nachbarschaftstreff-Runde, an der zur Zeit 13 Oldenburgerinnen regelmäßig teilnehmen, ist Rudolf Stork. Seit gut vier Jahren kommt er zum Plaudern her. Durch seine pflegebedürftige Frau fühlte er sich damals zu Hause isoliert. Um stundenweise etwas Freizeit für sich selbst zu haben, organisierte er eine Pflegekraft, spielte beim Paritätischen Schach und Skat. „Ich musste mal raus“, blickt er heute zurück. Seit seine Frau verstorben ist, hat er sich noch mehr Hobbys zugelegt: Qigong und Wassergymnastik zum Beispiel. „Ein bisschen für den Körper, ein bisschen für den Geist“, lautet sein Credo, „dann kann man sich ausrechnen, dass man länger fit bleibt.“ – Und in der Tat: Dass er schon 82 Jahre alt sein soll, sieht man ihm nicht an.

Wie ist es denn so, als Hahn im Korb? „Och…“, sagt Rudolf Stork, „ich seh’ mich gar nicht als Hahn im Korb.“ Fügt dann hinzu: „Das kann ja auch ganz interessant sein. Angst vor Frauen hab’ ich nicht.“ „Er ist aufmerksam und sehr nett“, bekräftigt augenblicklich eine der Frauen; jeden Dienstag hole er sie und eine andere der Teilnehmerinnen von zu Hause ab und nehme sie mit zum Treff. „Er ist unsere gute Seele“, sagt sie. Auch sie hat ihren Partner verloren. Es sei ein ziemlicher Schritt damals gewesen, nach dem Tod ihres Mannes zum ersten Mal allein rauszugehen. Doch sie musste raus, raus aus der Einsamkeit. „Ich kam vorsichtig rein“, erinnert sie sich an ihren ersten Besuch im Paritätischen zurück. Doch sogleich habe aufmunternd jemand gerufen: „Kommen Sie mal rein!“ Und die Witwe kam zum Treff rein – und blieb.

Herzlich Willkommen! Jeder darf am Nachbarschaftstreff in lockerer Runde teilnehmen.
von Jantje
Hier findet der wöchentliche Klönschnack bei Kaffee/Tee und Keksen statt.
von Jantje
In einem dicken Ordner hat Marianne Piwniczka die Nachbarschaftstreff-Erinnerungen dokumentiert - auf liebevoll dekorierten Seiten.
von Jantje
Sie hat sogar selbst gedichtet über Nachbarschaft und "LeNa".
von Jantje
 
 

1 von 4


Dieses Zögern davor, einfach mal vorbeizukommen und die Angebote des Paritätischen wahrzunehmen, hat Marianne Piwniczka auch schon festgestellt. Eine soziale Einrichtung habe es da schwerer als eine kirchliche. „Das Problem ist“, meint Piwniczka, „es wird sehr viel geklagt: ,Ich bin so alleine!’ Aber trotzdem ist es ein Hindernis vorbeizukommen. Ich denke manchmal, die Leute erwarten, dass jemand direkt zu ihrer Tür kommt und sie auffordert.


Das von der Stadt Oldenburg geförderte Projekt „Seniorenberatung LeNa - Lebendige Nachbarschaft“ möchte unter dem Motto „Beratung & Kontakt nicht nur für Ältere“ die Gemeinschaft und das Zusammenleben in den Stadtteilen fördern. Ziel ist es, den Menschen bis ins hohe Alter – auch bei Hilfe- und Pflegebedarf – ein selbstbestimmtes Leben in ihren Wohnungen und ihrer vertrauten Umgebung sowie die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben zu ermöglichen.
Quelle: www.paritaetischer.de
 

„Der Paritätische ist nicht so bekannt“, hat auch Hans-Georg Wüstefeld festgestellt. „Die meisten fahren vorbei“, erzählt er, während er in einem riesigen Jeans-Berg wühlt. Der 67-Jährige kümmert sich seit zwei Jahren ehrenamtlich um das Second-Hand-Lädchen „Dit & Dat“, das sich ebenfalls auf dem Gelände des Paritätischen am Ziegelhofweg befindet. Und gerade steht eine Kundin im Laden, die auf der Suche nach einer Jeans in Größe 42 ist. Mit geübten Griffen nimmt der Rentner eine Jeans nach der anderen aus dem Regal und reicht sie der Kundin. „Dort können Sie sich umziehen.“ Eine richtige Umkleidekabine gibt es hier nicht. Stattdessen hält ein ganz kleiner Nebenraum her.

Hans-Georg Wüstefeld betreut das Second-Hand-Lädchen "Dit & Dat" jeden Montag und Mittwoch von 12 bis 17 Uhr - und würde sich über weitere Mitstreiter freuen.
von Jantje
Das Lädchen befindet sich auf dem Hinterhof des Paritätischen an der Ziegelhofstraße 125-127.
von Jantje
Sachspenden und weitere Ehrenamtliche sind willkommen.
von Jantje
Gegen eine geringe Spende bekommen Kunden hier Hausrat, ...
von Jantje
...Schuhe und Kleidung,...
von Jantje
...Spielzeug und Vasen,...
von Jantje
...oder auch Handtaschen und Bügelbretter.
von Jantje
 
 

1 von 7


Jeder kann im Laden die Dinge abgeben, die er nicht mehr braucht: Kleidung, Bücher und elektronische Geräte zum Beispiel. Nur funktionsfähig muss alles noch sein. Gegen eine geringe Spende werden die Dinge dann abgegeben. Immer montags und mittwochs von 12 bis 17 Uhr. Das eingenommene Geld kommt Kinderprojekten zugute. Auch von außerhalb bringen Leute, die zum Beispiel durch einen Artikel in der NWZ auf den Laden aufmerksam geworden sind, Sachen vorbei. „Das haben wir gar nicht gewusst, dass es das hier gibt“, sagen sie dann oft.

„Nee, das hat keinen Zweck“, sagt Wüstefeld. Die Kundin mit der angezogenen Jeans ist aus der Umkleide-Ecke gekommen. Doch die Hose sitzt zu eng. „Die fallen immer verschieden aus. Die Firmen schneiden unterschiedlich“, sagt der ehemalige Einzelhandelsverkäufer und greift geduldig zur nächsten Jeans.

Seine Aufgabe macht ihm Spaß. Viele nette Leute habe er hier schon kennengelernt. Manche fragen ihn auch nach Ratschlägen, insbesondere Frauen, deren Männer erkrankt sind. Denn auch Wüstefeld erkrankte damals an Krebs; zahlreiche Chemos und Bestrahlungen liegen hinter ihm. Einmal sei eine verzweifelte Frau in den Laden gekommen. Ihr Mann wollte die Chemo-Therapie abbrechen. Wüstefeld gab ihr sein Tagebuch mit, in dem er seine eigene Erfahrung mit dem Krebs und der Chemo-Therapie dokumentiert hatte. „Als die Frau das nächste Mal in den Laden kam, hat sie mich umarmt und erzählt, dass ihr Mann die Therapie nun doch fortsetzt“, erzählt Wüstefeld. Er hatte sogar einen Gesprächskreis für krebskranke Männer beim Paritätischen ins Leben gerufen. Aber der sei nicht angenommen worden. Warum denn nicht? „Männer sind so’n bisschen schüchtern und scheu“, sagt Hans-Georg Wüstefeld.

In den Räumen nebenan ist der Nachbarschaftstreff mittlerweile zu Ende. „Wir sind gestärkt worden“, sagt Gunda Landskron beschwingt, „so können wir’s jetzt die ganze Woche aushalten.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

Optionen

Kommentare
Klänge
Blog übersetzen
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform