Ehrensache: Geflüchteten Männern den Anschluss ermöglichen

Ehrensache: Geflüchteten Männern den Anschluss ermöglichen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler


Für geflüchtete Familien, Frauen und Kinder gibt es viele Angebote - aber was ist mit den alleinstehenden Männern? Sven Sauermann hilft ihnen in Oldenburg, Anschluss zu finden.
von Jantje

Gebannt blicken die vier Männer nach unten. Volle Konzentration, jetzt bloß nicht nachlassen. Ob Team weiß oder Team grün vorne liegt – das lässt sich als Außenstehende nicht sagen. Die Hände der Männer sind um die Griffe gekrallt, sie lassen die kleinen Figürchen des Tischkickers schwindelerregende Drehungen vollführen. TOR!

Sven Sauermann lacht. Er steht neben dem Spielfeld und sieht den Männern zu. Diese haben ihre Jacken noch an, einer hat nicht mal seine Umhängetasche abgelegt, ehe er sich an den Kickertisch dazugesellt hat. „Inlingua“ steht auf der Tasche. Eine Sprachschule in Oldenburg. Klar: Eben noch saßen die Männer im Sprachkurs und haben Deutsch gebüffelt. Nun sind sie wieder zurück. Zurück in ihrem vorläufigen Zuhause, der Flüchtlingsunterkunft in der Gaußstraße.

 Die KGU I Oldenburg, die Kommunale Gemeinschaftsunterkunft an der Gaußstraße
von Jantje
Hier engagiert sich Sven Sauermann (38) ehrenamtlich.
von Jantje
Auf vielen Sprachen wird jeder Gast willkommen geheißen.
von Jantje
 
 

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Und genau hier engagiert sich Sven Sauermann ehrenamtlich für sie, bietet ihnen jeden Dienstagnachmittag einen Freizeittreff, eine Anlaufstelle an. 2013 hat er an einer Integrationslotsen-Weiterbildung teilgenommen, einem vom Land Niedersachsen geförderten Kooperationsprojekt der Stadt und der VHS Oldenburg, das 2008 ins Leben gerufen wurde. Bei dieser Weiterbildung wurden auch Angebote für Flüchtlinge vorgestellt. Es gab Angebote für Familien, Kinder, Mädchen, Frauen – „aber für Männer gab es keinen Anschluss“, erinnert sich Sven Sauermann. Das wollte er ändern. Gemeinsam mit zwei anderen Mitstreitern startete er unmittelbar nach der Weiterbildung das Angebot an der Kommunalen Gemeinschaftsunterkunft (KGU) in der Gaußstraße.

Dort gab es bereits einen Kickertisch und eine Tischtennisplatte. Zwar wurde der große Raum, in dem das Angebot anfangs stattgefunden hatte, irgendwann als Freizeitraum geschlossen, weil der Platz für weitere Betten benötigt wurde. Die Gruppe musste in den Keller umsiedeln, direkt neben die Waschmaschinen und die Trockner. Laut war es dort. Aber seitdem draußen zusätzlich Container aufgebaut worden sind, in denen die Menschen Unterschlupf gefunden haben, steht wieder ein Raum zur Verfügung. Im Sommer kann die Gruppe außerdem draußen Volley- und Fußball spielen.

„Anfangs war bei den Syrern und Iranern Tischtennis sehr beliebt“, berichtet Sauermann. Mittlerweile sei der Kickertisch der Favorit. „Die Männer brauchen eine Beschäftigung“, erzählt der Ehrenamtliche, „sie nehmen, was sie kriegen können.“ In Oldenburg hat Sauermann Sozialwissenschaften auf Diplom studiert, nebenbei ein Fernstudium zum Diplom-Finanzwirt (CoB) absolviert. In Bookholzberg arbeitet er im Berufsförderungswerk Weser-Ems.

Von links kommt ein Ping-Pong-Ball angehüpft. Sauermann hebt ihn auf und reicht ihn Kibreab Daniel. Dieser nimmt ihn lächelnd und dankend entgegen – und dann setzt er seine Tischtennis-Partie mit Tedros Segai fort. Beide sind mindestens ebenso konzentriert bei der Sache wie die Tischkicker-Spieler. „Ich wusste gar nicht, dass er so gut Tischtennis spielt“, stellt Sauermann erstaunt fest, während er Kibreab Daniel bei dessen Aufschlägen mit vollem Körpereinsatz zusieht.


Kibreab Daniel konzentriert sich auf den Aufschlag, Sven Sauermann ist verblüfft ob der sehr guten Tischtennis-Fähigkeiten.
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Jeden Dienstagnachmittag können die Männer vorbeikommen, um zum Beispiel Tischtennis und Tischkicker miteinander zu spielen.
von Jantje
 
 

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Alleinreisende Männer: Das scheint die am wenigsten „attraktive“ Gruppe unter den Flüchtlingen zu sein. Nicht erst seit den Silvestervorfällen in Köln.

„Hast du keine Angst?“, wollten Sauermanns Freunde von ihm wissen. „Nee, eigentlich nicht“, erwiderte er. Angst habe er eher in der Disco, wenn Männer betrunken seien. Hier, in der KGU I, wüssten die Männer ja alle, dass er in Kontakt zu der Leitung der Einrichtung steht.

Aktuelle Zahlen zu Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Ansonsten ist der Ehrenamtliche interessiert an den verschiedenen Kulturen und Nationalitäten, mit denen er hier zu tun hat. Fasziniert beobachtet er, wie sich Freundschaften nicht nur innerhalb derselben Nationalität, sondern „querbilden“, und hat im Laufe der Zeit im Umgang mit den Männern unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Da gibt es die, die eher ängstlich seien. Da gibt es die, die wüssten, dass ihr Asylantrag aufgrund ihres Herkunftslands chancenlos sei, und daher eher gewaltbereit seien. Und wieder bei einer weiteren Gruppe gebe es kein einheitliches Stimmungsbild. „Und Iraner sind fast noch westlicher als Syrer in Bezug auf Frauen“, hat Sauermann festgestellt. Neulich habe er sich mit einem Iraner unterhalten, der zwar eine feste Freundin habe, nebenbei aber auch noch eine andere. „Dürfte deine Freundin denn auch einen anderen Mann haben?“, wollte Sauermann wissen. Die Antwort lautete in etwa: „Zwar wäre es schöner, wenn sie den nicht hätte, aber ja, dürfte sie.


NWZplay zeigt einen Beitrag über Sven Sauermann und den Freizeittreff:

Flüchtlingsangebot nur für Männer
von nwzplay via YouTube

Flüchtlingsschutz

Ein Asylantragsteller erhält Flüchtlingsschutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention, wenn sein Leben oder seine Freiheit in seinem Herkunftsland wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht ist.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, www.bamf.de


Im Iran ist des Weiteren Homosexualität zwar verboten; nach dem dort geltenden islamischen Strafrecht kann Homosexualität bei Männern mit dem Tod bestraft werden, bei Frauen mit 100 Peitschenhieben oder – bei mehrfacher Wiederholung – mit dem Tod.
Aber, hat Sauermann erfahren, was privat stattfinde, interessiere dort keinen. Und auf einer „speziellen Privatparty“ mit lauter Männern erwischt zu werden sei immer noch besser, als auf einer Party mit unverheirateten Frauen. Bei Syrern dagegen gehe es bereits um die innere Einstellung.

Aber natürlich unterscheiden sich die Flüchtlinge, egal welcher Herkunft, in ihren Persönlichkeiten. Während der eine zum Beispiel sagt: Ich lerne kein Deutsch, solange ich nicht anerkannt bin, besucht der andere zwei Deutschkurse gleichzeitig – obwohl bei ihm sogar noch das Dublin-Verfahren läuft, er also womöglich wieder in ein ganz anderes Land zurück muss. „Es beeindruckt mich, wie stark er daran arbeitet“, sagt Sauermann. Und dann ist da zum Beispiel noch dieser Kurde aus dem Irak, der immer in kurzer Hose herumlaufe. „Auch während des Schnees“, erinnert sich Sauermann schmunzelnd.

Ausgelassene Stimmung im Freizeittreff - trotz Sprachbarrieren
von Jantje
Auch NWZplay ist diesmal zu Besuch.
von Jantje
 
 

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Für die allgemeine Stimmung nicht so gut gewesen sei, als Flüchtlinge aus Afghanistan, Iran oder Irak bereits seit längerer Zeit darauf gewartet hatten, anerkannt zu werden – und plötzlich viele Syrer dazukamen, die deutlich schneller anerkannt wurden und vor den bereits länger Wartenden wieder ausziehen durften. „Dieses Zwei-Klassen-System kam nicht so gut an“, erinnert sich Sauermann.

Obwohl manche der Flüchtlinge sehr gutes Englisch sprechen: Immer wieder erinnert Sauermann auch Nicolai Raabe, mit dem er mittlerweile den Freizeittreff leitet, daran, Deutsch mit den Männern zu sprechen. Natürlich klappt die Verständigung auf Englisch mit den meisten Teilnehmern schnell und einfach. Aber: „So brauchen sie ja noch länger, um die Sprache zu lernen.“ Der 38-Jährige sei fast schon so etwas wie eine Beratungsstelle; hilft zum Beispiel, in „Beamten-Deutsch“ verfasste Anschreiben und Formulare in „Normal-Deutsch“ zu übersetzen.

Über ihre Flucht reden die meisten nicht, erzählt Sauermann. Nur von denen, die er schon etwas länger kennt, hat er sie doch gehört, die persönliche Geschichte. Auf der einen Seite ist da zum Beispiel eine Geschichte wie die des Eritreers, dessen Flucht durch die Sahara führte. Eine Flucht, die nicht mal Zeit ließ, um jene begraben zu können, die diesen Weg nicht überlebten. „Und dann noch über das Mittelmeer…“, sagt Sauermann. Die geschilderten Erlebnisse haben ihn nachdenklich gestimmt. „Ich weiß nicht, ob ich nicht vorher durchgedreht wäre bei dieser Flucht. Wer seelisch schwach ist, würde es nicht schaffen, vermute ich."

Auf der anderen Seite gibt es Geschichten wie die eines Iraners, der Deutschland per Flugzeug erreicht hat. Er ist Christ. Für seine Glaubenszugehörigkeit drohte ihm in seiner Heimat die Todesstrafe. Er verkaufte sein Geschäft und sein Auto, ließ alles zurück und floh nach Europa.

„Ich will der Gesellschaft was wiedergeben“, sagt Sauermann. Abwechslungsreich sei sein Ehrenamt. „Es ist schön, was mit Menschen zu machen.“ 


Beitrag über das Integrationslotsen-Projekt auf Youtube:

Nachhaltigkeitstipp: Integrationslotsen helfen Flüchtlingen
via YouTube

Ehrensache: Viel mehr als nur eine Deutschstunde, Multimedia-Reportage über ehrenamtliche Deutschlehrerin in der KGU


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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