Wenn das Gift im Paket kommt

Wenn das Gift im Paket kommt Live

Als eine hochgefährliche Substanz in einem Verteilerzentrum des Paketdienstleisters (DPD) in Uplengen austritt, geht alles rasend schnell. Wer könnte sich über eines der Pakete vergiftet haben? Der 18-jährigeThies Engelbarts aus Petersfehn war einer von 130 Betroffenen, die Notärzte in einer Sammelstelle untersucht haben.

von Timo Ebbers
Warten auf die nächste Station im Sammellager: Thies Engelbarts mit Mutter Dagny und Schwester Finja. Foto: Thies Engelbarts
von Denis Krick


Die Polizisten weichen zurück, als
Thies Engelbarts sich ihnen nähert. Welche Gefahr von dem 18-Jährigen aus Petersfehn ausgeht, weiß er nicht einmal selbst. Noch nicht. Thies ist mit seiner Mutter Dagny nach Uplengen gefahren, damit Ärzte genau das herausfinden. Hat er Natriumselenit am Leib? Die hochgiftige Substanz war am Samstagmorgen im Warenverteilerzentrum des Paketdienstleisters DPD in Jübberde aus einem Paket entwichen.

Eine Begrüßung wenige Stunden vorher genügte, um eine Kettenreaktion auszulösen. Thies hatte den Lebensgefährten seiner Mutter in Westerstede besucht, um ein paar Sachen abzuholen. "Ich habe ihm nur die Hand geschüttelt", sagt Thies. Eine an diesem Tag fatale Geste, denn der Westersteder gehört zu jenen Empfängern, die mit einem der möglicherweise verseuchten Pakete in Berührung gekommen sind.

Hintergrund: 170 Menschen nach Chemieunfall untersucht

Thies ist schon wieder zurück in seiner Wohnung in Petersfehn, als um 16 Uhr das Telefon klingelt. Die Polizei hat den Freund seiner Mutter aufgefordert, alle Menschen zu warnen, die ihm heute nahegekommen sind. Die Ansage der Behörden: Komplett ausziehen. Alle Sachen in einen Plastikbeutel. 20 Minuten gründlich duschen.


Und das ist nur der Auftakt. Denn die eigentliche Notuntersuchung findet in Uplengen, rund 40 Kilometer entfernt, statt.

Schnell merken Thies und seine Mutter: Auch die
Behörden kämpfen mit der Organisation. Als sie bereits auf der Autobahn fahren, findet das Navigationsgerät die Adresse der Anlaufstelle nicht. Sie wählen den Notruf, um nachzufragen, doch die Polizisten wissen nichts von einem Chemieunfall und den Warnungen an Empfänger in Westerstede, Friesoythe und Wardenburg. Erst als sie direkt bei der Polizei Leer anrufen, erfahren sie, wohin genau sie fahren müssen. Ihr Ziel: Die Turnhallle der Haupt- und Realschule Uplengen, Höststraße 47.


von timo.ebbers


Schon das Gelände flösst Thies Respekt ein. Männer in roten Schutzanzügen nehmen sie in Empfang, Polizisten
halten sich nervös auf Abstand. Und als sie sich auf eigens bereitgestellten Formulagen mit Namen und Geburtsdatum registriert haben, heißt es wieder: Komplett ausziehen. Kleidung in einen Beutel.

Das dürfen Thies und seine Mutter wenigstens in den Umkleideräumen der Turnhalle tun, Männer und Frauen jeweils unter sich. Der Lebensgefährte seiner Mutter ist mit seiner Tochter Finja gekommen.
Und viele andere auf dem Gelände reihen sich weiße Transporter des DPD, denn auch die Fahrer gehören zum Kreis der möglicherweise Geschädigten. "Das alles war ziemlich bedrohlich. Ich hatte das Gefühl, hier kommt man nicht mehr raus", sagt Thies.

Bei einigen unfreiwilligen Gästen liegen bald die Nerven blank. Ein Mann weigert sich, die Kleidung komplett abzulegen. Und warum ein zweites Mal duschen? Offenbar war die erste Aufforderung, sich zuhause zu waschen, ein Missverständnis. Doch als die Polizisten klarmachen, dass sie sich durchsetzen werden, bricht der Widerstand zusammen. Immerhin: Die Männer schlagen heraus, dass sie die Beutel mit ihren Wertsachen mitnehmen dürfen.

Dann duschen sie jeweils zu sechst. 30 Minunten lang, unter Beobachtung. Die Zeit wird gestoppt.

Thies hat nun die dritte Dusche an diesem Tag hinter sich. Seine Kleidung hat er längst abgeschrieben. "Wir wussten, dass wir die Sachen nicht wiederbekommen, auch wenn es niemand so direkt gesagt hat", erzählt der 18-Jährige. Er hat Glück: Ihm passt eine Jogginghose, die Nothelfer aufgetrieben haben. Die meisten anderen Männer müssen sich von nun an mit einem Handtuch begnügen. Wenigstens sind genug T-Shirts und Hosen da, um die Frauen notdürftig einzukleiden.

Erst jetzt beginnt die eigentliche Untersuchung. "Es war eiskalt in der Turnhalle", sagt
Thies. "Die Polizisten waren dick angezogen, dann die Männer in den Schutzanzügen. Wir kamen uns dazwischen irgendwie isoliert vor."

Notärzte halten sich an drei provisorischen Stationen in der Turnhalle bereit, um einen nach dem anderen zu untersuchen. Sind Sie direkt mit einem der Pakete in Kontakt gekommen? Gibt es Beschwerden, ein Kratzen im Hals etwa? Thies geht es gut, deshalb wird er auf einem Zettel als "Grün" klassifiziert. "Das heißt: leicht verletzt. Ich habe nachgesehen."

Dann die Schrecksekunde: Thies soll eine Infusion bekommen. "Ich habe panische Angst vor Nadeln", gibt er zu. Außerdem flößt ihm die vage Ankündigung, jetzt komme ein Medikament, nicht gerade Vertrauen ein. Auf Nachfrage erfährt er, dass er Kortison nehmen muss. Wenn nicht durch eine Infusion, dann eben über Tabletten, die eine Stunde später in die Turnhalle geliefert werden sollen. Er entschließt sich zu warten. Bis wieder Aufregung in der Halle ausbricht.

Denn eine Hochzeitsgesellschaft kündigt sich an. Offenbar hat eines der gefährdeten Paketen seinen Empfänger zu einem besonders unglücklichen Termin erreicht. "Da kamen so um die 30 Leute auf einmal. Und ich dachte, bevor hier das große Gedränge ausbricht, nehme ich lieber gleich die Infusion." Die Braut habe ihr Brautkleid abgeben müssen, sagt Thies. Das ist an diesem Tag das wohl noch größere Opfer.


Auch ein Brautpaar musste sich in Uplengen untersuchen lassen. Foto: NonstopNews
von timo.ebbers
Mutter Dagny bringt ihre alte Kleidung zur Sammelstelle. Foto: Thies Engelbarts
von timo.ebbers
Barfuß und notdürftig gekleidet: die 14-jährige Finja (im roten Shirt) auf dem Schulgelände in Uplengen. Foto: Thies Engelbarts
von timo.ebbers
Nach der Untersuchung müssen Handtücher als Kleidung genügen. Foto: Thies Engelbarts
von timo.ebbers
Auch die Fahrer der DPD-Transporter gehörten zum Kreis der mutmaßlich Geschädigten. Foto: Thies Engelbarts
von timo.ebbers
Stunden später: Als Thies Engelbarts diese Fotos schießt, haben er und seine Mutter die Untersuchung hinter sich. Foto: Thies Engelbarts
von timo.ebbers
Eine Hochzeitsgesellschaft musste auch zur Untersuchung nach Uplengen. Foto: NonstopNews
von timo.ebbers
 
 

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Es ist gegen 19.30 Uhr, als Thies und seine Mutter auschecken dürfen. Gut drei Stunden haben sie in diesen Katastrophenparcours verbracht, die meiste Zeit in notdürftiger Kleidung. Jetzt stehen sie barfuß am Ausgang der Sporthalle. Und vor einem Problem. Denn Thies' Mutter hat ihren Autoschlüssel wie von der Polizei gefordert in den Beutel gegeben. So kommen sie hier nicht weg.

Erst gegen 21 Uhr händigt man ihnen den Schlüssel aus. Ein Polizist habe seiner Mutter noch geraten,
besonders aufmerksam zu fahren. Nicht ohne Grund, denn es ist ungewohnt, Kupplung, Gas und Bremse auf der Autobahn mit nackten Füßen zu bedienen.

So müde Thies am späten Abend auch ist: Er stellt sich unter die Dusche, zum vierten Mal an diesem Tag. "Was mit dieser Jogginghose ist, weiß ich ja nicht", sagt er. Seine eigene Kleidung ist in den Plastiksäcken zurückgeblieben. "Zwei Paar Schuhe, zwei Hosen, Hemden. Und meine zwei Gürtel", zählt Thies zusammen, alles hat einen Wert von 200 bis 300 Euro. Was mit den Sachen wird und wer den Schaden ersetzt, weiß er nicht.

Fragen wie diese bleiben an diesem Tag unbeantwortet. Thies' Mutter hat sogar ihre Brieftasche im Beutel zurückgelassen. Der Großmutter können sie, als alles vorüber ist, nur mitteilen: Uns geht es gut, wir sind wieder zu Hause.

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