Ehrensache: Inmitten von "Määh" und "Maunz"

Ehrensache: Inmitten von "Määh" und "Maunz" Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler

Diesmal wird's tierisch: Liebevoll kümmern sich zahlreiche Ehrenamtliche um die Bewohner des Tierheims Oldenburg. Vier dieser engagierten Menschen stellen wir euch hier vor: Birgit Vörding fängt Katzen ein, Jasmin Karger und Kirsi Behrens mit Tochter Lumi sorgen für die Kleintiere
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Ein Herz für Tiere: Viele Ehrenamtliche, wie die fünfjährige Lumi, kümmern sich liebevoll um die Bewohner des Tierheims Oldenburg.
von Jantje
Das Tierheim befindet sich am Küstenkanal an der Nordmoslesfehner Straße 412.
von Jantje
 
 

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Ein bisschen erinnert das Ganze an ein Horrorfilm-Szenario: Ein Keller. Mit langem Flur. Mit vielen Möglichkeiten, sich zu verstecken. Insbesondere, wenn man klein ist. Plötzlich prescht da etwas mit irrer Geschwindigkeit an den eigenen Beinen vorbei – Panik! Das Herz setzt kurz aus. Doch was macht Birgit Vörding? Bleibt die Ruhe in Person. Säuselt weiterhin leise und langsam liebe Worte: „Och Bärchen, komm doch mal her…“

„Bärchen“ ist eine der fünf Katzen, die Birgt Vörding an diesem Vormittag für das Tierheim Oldenburg einfangen soll. Ehrenamtlich. Vergangene Woche kam der Hilferuf einer Frau aus der Region: Ihre alleinlebende, demenzkranke Mutter hat sieben Kater – aber kann die Tiere beim besten Willen nicht mehr allein versorgen. Daher müssen fünf der Kater ins Tierheim gegeben werden. Nur die beiden ältesten dürfen bleiben.

Die Mutter ahnt von alldem nichts; sie ist an diesem Tag, zu dem die Katzeneinfängerin von der Tochter hergebeten worden ist, außer Haus. „Sie wäre morgens nicht aus dem Haus gegangen, hätte sie davon gewusst“, erzählt die Tochter, die eine Vollmacht ihrer Mutter hat. „Sie wäre dazwischengegangen und hätte die Boxen der bereits eingefangenen Katzen wieder aufgemacht“, ist sich auch Vörding sicher.

Als die Familie merkte, dass es der kranken Mutter deutlich schlechter geht und sie die Katzenklos nicht mehr sauber hält, wusste sie, dass es an der Zeit ist, die Notbremse zu ziehen. „Der Vermieter hatte auch schon Angst“, erzählt die Tochter, die anonym bleiben möchte, „das kann ich aber auch verstehen.“ Der penetrante Geruch schlägt jedem Besucher schon jetzt sogleich entgegen.

„Hier sind mindestens zwei Katzen drin“, sagt die Tochter und führt die ehrenamtliche Tieramtsmitarbeiterin zu einem Zimmer mit geschlossener Tür. Im Keller seien auch welche. Eine fehle noch. Wo die sei, wisse sie nicht.

Birgit Vörding öffnet die Zimmertür und geht in den Raum. Die Tochter selbst traut sich nicht so richtig an die Tiere ran. Behutsam redet Birgit Vörding auf die Kater ein, während sie langsam auf sie zugeht. Diese bleiben aber äußerst skeptisch, flüchten zunächst immer wieder. Es hilft nichts: Die Tierschützerin greift zu einer dünnen Decke – es dauert wieder einen Moment, aber nicht lang, dann ist es geschafft. Zwei der Kater liegen in den Transportboxen. Mit einem Casher mag die 40-Jährige nicht arbeiten. „Wenn man nicht richtig trifft, trifft man die Katze mit dem Metall“, erklärt sie. Das will sie dem Tier nicht antun. Daher die Variante mit den Decken und Kissenbezügen.


von Jantje

Solche Einsätze fallen ihr sehr schwer, erzählt Birgit Vörding. Hier geht es um Menschen. Menschen, die ihre Katze nicht mehr versorgen; nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es vergessen.

„Und während Streunerkatzen nach einer Woche, nachdem sie eingefangen und ins Tierheim gebracht worden sind, sagen: ,Alles klar, hier ist es warm, es gibt Futter, alles gut!’, fällt diese Umstellung Abgabekatzen schwerer. Die haben ja zum Teil 15 Jahre in derselben Umgebung gelebt.“ Um den Tieren diese Umstellung zu erleichtern, kümmern sich zum Glück zahlreiche Ehrenamtliche im Tierheim Oldenburg liebevoll um all die vielen Fund- oder Abgabe-Tiere – wie zum Beispiel die fünfjährige Lumi:

von Jantje

Zurück in den Keller und zu den Katern: „Der mit den weißen Schnurrbarthaaren darf bleiben“, ruft die Tochter der Katzenbesitzerin durch die verschlossene Kellertür nach unten.

„Ach, das bist dann wohl du“, sagt Birgit Vörding zum Kater, der da auf dem Schrank liegt und sich nun von der Ehrenamtlichen kraulen lässt. „Katzen in einer Wohnung einzufangen, ist ein Zeitspiel“, sagt Birgit Vörding, „ich rechne etwa zehn Minuten pro Katze.“ Der längste Einsatz habe allerdings eine Stunde in einem 16 Quadratmeter-Zimmer gedauert. Aber: „Mittlerweile weiß ich ungefähr, wie ich sie kriege.“ Die gebürtige Delmenhorsterin hat da einfach ein Händchen für.


Birgit Vörding stellt einen der fünf eingefangenen Kater in ihr Auto.
von Jantje
Außerdem hat sie Futterspenden von der Arche Noah im Kofferraum, die sie ebenfalls direkt...
von Jantje
...beim Tierheim vorbeibringt.
von Jantje
Herzlich willkommen: Der fröhlich bunte Eingangsbereich des Tierheims
von Jantje
Die Öffnungszeiten. Wer mit den Hunden Gassi gehen möchte, kann das von 10 bis 13.30 Uhr tun.
von Jantje
Nicht vergessen...
von Jantje
Neugierige Beobachter überall
von Jantje
 
 

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Seit acht Jahren ist Birgit Vörding im Tierschutz aktiv, sie und ihr Mann haben vier eigene Katzen. „Mein Beruf und mein Hobby harmonieren perfekt“, freut sich Birgit Vörding. Sie arbeitet im Labor einer Baumschule. Von März bis Mitte Mai hat sie dort viel zu tun und reduziert ihren Einsatz für den Tierschutz daher auf ein Minimum. Zu dieser Jahreszeit werden ohnehin wenig Katzen eingefangen, weil dann erst die Kitten zur Welt kommen. Aber danach ist Vörding fast täglich abends unterwegs. Ende August/Anfang September sei sie binnen drei Wochen 1700 Kilometer mit dem Auto unterwegs gewesen, um Fangstellen abzufahren.


Das Oldenburger Tierheim befindet sich seit 40 Jahren am Küstenkanal. Es steht seit 2006 unter der Leitung der gemeinnützigen Trägergesellschaft des Oldenburger Tierheims mbH, einer Tochter des Tierschutzvereins Oldenburg.
Das Tierheim nimmt im Jahr über 1300 Fund-, Abgabe- und beschlagnahmte Tiere auf.
Täglich beherbergt es durchschnittlich 160 Tiere.

Fünf gelernte Tierpfleger in Vollzeit, drei Auszubildende und ein Tierpfleger auf geringfügiger Basis sowie unzählige Ehrenamtliche stehen für die Bewältigung des Tierheimalltags zur Verfügung.
Quelle: Tierheim Oldenburg


„Dass Sie den Karthäuser so schnell gekriegt haben, das ist der Hammer!“ Die Tochter ist völlig baff angesichts dieser Einfangkünste. Heute Abend wird sie ihrer Mutter alles in Ruhe erklären. Zumindest wird sie es versuchen. Wahrscheinlich wird die Mutter erst meckern und dann aggressiv werden, vermutet die Tochter.

NWZplay hat die Katzenexpertin beim Einfangen einer Streunerkatze begleitet:

Katzenfängerin Birgit Vörding im Einsatz
von nwzplay via YouTube



„Maunz“: Die Kätzchen im Tierheim wollen wissen, was da los ist. Aaah, Lumi ist wieder da! Eigentlich gilt die Aufmerksamkeit der jungen Oldenburgerin aber dem Babykaninchen im Gehege gegenüber.

von Jantje


Ein Apfelstückchen für das Babykaninchen: Lumi ist zugleich auch "Testperson", um herauszufinden, wie die Tiere auf Kinder reagieren.
von Jantje

Schließlich sind Lumi, ihre Mama Kirsi Behrens (46) und Jasmin Karger (30) ehrenamtlich in der Kleintiergruppe im Tierheim Oldenburg engagiert, kümmern sich also primär nicht um Katzen, sondern etwa um Kaninchen, Meerschweinchen oder Hamster. „Lumi gibt anderen Kindern immer Führungen“, erzählt Kirsi Behrens schmunzelnd.

Und am liebsten mag ihre Tochter nun mal das Babykaninchen – aber auch die Schafe:

 
von Jantje


Bei Jasmin Karger, die sich seit 2007 ehrenamtlich im Tierheim engagiert, wird es indes gerade spannend: Die Verwaltungsfachangestellte hat an diesem Tag einen Termin mit einer Familie, die gerne ein zweites Kaninchen hätte. Aber dieses muss sich natürlich mit dem ersten verstehen. Freitags finden daher im Tierheim immer die Zusammenführungen statt. Die Familie bringt ihr eigenes Tier vorbei, die Ehrenamtlichen setzen es bis Sonntag mit dem gewünschten Zweit-Kaninchen zusammen ins Gehege.

„In 80 Prozent der Fälle klappt das“, erzählt Kirsi Behrens. Wer so eine Zusammenführung nicht gewohnt sei, der bekomme durchaus schnell mal Angst, wenn sich die Kaninchen gegenseitig hinterherrennen und das Fell fliegt, sagt sie. Aber: „Solange kein Blut fließt, ist alles gut.“ Bei den beiden Kaninchen, die Jasmin Karger soeben miteinander bekannt gemacht hat, sieht alles friedlich aus. Am Sonntag können die beiden Tiere in ihr neues Zuhause ziehen.


Angefangen als Ehrenamtliche im Tierheim hat Jasmin Karger 2007, um mit den Hunden Gassi zu gehen. Schnell fand sie dann aber den Weg zur Kleintiergruppe und kümmert sich bis heute um Kaninchen, Meerschweinchen & Co.
von Jantje
Seit rund einem Jahr gibt es das Kleintierhaus im Tierheim Oldenburg.
von Jantje
Follow the white rabbit...
von Jantje
Dank mehrerer Sponsoren und Unterstützer hoppeln die Tiere nun fröhlich durch die neuen Gehege.
von Jantje
An jedem Gehege hängt ein Schild mit Bild, das über den Bewohner informiert.
von Jantje
Kirsi Behrens und Lumi besuchen die Schafe - und haben ihnen natürlich was zum Naschen mitgebracht.
von Jantje
Mitten im Grünen und bunt bepflanzt: das Schafgehege
von Jantje
Vielleicht wartet auf dem schönen Tierheim-Gelände ja schon das nächste Familienmitglied...
von Jantje
 
 

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„Der Aufklärungsbedarf ist ziemlich groß“, erzählt Kirsi Behrens. Nicht etwa bei den Interessenten, die sich bei der Kleintiergruppe nach einem neuen Familienmitglied umsehen; diese wüssten in der Regel schon recht gut Bescheid. Aber: „So viele Tiere werden schlecht gehalten“, beklagt Behrens, „in Kleinanzeigen sieht man das oft. Dabei kann man es den Tieren so einfach schön machen!“ Oft bekommen sie auch E-Mails von Leuten, denen ein verwahrlostes Tier zum Beispiel in der Nachbarschaft aufgefallen ist. „Als Tierschutzverein haben wir aber keine Befugnis“, erklärt Behrens. Entweder lässt sie dem Mail-Schreiber dann Infomaterial für den Tierhalter zukommen, damit er selbst versuchen kann, etwas zu bewegen. Oder sie verschafft sich selbst einen Eindruck von der Lage. Einmal sei ein Kaninchen im Winter draußen in einem kleinen Vogelkäfig gehalten worden. Die Tierschützerin machte Fotos und schaltete das Veterinäramt ein. Dieses beschlagnahmte letztlich 14 Tiere.

„Ich find’s schön, Tiere, die abgegeben werden, in ein neues, artgerechtes Zuhause zu begleiten“, sagt Jasmin Karger, „und zu sehen, dass es ihnen gut geht.“


Jasmin Karger mit "Mattis" auf dem Arm.
von Jantje
Dieses Bild haben die Mitarbeiter im Kaninchen-Gehege aufgehängt.
von Jantje
Beim Fest für die Tierretterpaten im Tierheim: Kirsi Behrens schenkt Getränke an die treuen Unterstützer des Tierheims aus.
von Jantje
 
 

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Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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