Ehrensache: Sie lassen's krachen

Ehrensache: Sie lassen's krachen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler


Peng: Die Ehrenamtlichen der Realistischen Unfalldarstellung der Johanniter-Unfall-Hilfe lassen’s krachen. (Bild: Johanniter Oldenburg)
von Jantje


Es knallt.
Funken sprühen aus dem Strom-Verteilerkasten. Warum tut denn keiner was?
Der Elektriker streckt den Daumen empor.
„Super!“, sagt er – und das ohne jegliche Ironie.
Claudia Schmithals und Stefan Ehm grinsen stolz.
Denn den Kurzschluss, der da so am knistern und qualmen ist, den haben sie selbst verursacht. Mit voller Absicht.


by Jantje

Natürlich ist es kein echter Kurzschluss: Claudia Schmithals und Stefan Ehm engagieren sich ehrenamtlich im Ortsverband Oldenburg der Johanniter-Unfall-Hilfe in einem Bereich, in dem sie es ganz offiziell explodieren lassen dürfen. Die pyrotechnische Schadensdarstellung ist Teil der Realistischen Unfalldarstellung (RUD). Normalerweise geht es bei der RUD insbesondere darum, im Rahmen von möglichst realistischen Übungs- und Ausbildungsszenarien Kranke und Verletzte zu schminken. Schnittwunden, offene Brüche, Amputationen, aus der Haut hervorragende Nägel: All das lernen Ehrenamtliche hier in einem speziellen Schminklehrgang. Dass die pyrotechnische Schadensdarstellung bei den Johannitern in Oldenburg seit etwa anderthalb Jahren ebenfalls ein wichtiger Bestandteil geworden ist, ist bundesweit fast einzigartig – zu verdanken ist das Claudia Schmithals (32) und Stefan Ehm (31).


Freiwilliges „Opfer“: Die Realistische Unfalldarstellung der Johanniter-Unfall-Hilfe kümmert sich im Rahmen von Übungen und Prüfungen um das Schminken von Kranken und Verletzten. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Claudia Schmithals von der RUD setzt ein Unfallopfer in Szene. (Bild: Johanniter)
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In einem Schminklehrgang lernen die RUD-Ehrenamtlichen, realistisch aussehende Verletzungen zu schminken (Achtung: Die folgenden Bilder sind nichts für Zartbesaitete). (Bild: Johanniter Oldenburg)

 
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Das Kunstblut will wohldosiert sein. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Fertig zum Verarzten (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Weggefetzte Haut (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Jetzt ist der Rücken dran – Schritt 1. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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…Schritt 2... (Bild: Johanniter Oldenburg)
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…und Schritt 3. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Autsch: Zwei schwerverletzte „Opfer“ warten nach einem Autounfall auf Hilfe. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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„Claudia und ich haben 2012 zusammen recherchiert, ob es sowas gibt und wie man das macht“, erzählt Ehm. Ende 2013 ließen sich die beiden dann in Stuttgart eine Woche lang zu Pyrotechnikern ausbilden. Warum? So genau wissen sie das gar nicht mehr. „Wir haben geguckt, was kein anderer macht“, sagt Ehm. Lediglich in Bayern, so haben die beiden Ehrenamtlichen festgestellt, gibt es ein vergleichbares Angebot. In Ermangelung einer professionellen Pyrotechnik komme bei Feuerwehrübungen oft nur eine Nebelmaschine zum Einsatz oder ein Chinaböller werde gezündet, um eine kleine Explosion zu simulieren, die die Übenden erschrecken soll. „Aber jeder weiß: Böller darf man nur zu Silvester zünden“, sagt Claudia Schmithals, „wenn bei solch einer Übung was schiefgeht, gibt’s versicherungsrechtliche Probleme. Nur Pyrotechniker dürfen das ganze Jahr Feuerwerkskörper der Klasse II erwerben. Alle anderen nur Klasse I, das heißt Knallerbsen und Co.“ Für die Feuerwehr – Schmithals und Ehm sind seit 2006 übrigens selbst zusätzlich in der Freiwilligen Feuerwehr Haarentor – ist es also schwierig, auf der sicheren Seite zu sein. Doch die beiden Oldenburger strebten sowohl eine legale als auch möglichst umweltfreundliche Schadensdarstellung an.

Sechs weiteren Ehrenamtlichen haben die 32- und der 31-Jährige seit ihrem Lehrgang etwas von ihrem Wissen weitervermittelt, damit diese bei den explosiven Einsätzen etwas assistieren können. Zwei von ihnen nehmen im September ebenfalls an dem Pyrotechniker-Lehrgang teil – und erhalten dafür schon jetzt Unterstützung von den beiden Profis. „Wir wurden damals erschlagen von den Gesetzestexten“, erinnert sich Claudia Schmithals, „wir haben uns abends hingesetzt und uns die Texte reingeprügelt. Damit die anderen beiden nicht so einen Schlag kriegen, wollen wir das im Vorfeld ein bisschen abfangen.

Claudia Schmithals und Stephan Ehm beim Pyrotechniker-Lehrgang in Baden-Württemberg (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Eine breit gefächerte Explosion mit herumfliegenden Staubteilen (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Claudia Schmithals und Stefan Ehm freuen sich aus sicherer Entfernung, dass es genau so explodiert, wie geplant. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Die simulierte Explosion einer Gasflasche (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Aus sicherer Entfernung sehen die Ehrenamtlichen zu. (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Eine kleine Explosion mit Feuerball (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Verbrennung von Gasrückständen (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Ihre Fähigkeit, Schadenslagen real darzustellen, ohne die Rettungskräfte unnötig zu gefährden, bieten die Johanniter als Dienstleistung an. Größter Kunde ist die Feuerwehr. Dieses Jahr waren die Ehrenamtlichen u.a. bei einer Übung für die Berufsfeuerwehr und zweimal bei der Freiwilligen Feuerwehr dabei. „Für die Johanniter-Unfall-Hilfe selbst ist die Pyrotechnik kein Gewinn“, erklärt Stefan Ehm, „Sanitätskräfte bekommen schließlich beigebracht, sich aus Gefahrenlagen rauszuhalten.“ „Trotzdem ist es wichtig für die Pyrotechnik, eine solche Gefahrenlage für den Rettungsdienst darzustellen – damit die Sanitätskräfte die Lage überhaupt erkennen und meiden“, ergänzt Schmithals. Außerdem planen die Johanniter eine Schulung für Jugendliche zum richtigen Umgang mit Silvesterfeuerwerk, angelehnt an ein Konzept des Technischen Hilfswerks Hamburg. „Eigentlich dürfen minderjährige Jugendliche Raketen und Chinaböller nicht benutzen“, erläutert Stefan Ehm den Hintergrund für das Vorhaben, „aber sie tun es trotzdem. Und dann sollen sie es auch richtig machen.“ Den Heranwachsenden werde auch gezeigt, was passieren kann, wenn es schiefgeht. Der Fokus soll auf den Erste-Hilfe-Maßnahmen liegen.

Ansonsten haben die RUD-Ehrenamtlichen etwa zehn Termine pro Jahr, schätzt Ehm. In den vergangenen Jahren haben sie zum Beispiel Großübungen auf dem Bremer Flughafen unterstützt. „Flughäfen sind angewiesen, alle zwei Jahre eine Übung durchzuführen“, erläutert Claudia Schmithals, „das ist eine internationale Vorgabe der ICAO, der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation.“ Bei solch einer Großübung ist eine Zusammenarbeit zwischen den Hilfsorganisationen notwendig: Feuerwehr, DLRG, Deutsches Rotes Kreuz, Malteser, Technisches Hilfswerk – und die Johanniter-Unfall-Hilfe. „Dieses Jahr ging es vor allem um den Umgang mit Angehörigen, also den psychologischen Aspekt“, berichtet Stefan Ehm. Es galt also weniger, die Darsteller zu schminken, als sie zu instruieren, wie sie sich zu verhalten haben.

Übung am Flughafen Bremerhaven 2014: Erstversorgung der Verletzen (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Rettung der nicht gehfähigen Personen (Bild: Johanniter Oldenburg)
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Viel zu schminken gab es für ihn und sein Team aber auch schon in diesem Jahr. Der 31-Jährige zählt auf: „Geschlossene und offene Brüche, blaue Flecken, Verbrühungen, Amputationen, bei denen Finger, Bein oder Arm ab sind… ich hab’ auch Gummifinger und -beine. Die werden neben die ,Verletzten’ gelegt und dann kommt jede Menge Kunstblut drauf.“ Die Ehrenamtlichen dosieren das Kunstblut mit einer Spritze – und zwar „relativ zaghaft“. Denn die Auftraggeber möchten meist nicht, dass ihr Gelände zu sehr eingesaut wird. Manchmal bekommt das RUD-Team ganz spezifische Schminkanweisungen für eine Übung; andere Szenarien bekommen die Johanniter dagegen im Vorfeld gar nicht mitgeteilt, weil der Auftraggeber Angst hat, dass etwas von dem geheimen Übungsszenario im Vorfeld durchsickert. „Je mehr Leute Bescheid wissen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen was davon mitbekommen, die die Übung abarbeiten sollen. Daher sollen so wenig wie möglich eingeweiht werden“, erklärt Claudia Schmithals.


Ein bisschen Arm, ein bisschen Bein – und Kunstblut: Stephan Ehm präsentiert die Tricks und Kniffe der Realistischen Unfalldarstellung.
von Jantje
An der Industriestraße 1 befindet sich der Ortsverband Oldenburg der Johanniter-Unfall-Hilfe. 
von Jantje
 
 

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Claudia Schmithals ist bei einem Klassentreffen Anfang 2000 von einer früheren Mitschülerin darauf aufmerksam gemacht geworden, dass man sich ehrenamtlich im medizinischen Bereich betätigen kann. „Ich finde Medizin sehr interessant, wusste aber, dass meine Noten für solch ein Studium zu schlecht sind“, erzählt die Oldenburgerin. Schon kurze Zeit später engagierte sie sich bei der Johanniter-Unfall-Hilfe. Nach ihrem Abitur 2003 am Herbartgymnasium nahm sie ein Chemie-Studium in Oldenburg auf und ließ sich bei den Johannitern zur Sanitätshelferin ausbilden. „Und dann wächst man da so irgendwie rein“, sagt sie. Sie übernahm erste Sanitätsdienste und fuhr auch mal als 3. Person auf dem Rettungswagen mit. 2006 fing sie die Ausbildung zur Rettungssanitäterin an, fuchste sich parallel nach und nach in den Bereich der Realistischen Unfalldarstellung ein. Selbst ihr Umzug nach Münster, wo sie nach dem Diplomstudium eine Doktorandenstelle in der Krebsforschung fand, hielt sie nicht davon ab, sich weiterhin für die RUD in Oldenburg zu engagieren. Schmithals: „Leute organisieren für Übungen kann man schließlich auch von Münster aus.“ Und für Übungen selbst nahm sie sich auch mal extra einen freien Tag.


In unserer Ausbildung zum Sanitäter (Sanitätshelfer) vertiefen und erweitern wir Ihre Kenntnisse und Fertigkeiten in Erster Hilfe. Diese Ausbildung ist Voraussetzung für eine ehrenamtliche Mitarbeit in den Bereichen Sanitätsdienst, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und in der Ausbildung.

Der Rettungssanitäter arbeitet eigenverantwortlich auf einem Krankentransportwagen und unterstützt den Rettungsassistenten bei der Versorgung von Notfallpatienten auf einem Rettungswagen.
Quelle: www.johanniter.de

Die Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, hat abgenommen, hat Stefan Ehm festgestellt: „Früher wollten alle was freiwillig machen. Seit der Smartphone-Zeit haben wir aber nur noch wenig Zuwachs.
Sein eigener Weg zu den Johannitern kam über ein anderes Ehrenamt zustande: Im Jahr 2000 war er in der Betreuung der evangelischen Jugend Oldenburg tätig.
Eine Ausbilderin von den Johannitern kam für einen Erste-Hilfe-Lehrgang vorbei. „Die hat das super gemacht“, erinnert sich Ehm. Wer mehr Interesse habe, solle einfach mal vorbeikommen. Gesagt, getan: Anfang 2001 war auch er bei den Johannitern. Warum? „Weiß nicht… Ich war schon immer der Mensch, der andere unterstützt hat.“ Die Ausbildung zum Sanitätshelfer absolvierte er an vier Wochenenden Anfang 2002. Von da an war er zur medizinischen Absicherung von Veranstaltungen mit von der Partie, also bei Volksfesten, Sportveranstaltungen oder auch größeren Events wie der Loveparade oder dem Kirchentag. Als Praktikant fuhr er in Rettungswagen mit, legte zum Beispiel Verbände an, betreute Patienten. Anfang 2004 ließ auch er sich zum Rettungssanitäter ausbilden. „Jetzt darf ich den Rettungswagen sogar fahren, da ich extra noch den LKW-Führerschein gemacht hab’.“ Etwa zwei-, dreimal pro Monat übernahm er an Wochenenden als Rettungssanitäter eine Schicht innerhalb des Oldenburger Stadtgebiets. Und obwohl er mittlerweile in Hamburg Rettungsingenieurwesen studiert, hält sein ehrenamtliches Engagement für die Johanniter in Oldenburg bis heute an, sei es im Krankenwagen als Rettungssanitäter oder speziell im Bereich RUD.


Engagiert sich seit 2001 bei der Johanniter-Unfall-Hilfe: Stefan Ehm. 
von Jantje
Achtung, explosiv: Hier bewahren die Pyrotechniker ihr „Arbeitswerkzeug“ auf. 
von Jantje
Alles ist gut gesichert vor fremdem Zugriff. 
von Jantje
 
 

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Was gefällt den beiden an ihrem Ehrenamt? „Pyrotechnik an sich ist ein Riesenerlebnis“, sagt Stefan Ehm. Er ist stolz, so etwas zu können, was andere nicht können. Ansonsten gefallen ihm auch Großeinsätze als Rettungssanitäter wie bei der Love-Parade und dem Kirchentag besonders gut. „Es ist zwar superanstrengend, weil man meist zu wenig Schlaf hat. Aber es macht unheimlich viel Spaß“, sagt Ehm. „Bei uns beiden ist das so“, sagt Claudia Schmithals, die vergangene Woche ihre Doktorarbeit abgegeben hat und nun einen neuen Job sucht, „sobald Zeit da ist, sitzen wir da und machen irgendwelche Dienste. Das kann man nicht ganz lassen, sonst würde was fehlen.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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