Ehrensache: Kunst kennt keine Behinderungen

Ehrensache: Kunst kennt keine Behinderungen Live

Sich weiterbilden, neue berufliche Perspektiven entdecken, soziale Kontakte knüpfen – einfach mal über den Tellerrand schauen: Die Gründe, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind vielfältig. NWZonline gibt in der Serie "Ehrensache" einen Einblick in die ehrenamtlichen Tätigkeiten der Menschen der Region.


von Jantje Ziegeler


Theresa Ehmen engagiert sich im Blauschimmel-Atelier Oldenburg. Hier leitet sie die Theatergruppe am Montag.
von Jantje
Marianne Garbe leitet ehrenamtlich das Malatelier.
von Jantje
 
 

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Geplant war das so nicht. Eigentlich ist es für einen Oldenburger doch ein ganz normaler, gewöhnlicher Montag im Februar. Und eigentlich sind Theresa Ehmen und Marianne Garbe wie jeden Montag darauf vorbereitet, bei der „Großblaustelle“ im Blauschimmel-Atelier an der Klävemannstraße 16 mit den in Kürze eintrudelnden Teilnehmern Theater zu spielen oder sich im Malatelier auszutoben.

Aber Pustekuchen.

„Helau!“ Der erste, soeben eingetroffene Blaustellen-Teilnehmer trägt einen roten Supermann-Umhang, der zweite ein Weihnachtsmannkostüm. Es ist Rosenmontag. Heute werden die Uhren also anders ticken als erwartet. Das tun sie hier oft.

„Ticktack ticktack ticktack ticktack…“ Vergangenen Montag haben sich die Theaterspieler mit zusammengesetzten Wörtern beschäftigt. Zur bereits auf der Bühne stehenden „Eieruhr“ kullert sich die laut kichernde „Kichererbse“, auf welche wiederum der „Jammerlappen“ nun wirklich gar keine Lust hat.


Jammerlappen, Kichererbse und Angsthase in einer kleinen, improvisierten Szene des entstehenden Stücks:

von Jantje


Mit den rund 15 Teilnehmern ihrer Theatergruppe hat Theresa Ehmen im Januar mit der Planung eines neuen Stückes begonnen.
In den kommenden Monaten werden sich die Laiendarsteller dafür mit Buchstaben und Wörtern beschäftigen. Von Ehmen stammt dabei zwar die Grundidee; aber kein bereits fertiger, terminierter Spielplan. „Die Teilnehmer geben uns einen Spielraum“, sagt die 28-Jährige, „der Spielplan wird von allen mitgestaltet. Das sind interessante Menschen hier.

Die Menschen hier: Die sind natürlich das Herzstück des Blauschimmel-Ateliers. Ehmen: „Hier wird Inklusion gelebt.“ „Hier macht jeder tolle Arbeit, das ist ein Geschenk“, ergänzt Marianne Garbe, „es ist eine besondere Erfahrung, die Menschen hier zu erleben. Ohne Normen und Normalitäten.“ Das Motto der Blauen Kunst, die hier gelebt wird, lautet: Kunst kennt keine Behinderung.

 

Die Blaue Kunst und ihr Ursprung

Das Blauschimmel-Atelier entstand vor dem Hintergrund einer sozialen und künstlerischen Bewegung, die in den 70er Jahren in Italien und in Deutschland mit der Bewegung der Antipsychiatrie ihren Anfang nahm.

Mittelpunkt dieser angestrebten Psychiatriereform war die Kritik an der damaligen traditionellen Psychiatrie und an ihrer menschenunwürdigen Praxis, welche auf Strukturen wie Wegschließen in Langzeitkliniken, Absondern und Ruhigstellen von Menschen mit psychischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen beruhte. 

Dieser Prozess – der in den 70er Jahren in Italien und in den 80er Jahren in Deutschland zur Auflösung der geschlossenen Anstalten führte – wurde von Anfang an mit künstlerischen Aktionen begleitet. Aus diesen entstanden als Symbole gegen eine Psychiatrie der Ausgrenzung zwei Skulpturen, beide in der Farbe Blau: Ein Pferd namens Marco Cavallo (Symbol der Triestiner Anstaltsauflösung) und die Bremer Stadtmusikanten.

Quelle: http://www.blauschimmel-atelier.de/%C3%BCber-uns/geschichte/hintergrund/
 

Einblick in die "Großblaustelle I: Theater - Improvisation - Malerei" am Montag im Blauschimmel-Atelier
von Jantje
von Jantje
"Hier wird Inklusion gelebt", sagt Theresa Ehmen über das Blauschimmel-Atelier.
von Jantje
 
 

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Das Blauschimmel-Atelier war schon immer offen für alle, die Lust auf Theater, Kunst und Musik haben“, sagt Theresa Ehmen, „die Lust haben, selbst mitzugestalten.“ In Oldenburg hat die gebürtige Schortenserin bis zum Frühjahr 2015 Sonderpädagogik und Kunst studiert. Was lag da näher, als im Rahmen dieses Studiums 2009 ein Praktikum im Blauschimmel-Atelier zu absolvieren? Als ihre Pflichtzeit von rund sechs Wochen vorbei war, blieb die damalige Studentin dem Blauschimmel Atelier weiterhin ehrenamtlich treu. Insgesamt ein Dreivierteljahr. Schließlich steckte sie gemeinsam mit dem Team mitten in den Vorbereitungen zum Theaterprojekt „Liebe Macht Geschichte“.

„Das war ein besonderes Theaterstück“, erzählt Garbe, „es geht um die Geschichte Wildeshausens, darum, wie Wildeshausen zu Wildeshausen wurde.“ Dort wurde das Stück dann natürlich auch aufgeführt. Ein richtiges Spektakel sei das gewesen, in Kooperation mit zahlreichen Wildeshauser Gruppen sowie der Diakonie Himmelsthür und dem Kulturkreis Wildeshausen.

Mittlerweile steckt Theresa Ehmen mitten im Referendariat – in Osnabrück. Zufällig traf sie vor rund einem Jahr in Oldenburg eine Theaterpädagogin des Blauschimmel-Ateliers in der Stadt wieder. Es wurde eine neue Leitung für die Theatergruppe am Montag gesucht. „Wie sieht’s aus?“, hakte die Theaterpädagogin bei der Referendarin nach. Diese war skeptisch. „Ich hab’s mir erst nicht so gut vorstellen können“, gesteht sie. „Genügen meine Kompetenzen?“, fragte sie sich selbst. Marianne Garbe schüttelt den Kopf. „Diese Bedenken hatten wir gar nicht“, erinnert sie sich. Seit dem Frühjahr 2015 pendelt Theresa Ehmen nun jeden Montag mit dem Zug von Osnabrück nach Oldenburg, um zwei Stunden lang die Theatergruppe zu leiten. Und zu besprechen mit Marianne Garbe, die die zeitgleich stattfindende Malgruppe betreut, gibt es auch immer etwas.


Das Blauschimmel-Atelier wurde 1998 als gemeinnütziger Verein gegründet und ist ein Ort gelebter Inklusion. Hier begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderungen unterschiedlicher Generationen und Kulturen, um miteinander künstlerisch tätig zu sein.
Das Blauschimmel-Atelier kooperiert mit der Universität Oldenburg, mit dem Staatsorchester und vielen sozialen und kulturellen Einrichtungen.
Der Verein
finanziert sich durch kommunale Zuschüsse sowie durch Mitgliedsbeiträge, Kursgebühren, Spenden und Auftrittsgagen.

Wochenprogramm im Blauschimmel Atelier

Marianne Garbe ist bereits seit 2006 beim Blauschimmel-Atelier dabei – per Zufall. Eine Mitsängerin ihres Lesbenchores „Andersrum und immerschief“ hatte sie damals angesprochen, ob sie nicht den Vereinsvorstand mit ihr unterstützen wolle. Aber ja – das war keine Frage für Garbe. Von 2006 bis 2013 übernahm sie den Vorstand des Vereins.

Ein „eigenwilliger Weg“ lag bereits hinter der heute 71-Jährigen. Geboren in Neuruppin, bei Berlin aufgewachsen, in Celle gelebt, in Göttingen das Abitur absolviert, ein in Hamburg angefangenes Studium, eine Goldschmiede-Lehre in Worpswede, zehn Jahre Selbstständigkeit als Schmuckgestalterin, ein Studium der Fächer Kunst, Philosophie und Politik in Kassel, ehe es – Garbe: „Ich wollte eigentlich nie in die Schule“ – zum Referendariat nach Oldenburg ging, dem sieben Jahre an der Hermann-Lietz Schule auf Spiekeroog folgten. Danach gab sie Fortbildungen für Lehrer an Internaten, reiste dafür quer durch Deutschland und die Schweiz. „Ich hatte ein verrücktes Leben“, sagt Garbe grinsend, „aber die Arbeit beim Blauschimmel-Atelier ist der Höhepunkt.


Grimassen schneiden als Aufwärmübung fürs Theaterspielen
von Jantje
Beim "Spiegeln" geht es darum, mit seinem Gegenüber zeitgleich dieselben Bewegungen auszuführen, ohne miteinander zu sprechen.
von Jantje
Es gilt, den Übungspartner genau zu beobachten.
von Jantje
 
 

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Die Beeinträchtigungen der Teilnehmer sind unterschiedlich: körperlich, geistig, schwerst- oder leichtbehindert. Kooperationen gibt es mit einzelnen Wohnheimen, zum Beispiel dem Gertrudenheim oder den Gemeinnützigen Werkstätten an der Rennplatzstraße. Obwohl die Angebote allen Menschen gleichermaßen offenstehen, sind es eher erwachsene Männer und Frauen mit Behinderung, die teilnehmen. „Wir sind sehr bemüht“, sagt Marianne Garbe, „dass die Behinderung nicht im Vordergrund steht. Hier wird keiner ausgegrenzt. Jeder tut das, was möglich ist, niemand muss irgendjemandem was beweisen.

Neulich erst, so Ehmen, habe eine nicht-behinderte Teilnehmerin gesagt, das Besondere am Blauschimmel-Atelier sei, dass es hier so wertfrei zugehe.
Ein Ort, an dem es nicht schlimm ist, dass man Patzer macht. Ein seltener Ort. „Es gibt ein unglaubliches Potenzial, das hier aufgedeckt werden kann“, schwärmt Theresa Ehmen. Gerne würde Marianne Garbe auch eine Schreibgruppe anbieten. „Alphabethisch sind unsere Teilnehmer vielleicht nicht unbedingt auf der Höhe“, sagt sie, „aber wenn sie etwas schreiben, was sie ausdrücken wollen, hat das eine hohe Poesie.
 
Wenig Poesie ist allerdings bei der ganzen „Antragstellerei“ im Spiel, um die sich Garbe ebenfalls kümmert. Für jedes Projekt gilt es schließlich, bei soziokulturellen Stiftungen finanzielle Mittel zu beantragen. Marianne Garbe seufzt. „Man muss die Institution vorstellen, umreißen, welche Idee man umsetzen möchte, dann im Detail konkrete Schritte und Zielgruppen formulieren und welche Nachhaltigkeit das Ganze haben könnte. Und ob es Folgeprojekte geben könnte. Die Vorgaben sind ziemlich streng“, sagt sie. Damit sich die einzelnen Gruppen des Ateliers nicht in die Quere kommen, bedarf es natürlich der Koordination untereinander. Doch der Teamgeist aller Beteiligten ist riesig.

Dem „miteinander spielen“ und „untereinander hören“ kommt natürlich auch in der Band, die jeden Dienstagabend beim Blauschimmel Atelier musiziert, eine große Bedeutung zu. „Das ist mein Lieblingsengagement. Wir machen experimentelle Musik“, erklärt Garbe, „am liebsten spiele ich Posaune. Aber auch Bass, Klavier oder Schlagzeug.“ Aus den einzelnen Geräuschen entstehe Musik. „Das ist das Tollste für mich.

Polonaise!
von Jantje
Und als Überraschung hat Marianne Garbe im Malatelier nebenan...
von Jantje
...jedem Teilnehmer einen Rosenmontags-Teller mit Leckereien vorbereitet.
von Jantje
Normalerweise wird hier, im Malatelier, montags gemalt. Am Rosenmontag sorgen die liebevoll vorbereiteten Teller für helle Begeisterung der Teilnehmer.
von Jantje
 
 

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Nun aber genug der Worte. Wie es sich für einen anständigen Rosenmontag gehört, reiht sich flugs ein jeder zur Polonaise ein. Marianne und Theresa genauso wie Supermann und Eieruhr, die Praktikanten, Jammerlappen und Weihnachtsmann. Alle gemeinsam. Quietschfidel.


Kennen Sie auch jemanden, der ein besonderes Ehrenamt ausübt? Oder sind Sie selbst in einer Einrichtung oder einem Verein besonders engagiert? Dann melden Sie sich gerne per Mail an jantje.ziegeler@nordwest-zeitung.de oder telefonisch unter 0441/99882157.

Falls Sie sich gern ehrenamtlich engagieren möchten, aber nicht wissen, wo, kann Ihnen die Agentur ehrensache der Stadt Oldenburg weiterhelfen.

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