Die Baustellen der Fleischindustrie: Auf der Suche nach Anerkennung

Die Baustellen der Fleischindustrie: Auf der Suche nach Anerkennung Live

58 Millionen Schweine werden jährlich in Deutschland geschlachtet. Gleichzeitig verschärft sich die Kritik an der Fleischproduktion. Über die "Initiative Tierwohl" kämpft die Branche um gesellschaftliche Akzeptanz.

Von Karsten Krogmann  


Pech gehabt: Landwirt Niklas Behrens ist beim Losverfahren der "Initiative Tierwohl" durchgefallen. Foto: Karsten Krogmann


Das Letzte, was sie im Leben hören, ist: Musik.

Aus den Schlachthoflautsprechern rieselt Phil Collins, genauer: sein Nummer-1-Hit „Another Day in Paradise“ von 1989, hier allerdings in der wenig bekannten
Panflöten-Fassung. Schweine mögen Musik, haben Wissenschaftler herausgefunden; besonders ansprechend finden sie angeblich Panflötenklänge.

Die Wissenschaft weiß allerhand über Schweine. Zum Beispiel, dass Schweine bis zu 90 Prozent ihrer Zeit liegend verbringen (deshalb wärmt im Schlachthof eine Heizung den Fußboden). Dass Schweine den Rest der Zeit am liebsten auf Futtersuche gehen (deshalb liegt im Schlachthof Körnermais aus). Dass Schweine mangels Schweißdrüsen Hitze nicht mögen (deshalb gibt es im Schlachthof  eine Wassersprühanlage).

Man weiß sogar, dass Schweine immer bergauf laufen, und deshalb hat der Schlachthof  hier hinten im Stallbereich schräge Böden, die Schweine  laufen höher und höher. Bis in den Kohlendioxid-Aufzug.

Der Kohlendioxid-Aufzug fährt die Schweine sieben Meter in die Tiefe.  Wenn er wieder hochfährt,  schlafen die Schweine. Sie spüren nicht,  wie sie aus dem Aufzug rutschen. Wie  der Haken nach ihrem Hinterlauf greift und sie  hochzerrt.  Wie ihnen das Messer in den Leib fährt und die Blutgefäße aufschlitzt.

25.000 tote Schweine am Tag

Ein anderer Aufzug, er stoppt im dritten Stock des Tönnies-Verwaltungsgebäudes in Rheda-Wiedenbrück.  Hier hat die Tönnies-Forschung ihren Sitz,  gegründet 2010, gefördert   mit einem Jahresbeitrag  im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich,  ihr Zweck: „einen Beitrag  zu leisten, die Bedingungen der Nutztierhaltung stetig zu verbessern“. 

Tönnies ist Deutschlands größter Fleischproduzent: 10 000 Mitarbeiter, 5,6 Milliarden Euro Jahresumsatz, Standorte u.a. in Rheda-Wiedenbrück, Sögel und Wilhelmshaven, 17,4 Millionen tote Schweine pro Jahr. 25 000 Schweine laufen täglich allein in den Kohlendioxid-Aufzug in Rheda-Wiedenbrück.

Die Schlachtung  läuft Tag und Nacht.


Normaler Arbeitstag im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück. Foto: dpa
von timo.ebbers
Schweinehälften hängen in einer Produktionshalle im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück. Foto: dpa
von timo.ebbers
In dieser Produktionshalle in Rheda-Wiedenbrück wird Hackfleisch hergestellt. Foto: dpa
von timo.ebbers
Das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück. Foto: dpa
von timo.ebbers
 
 

1 von 4


 

Manche
  Menschen sagen deshalb: Tönnies und Tierschutz, das sei doch wie der Bock als Gärtner.

Dr. André Vielstädte, 29 Jahre alt, studierter Kommunikationswissenschaftler, Geschäftsführer der Tönnies-Forschung, sagt es so: „Wir stellen uns unserer Verantwortung.

Weit mehr als 90 Prozent der Deutschen essen Fleisch; im Schnitt verzehrt jeder Deutsche pro Jahr 60 Kilogramm Fleisch.  Für die meisten Deutschen spielt der Preis des Schnitzels beim Einkauf eine wichtigere Rolle als seine Herkunft;  Bio-Fleisch hat   nach Angaben der Organisation „Foodwatch“  einen Anteil von gerade einmal zwei Prozent am Gesamtmarkt. Fleisch wird in Deuschland bevorzugt im Discounter gekauft.

Zwar bleiben sich die Deutschen in Sachen  Fleischverbrauch  und Fleischeinkauf seit Jahren treu, verändert hat sich aber ihr Verhältnis zur Fleischherstellung. Tieren soll es wohlergehen, der Wunsch nach Tierwohl gilt als gesellschaftlicher Konsens. Wer das Wort „Tierschutz“ bei Google eintippt, erhält 4.130.000 Treffer. (Wer „Schnitzel“ googelt, erhält übrigens 10.500.000 Treffer.)

In einem Gutachten vom März 2015 fasst es der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft so zusammen: „Erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz“ haben „in Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung“ zu einer „verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung“ geführt. Der Beirat hält deshalb „die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere für nicht zukunftsfähig“.

Hintergrund: Wenn der Bauer zum Bösewicht wird, NWZ vom 06. Mai 2015  

In Rheda-Wiedenbrück sagt André Vielstädte: „Wir spüren die  gesellschaftliche Verpflichtung. Man schaut auf uns.“ Und Dr. Wilhelm Jaeger, 50 Jahre alt, studierter Landwirt und Leiter der Abteilung Landwirtschaft, räumt ein: „Es gibt  ja auch Baustellen, entlang der gesamten Kette.“

Hintergrund: Wie kommt das Fleisch an die Wursttheke?, NWZ vom 30. August 2014

Die meist diskutierte „Baustelle“ ist derzeit sicherlich die Amputation: abgeschnittene Ringelschwänze bei Schweinen, Hörner bei Kälbern, Schnäbel bei Puten.

Diplom-Umweltwissenschaftler Helmut Bräuerle und Prof. Dr. Christine Tamásy vom Institut für Strukturforschung in agrarischen Intensivgebieten (ISPA) der Universität Vechta. Foto: Archiv

Das Zentrum der deutschen Ernährungsbranche ist der Raum Weser-Ems, 16,2 Milliarden Euro erwirtschaften die Betriebe hier pro Jahr, größtenteils in der Fleischwirtschaft  – das sind knapp 60 Prozent des gesamten Branchenumsatzes im Land. Mittendrin, an der Universität Vechta, sitzt das Niedersächsische Kompetenzzentrum Ernährungswirtschaft (NieKE). Wissenschaftliche Leiterin des Kompetenzzentrums ist Prof. Dr. Christine Tamásy (47); gäbe es weniger Bauten hier, könnte sie von ihrem Bürofenster aus die Kette sehen: Futteranbau, Weiden, Ställe, Tiertransporter. Tamásy sagt: „Es gibt da Dinge, die sind so, wie sie nicht sein sollten – auch wenn sie legal sind.“ Sie sieht es so: „Wir haben ein System, das eine hohe Qualitätsgüte erreicht hat, nun  aber gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird. Deshalb muss eine Veränderung stattfinden, wir brauchen eine Transformation.

Und wer soll sich da verändern?

„Alle!“, sagt Tamásy: Wirtschaft, Politik, Verbraucher. „Es muss einen Aushandelprozess geben: Was ist der minimale Standard, den wir in Deutschland wollen?“  Wir brauchen Netzwerke, sagt sie, Kräftebündelung, Wissenschaft, „der Bereich ist zu wenig durch Forschung und Entwicklung getrieben“. Rückendeckung erhält sie durch das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats: Er spricht sich „für die Strategie einer tiergerechteren und umweltfreundlicheren Produktion bei gleichzeitiger Reduktion der Konsummenge“ aus.

Dokument: Kurzfassung des Gutachtens

Tierwohl. Im Schlachthof ergeht es Schweinen
  zwangsläufig nicht wohl. Aber leiden soll hier trotzdem kein Schwein, erklärt Dr. Jaeger: Fußbodenheizung, Körnermais, Phil Collins, die Erkenntnisse der Wissenschaft, das alles soll den Tieren Stress nehmen. (Wobei die wissenschaftliche Meinung nicht immer einhellig ist: Dr. Winfried Otten und Dr. Sandra Düpjan vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf  bei Rostock  etwa bezweifeln, dass „Musik Schweine in belastenden Situationen beruhigt“.)

Da dockt ein Schweinetransporter an. Sobald die Klappen aufspringen, springen auch die Schweine auf. Beim Be- und Entladen entsteht für die Tiere Stress, deshalb habe man klare Regeln erlassen, erklärt André Vielstädte: Die Mitarbeiter sollen die Tiere möglichst nicht berühren, sondern mit Geräusche in den Schlachthof treiben – mit Rasseln, Händeklatschen, Worten. Mit Schweinen reden? „Das fand nicht jeder Mitarbeiter anfangs gut“, sagt Vielstädte. Dann hat der Konzernchef, der mächtige Schalke-04-Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies, das mal eben vorgemacht. Seitdem läuft’s, sagt Vielstädte. Damit sich auch ohne Chef jeder korrekt verhält, überwachen Videokameras den Bereich.  

Die Schweine laufen bergauf, weiter und weiter. Der Kohlendioxid-Aufzug. Der Haken. Das Messer.

Überwacht werden auch der Messerstich und das anschließende Ausbluten der Tiere. Eine Kontrollwaage misst die Blutmenge; Mitarbeiter prüfen per Lidreflex-Kontrolle, ob das Tier noch lebt. Kein Tier soll lebend ins Brühbad gehen. „Gesetzlich müssen wir das nicht“, sagt Wilhelm Jaeger.  

Also ist alles gut im Schlachthof?

Apropos Tiertransport: Die Meinungen darüber, wie belastend so etwas für Schweine ist, sind nicht einhellig. Die Tönnies-Forschung in Rheda-Wiedenbrück geht davon aus, dass der Transport selbst „nach unseren Erfahrungen“ die Tiere nicht stresst. Stress entstehe beim Be- und Entladen und durch Hitze. Vor allem letzterer könne man aber durch Kühlung, Wassersprühanlagen und Zwangslüftung entgegenwirken. Zur Transportdauer hat die Tönnies-Forschung ein Forschungsprojekt mit dem Friedrich-Löffler-Institut angestoßen; dazu werden Transportfahrzeuge mit Kamerasystemen ausgestattet.

Beim Leibniz-Institut für Nutztierbiologie ist man der Meinung, dass der Transport von landwirtschaftlichen Nutztieren „ohne Stress praktisch nicht möglich“ ist, sagen Dr. Winfried Otten und Dr. Sandra Düpjan. Stressfaktoren seien neben dem Be- und Entladen zum Beispiel die für Tiere unbekannte Umgebung, Geräusche und Personal, die Transportdauer, die Besatzdichte und der soziale Stress, falls unbekannte Tiere gemischt werden.


Baustellenfrei ist der Schlachthof nicht, so Jaeger. Da ist zum  Beispiel die Betäubung vor dem Stich. Im Gunde gibt es zwei Methoden, sagen die Tönnies-Experten: Elektrobetäubung oder Kohlendioxid-Betäubung. Zur Elektrobetäubung müssen die Schweine einzeln getrieben werden (Isolation stresst Schweine, sagt Jaeger; die Kollegen vom Leibniz-Institut bestätigen das), und sie müssen zur Betäubung aufgebockt werden (was Schweine noch mehr stresst). Bei Tönnies hält man deshalb den Kohlendioxid-Aufzug für die derzeit  beste Lösung, gut ist sie aber nicht: Wenn das Kohlensäuregas in die Atemwege gelangt, verursacht es für  Sekunden Erstickungsnot, die Schweine bekommen Panik. „Darum arbeiten wir an Alternativen“, sagt Vielstädte, „gemeinsam mit Wissenschaftlern.

Die Tönnies-Forschung forscht nicht selbst, sie fördert Forschung; aktuell läuft zum Beispiel ein Forschungsprojekt mit dem Friedrich-Löffler-Institut zum „Raumangebot für Schweine bei Transporten unterschiedlicher Dauer“. Die Tönnies-Forschung veranstaltet Symposien und Workshops, unlängst etwa zum Thema „Schwanzbeißen bei Schweinen“. 

Quelle: Selbstdarstellung der Tönnies-Forschung

Und: Tönnies war maßgeblich an der Entwicklung der „Initiative Tierwohl“ beteiligt, einem Bündnis von Unternehmen und Verbänden aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel.

Die „Initiative Tierwohl“ fußt auf einer einfachen Idee: Wer mehr  Tierschutz in den Ställen will, muss den Bauern Geld geben, damit sie den Tierschutz  bezahlen können. Dazu zahlt der Lebensmitteleinzelhandel Geld in einen Tierwohlfonds ein, 4 Cent pro verkauftes Kilo Fleisch. Für Schweinehalter läuft das Programm seit dem Sommer, als nächstes sollen die Geflügelhalter folgen.

Quelle: Die Initiative Tierwohl in der Selbstdarstellung

Ein Beispiel: Schweine beschäftigen sich gern mit Futtersuche – im modernen Funktionsstall ist Futter aber immer vorhanden. Also beschäftigen sich manche Schweine  damit, anderen Schweinen am Ringelschwanz herumzunagen. Nekrosen entstehen, denen man wiederum durch  Schwanzamputation vorbeugt.  Im Kriterienkatalog der „Initiative Tierwohl“ findet sich nun der Punkt „Zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial“.

Zu wenige Geld im Topf

Die Bauern waren begeistert. Mehr als 4700 Betriebe  wollten bei der „Initiative Tierwohl“ mitmachen. Das Geld reichte aber nur für knapp 2100, das Los musste entscheiden.

„Achtung, wertvoller Tierbestand!“ steht an der Stalltür in Düngstrup, Wildeshausen. Dahinter schlüpft Niklas Behrens (27) in seinen Overall.

Der Hof Behrens: 1556 erstmals erwähnt,  Ackerbau, Hähnchenmast, 960 Schweine, Familienbetrieb. Sohn Niklas hat in Osnabrück Landwirtschaft studiert, „das Thema Tierwohl begleitet meine  Generation permanent“, sagt er. Die „Initiative Tierwohl“ begriff er  als Chance. Weil er ahnte, dass der Fonds nicht lange reichen  würde, ging er in Vorleistung. Er baute eine Luftkühlungsanlage in den Stall ein, zusätzliche Fenster, organisches Beschäftigungsmaterial: Rohre mit Holzleisten.

Im blauen Overall steht der Jungbauer in seinem Stall. Schweine sind neugierige Tiere, sie laufen sofort zu ihm, eines stülpt sofort den Rüssel unter Behrens‘ Hosenbein. Neugierig haben sie auch das Holzspielzeug aufgenommen, begeistert nagen sie daran. „Das ist Spiel, Spaß, Spannung“, sagt Niklas Behrens, „alles in einem“, er lacht. Und ja: Der Stall gefällt jetzt allen besser, den Schweinen und dem Bauern.

Dann guckt er wieder ernst. 10.000 Euro hat er für die Tierwohlmaßnahmen aus dem Initiativen-Katalog ausgegeben. Aber statt einer Finanzspritze bekam er Post: Ihr Betrieb wurde leider nicht ausgewählt. „Ich bin schon enttäuscht“, sagt er.


Nachdenklich: Landwirt Niklas Behrens. Foto: Justus Krogmann



Der Schweinepreis liegt derzeit bei  1,40 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Gerade erst schlug der Bauernverband Alarm: Das sei nicht kostendeckend und „beschämend niedrig“.

Ein weiterer Fall: Bei Tierwohl kein Schwein gehabt, NWZ vom 16. Mai 2015

65 Millionen Euro fehlen der „Initiative Tierwohl“ aktuell. Bei Tönnies sieht Wilhelm Jaeger zwei Möglichkeiten: Entweder zahlen die Teilnehmer mehr Geld in den Fonds ein, also zum Beispiel 6 oder 8 statt 4 Cent pro Kilo Fleisch. Oder: Es zahlen mehr Teilnehmer Geld ein. Großverbraucher wie McDonalds, Burger King oder Ikea. Und die Einzelhändler, die bislang nicht mitmachen. Das sind einige, so zum Beispiel die Bünting-Gruppe aus Leer mit den Ketten Famila, Combi und Jibi. „Gespräche laufen“, sagt Jaeger.  

Bünting verweist auf Nachfrage der NWZ  auf die „Zusammenarbeit mit regionalen Partnern“ und auf „eigene Standards“, die bereits „weitreichend die Kriterien“ der „Initiative Tierwohl“ erfüllen. Deshalb beteilige man sich nicht an dem Fonds.

Andererseits: Lässt sich die von Prof. Tamásy geforderte Veränderung, die Transformation überhaupt per Freiwilligkeit umsetzen? Können Branchenlösungen Antworten auf die offenbar immer lauter gestellten gesellschaftlichen Fragen geben?

Darf man das überhaupt?

Tierschutzverbände haben die „Initiative Tierwohl“ und ihr „ungenügendes Basispaket aus Pflicht- und Wahlkriterien“ umgehend kritisiert. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, erklärte: „Wir brauchen ein neues Tierschutzgesetz, wir brauchen mehr Tierschutz in den Ställen, und wir brauchen mehr begleitende Verbrauchertransparenz. Kurzum: Die deutsche Agrarpolitik braucht einen Systemwandel.

Da ist sie wieder, die Forderung nach Veränderung, nach Transformation.

Christine Tamásy nennt die „Initiative Tierwohl“ einen „Schritt in die richtige Richtung“, sie glaubt aber: „Ohne den Gesetzgeber wird es nicht gehen, auch wenn die Branche das nicht gern hört.“ Sie fordert nachhaltige Veränderungen, nicht nur beim Tierwohl, auch bei den Themen Umweltschutz (Stichwort Nitratbelastung durch Düngung), Soziales (Stichwort prekäre Beschäftigungsverhältnisse), Gesundheit (Stichwort Antibiotikaresistenzen). Manches, glaubt sie, lässt sich durch technische Entwicklung lösen. Manches durch Transparenz. Anderes wiederum nur durch Gesetze. „Die Herausforderung ist groß.

Hintergrund: Zu viel Nitrat und Arzneispuren im Wasser, NWZ vom 14. Juli 2015

Hintergrund: Wir wurden behandelt wie Sklaven, NWZ vom 14. März 2015

Hintergrund: Das ist moderner Menschenhandel, NWZ vom 25. Juni 2013

Hintergrund: Geplatzte Träume am laufenden Band, NWZ vom 15. November 2014

Hintergrund: Der hohe Preis des Billigfleisches, NWZ vom 20. November 2014

http://live.nwzonline.de/Article/893081-Resistente-Keime-Der-hohe-Preis-des-Billigfleisches

Sie lächelt optimistisch: „Es passiert  gerade ganz viel in dem Bereich, wir sind hier ein Innovationszentrum in der Region.“

Bezahlen muss jemand die Transformation natürlich auch. Der Wissenschaftliche Beirat spricht in seinem Gutachten von Mehrkosten in der Größenordnung von 3 bis 5 Milliarden Euro jährlich. Das würde den Berechnungen zufolge zu einer Erhöhung der Verbraucherpreise von 3 bis 6 Prozent führen. „Dies entspricht größenordnungsmäßig der bekundeten Zahlungsbereitschaft eines erheblichen Teils der Bevölkerung.“ Allerdings warnt der Beirat: Ohne „politische Begleitmaßnahmen“ würde eine solche Kostensteigerung zur Abwanderung von Teilen der Produktion in Länder mit geringeren Tierschutzstandards führen. Dieses Argument wiederholen seit Jahren auch Branchengrößen wie Clemens Tönnies oder Peter Wesjohann (Wiesenhof).

Aber selbst wenn die Transformation gelingt, die Einigung auf Mindeststandards: Sie wird nicht diejenigen zufriedenstellen können, die ganz gegen Fleischkonsum oder Nutztierhaltung aussprechen. Einige Fragen werden bleiben, allen voran die ethische Frage, die vor allem in den Sozialen Netzwerken im Internet zunehmend hitzig diskutiert wird: Darf man Tiere millionenfach  produzieren, um sie zu Nahrung zu verarbeiten? Darf man das überhaupt: Tiere töten?

Bei Tönnies sagt Wilhelm Jaeger: „Wir haben die Frage für uns beantwortet. Sonst würden wir nicht tun, was wir tun.“ Er hat keinen Zweifel: Für die meisten Menschen wird Fleisch Grundnahrungsmittel bleiben. Und Genussmittel.

Auch Christine Tamásy glaubt: „Die große Mehrheit der Deutschen will keine harte Agrarwende.“ Sie rechnet zwar damit, dass wir zunehmend zu Flexitariern werden, zu Menschen also, die mal Fleisch und mal vegan essen. „Ich denke aber, dass es bei uns einen Grundkonsens zur konventionellen Landwirtschaft gibt.

Es ist längst Abend in Rheda-Wiedenbrück. Draußen fährt ein Tiertransporter nach dem anderen vor, sie bringen 25 000 Schweine, jeden Tag.

Insgesamt werden in Deutschland in diesem Jahr wieder rund 58 Millionen Schweine geschlachtet werden. 3 Millionen Rinder. 630 Millionen Hühner.

Optionen

Kommentare
Klänge
Blog übersetzen
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform