Ehrensache: Dem Nachwuchs das Retten beibringen

Ehrensache: Dem Nachwuchs das Retten beibringen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler


Janik Stürenburg ist Gruppenleiter beim Jugendrotkreuz Delmenhorst und zeigt dem Nachwuchs, wie man zu Übungszwecken eine realistische Wunde zum anschließenden Verarzten schminkt.
von Jantje

„Welches Blut kommt zuerst, das helle oder das dunkle?“ Janik Stürenburg hält Tabea zwei Fläschchen hin, in jeder ist eine rote Flüssigkeit enthalten. Tabea überlegt. Wie war das noch mal? Zaghaft greift die 16-Jährige zur helleren. Genau richtig. Denn mitten in einer Wunde ist das Blut noch sauerstoffreich – und damit heller, während es, nachdem es herausgelaufen ist, bereits Sauerstoff verloren hat und dunkler ist.

Unter den aufmerksamen Blicken von Janik fährt Tabea fort, Leonie im Rahmen der Realistischen Unfalldarstellung eine täuschend echt aussehende Wunde zu schminken, die im Anschluss von Mandy und Marko „verarztet“ werden soll.


von Jantje

Janik Stürenburg ist Gruppenleiter beim JRK Delmenhorst, dem Jugendrotkreuz. Seit 2003 ist der mittlerweile 19-Jährige hier Mitglied. Eigentlich wollte er damals ja lieber zur Feuerwehr. Seine Eltern können ein Liedchen davon singen. Seit ihr Sohn drei Jahre alt war, hatten sie keine andere Wahl: „Ich musste zu allen Feuerwehr-Festen im Umkreis von 50 Kilometer!“, erzählt Janik lachend. Und dass ein Feuerwehr-„Ball“ nicht für Kinder sein sollte, sondern für Erwachsene – das konnte er nun wirklich nicht verstehen.

Welchen Beruf Janik ergriffen hat? Na klar, er ist seit dem 1. März 2015 Brandmeisteranwärter bei der Feuerwehr Delmenhorst. Sein Traumberuf und der Weg dorthin sind eng verknüpft mit seiner zweiten Leidenschaft: seinem ehrenamtlichen Engagement beim Delmenhorster Roten Kreuz.

„Mit sechs Jahren war ich mit meinen Eltern bei einer Leistungsschau auf den Graftwiesen in Delmenhorst“, erinnert sich Janik, „da haben nicht nur Delmenhorster Firmen ausgestellt, sondern auch Hilfsorganisationen.“ Bei der Jugendfeuerwehr durfte er erst mit zehn Jahren mitmachen. „Aber das Rote Kreuz war fast das Gleiche“, stellte er damals fest. Also wurde er Mitglied im Jugendrotkreuz. „Ich hab’ direkt gemerkt: Das ist mein Ding“, erzählt er. An seiner Schule, der IGS Delmenhorst setzte er sich dafür ein, dass ein Schulsanitätsdienst eingerichtet wird.

Obwohl Janik seit 2012 in der Bereitschaft des DRK Kreisverbands Delmenhorst dabei ist, engagiert er sich nach wie vor im Jugendrotkreuz – als Gruppenleiter für den Nachwuchs. Selbstredend trat er auch sofort in die Jugendfeuerwehr ein, als er endlich das Mindestalter von zehn Jahren erreicht hatte. „Teilweise haben die Erwachsenen versucht mich zu bremsen“, erinnert sich Janik schmunzelnd. Schließlich hatte er bereits mit zehn/zwölf Jahren keinen einzigen freien Tag mehr in der Woche. „Aber das WAR meine Freizeit“, sagt er. Da ließ er sich nicht reinreden. Einfach nur Schach oder Fußball spielen – das war nichts für ihn. Seine Motivation, erzählt er, sind die Dankbarkeit und das Grinsen der Patienten, die er versorgt. „Für mich muss es ein ,Danke, dass du mir geholfen hast sein, und nicht ein ,Toll, dass du ein Tor geschossen hast‘.“ So simpel ist das.


Janik an seinem Spind in der Bereitschaft an der Annenheider Straße 245a
von Jantje
Hier hängt auch der Plan mit den anstehenden Sanitätsdiensten aus.
von Jantje
Die Bereitschaft vom DRK Kreisverband Delmenhorst
von Jantje
von Jantje
Jeden Donnerstagabend treffen sich die Helfer vom Roten Kreuz Delmenhorst im Schulungszentrum in der Bereitschaft zum Dienstabend, wo die Aus- und Fortbildung stattfindet. Jeder hat sein eigenes Gebiet, das er den anderen beibringt.
von Jantje
 
 

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Tabea ist mit dem Schminken fertig. Mandy und Marko haben sich längst die Plastik-Handschuhe übergestreift und eilen zur „Patientin“ Leonie. „Ich bin über einen Stacheldrahtzaun geklettert und hab’ mir den Arm aufgerissen“, erklärt diese den beiden Jugendlichen. Während Mandy ihr zunächst beruhigend zuredet und den Notarzt verständigt, versorgt Marko die Wunde.

von Jantje

Als er 15 Jahre alt war, absolvierte Janik die Schulung zum JRK-Gruppenleiter; zuvor durfte er bei der Gruppenleitung bereits assistieren. Durch die enge Zusammenarbeit mit der Bereitschaft des DRK Kreisverbands waren ihm die dortigen Kollegen bereits bestens vertraut, als er alt genug war, um selbst beim DRK mitzumachen. Hier, in der Bereitschaft an der Annenheider Straße 245a, kümmert er sich nun u.a. mit darum, dass das Materiallager stets gefüllt ist – „damit es nicht plötzlich heißt: ,Oh, es ist gar kein Verband mehr da!‘“, erklärt Janik.

Am 1. März 2014 übernahm er außerdem die Aufgabe des Pressesprechers für die Bereitschaft. Er kümmert sich um die Kommunikation nach außen, die Öffentlichkeitsarbeit, die Facebook-Seite „DRK Bereitschaft Delmenhorst“. Bei größeren Diensten ist er vor Ort, wie zum Beispiel beim 24-Stunden-Lauf oder dem Hökermarkt Hasbergen, damit er die Presse direkt mit Informationen versorgen kann. Wie der Job eines Pressesprechers funktioniert, das hat er sich selbst beigebracht. „Ich hab’ viel gelesen und mit anderen Pressesprechern gesprochen“, erzählt er. Seinen Kollegen aus der Bereitschaft hat er sein Wissen in einer Schulung dann direkt weitervermittelt. „Es ist wichtig, dass das Gleiche weitergegeben wird, damit nicht der eine dies sagt und der andere jenes.“ Da entweder der Einsatzleiter vor Ort oder der Pressesprecher Informationen rausgeben sollte, ist es wichtig, dass Einsatz-Beteiligte sich bei ihm melden, um ihm alle nötigen Informationen durchzugeben.

 Im Materiallager der Bereitschaft: Janik scannt ein, was nachbestellt werden muss.
von Jantje
Hier stehen auch die Rucksäcke für Einsätze.
von Jantje
Beim DRK Delmenhorst an der Schulstraße finden die Treffen des Jugendrotkreuzes statt.
von Jantje
Bei der Planung der nächsten Jugendrotkreuz-Treffen
von Jantje
Alles nur zu Übungszwecken: Tabea lässt Leonies Arm "bluten".
von Jantje
Mit ihrem Gruppenleiter haben die Jugendlichen beim Jugendrotkreuz viel Spaß.
von Jantje
Schminkkoffer für die Realistische Unfalldarstellung
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Marko und Mandy bereiten sich schon mal auf ihre "Patientin" vor.
von Jantje
Starke Gemeinschaft: die Delmenhorster Kreisjugendleiterin Julia Dunajtschick (unten links, im Uhrzeigersinn), Janik Stürenburg, Tabea Pawellek, Marko Ehlers, Mandy Squint und "Patientin" Leonie Hustedt
von Jantje
Professionell kümmert sich Marko um die Verletzte.
von Jantje
 
 

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Außerdem ist derzeit ein weiteres Thema besonders wichtig: weitere Mitstreiter für das Ehrenamt zu begeistern. „Wir versuchen, so viel Werbung wie möglich zu machen“, sagt Janik. Denn insbesondere im Sommer, wenn viele Veranstaltungen anstehen, wird es anstrengend für die Ehrenamtlichen. Sie stehen in Kooperation mit der Johanniter Unfall Hilfe und den Maltesern, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Multimedia-Reportage über Ehrenamtliche der Johanniter Unfall Hilfe: Sie lassen's krachen

„Ich finde die Gemeinschaft hier top“, sagt Janik. Seine Kollegen von der Bereitschaft seien wie ein zweites Zuhause geworden. Freunde. Fast wie eine Familie. „Ich vertraue ihnen blind“, sagt er. Und als er mit seiner Freundin zusammengezogen ist – die beiden haben sich übrigens bei der Feuerwehr kennengelernt – standen sofort bereitwillige Umzugshelfer vor der Tür. Ein besonderes Erlebnis hatte er außerdem vor zwei Jahren auf dem Hökermarkt. Eine junge Patientin fühlte sich so wohl, als sie vom JRK versorgt wurde, dass sie selbst einer Gruppe beitrat – und mittlerweile sogar Janiks Patenkind geworden ist. „Ich fand die Atmosphäre ganz toll“, erzählt Leonie selbst. Als sie das erste Mal mit 13 Jahren damals beim JRK vorbeigeschaut habe, sei sie sofort aufgenommen worden. Die Arbeit beim Jugendrotkreuz gefällt ihr so gut, dass sie Medizin studieren möchte. „Viele sehen mich als großen Bruder beim JRK, mein Draht zu den Kids ist extrem gut“, sagt Janik.

Jeden Donnerstag von 17 bis 18.30 Uhr finden die Gruppentreffen statt. Neulich erst haben die Jugendlichen eine ganze Nacht in der Bereitschaft verbracht; neben einem gemeinsamen Essen und Film gucken stand natürlich auch eine Übung auf dem Programm. Draußen wurde ein Übungsszenario mit Verletzten, innen eine mobile Sanitätsstation aufgebaut, die Kinder mussten die Patienten dorthin bringen und weiterversorgen. „Das hat allen viel Spaß gemacht“, erzählt der Gruppenleiter.

Auch beim jährlichen Landeswettbewerb des Jugendrotkreuz' sind die Delmenhorster dabei. „Der fand letztes Jahr in Delmenhorst statt, daher waren wir nicht mit einer eigenen Wettkampfgruppe vertreten, sondern haben ein Youtube-Video gemacht“, berichtet Janik.

La-Wett 2014 LV Oldenburg e.V.
via YouTube

Und dieser Film kam so gut an, dass sich die Gruppe auch in diesem Jahr wieder dazu entschlossen hat, das Geschehen filmisch zu dokumentieren.

Der Job bei der Feuerwehr ist Janiks Traumberuf. Doch ebenso viel Spaß hat er an seinem Engagement für das DRK bzw. das JRK. „Ich hab’ genau das Richtige für mich gefunden!“, freut sich der 19-Jährige.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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