Gründerszene im Nordwesten: Gegen das böse Erwachen

Gründerszene im Nordwesten: Gegen das böse Erwachen Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch �berschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden:
inga.
wolter@nordwest-zeitung.de


Prost! Ein Drink gegen den Kater

Passend zur WM und Sommerzeit haben junge Feierbiester aus dem Norden ein Getränk für den Morgen nach der Party erfunden: Der Anti-Kater-Drink „Freigeist“ soll Kopfweh und Übelkeit vertreiben und müde Geister zum Leben erwecken.
Von Inga Wolter

"Prost!" - Die Existenzgründer Gunnar Sieweke (links) und Mitja Bätzold stoßen auf dem Oldenburger Campus mit ihrem Anti-Kater-Drink an.
von inga.wolter

Zwei der fünf Freigeist-Gründer haben eine Ausnahme gemacht und sich schon morgens (11 Uhr!) zum Gespräch mit der NWZ auf dem Oldenburger Campus verabredet - dort, wo alles begann.

„Willst du mal probieren?“, fragt Gunnar Sieweke, absolute Nachteule und Geschäftsführer von Freigeist, beim Treffen in der Mensa am Haarentor. Den Trunk gegen den dicken Schädel könne man ja auch ohne Kater trinken. Freigeist schmeckt frisch, nach Zitrone. Auf der Zunge prickelt er wie Limonade. Beim zweiten Schluck merke ich: Da sind noch andere Früchte drin. Erdbeeren?

„Und wie schmeckt’s?“, fragt Kollege und Kumpel Mitja Bätzold und behält meine Mimik im Auge. „Du kannst es ruhig ehrlich sagen. Ein Wirt hat uns auch sofort gesagt, dass er den Drink selbst nicht mag.“ Die Freigeist-Erfinder sind zurzeit in Oldenburg unterwegs, um das Getränk in die Kneipe und den Club zu bringen. Freigeist sei ein Schlummertrunk. „Am besten trinkst du ihn vor dem Schlafen gehen. Dann wirkt er optimal“, rät Gunnar, der in Oldenburg seinen Master in Global Mamagement macht und hier die ein oder andere Studentenparty mitnimmt.

Wirkung im Selbsttest geprüft

Überhaupt ist das Freigeist-Team feierfreudig. Das muss es auch. Die Erfinder überzeugten sich von der Wirkung ihres Anti-Kater-Drinks – und nicht nur davon: „Wir haben auch die Konkurrenz getestet“, erzählt Gunnar. Denn die ist früher aufgestanden. „In Amerika, Brasilien, Dänemark und vielen anderen Ländern gibt es schon länger eine Tablette gegen Kater. Die Iren haben eine Art Sportlergetränk“, weiß Gunnar. Der deutsche Markt habe lange geschlafen.

Junge Firmengründer vor der Kamera: Auch NWZplay war beim Gespräch mit Freigeist auf dem Campus Haarentor dabei.
von inga.wolter


Video NWZplay: Freigeist - Revolution in der Flasche?

Die Idee zu Freigeist ploppte schon vor vier Jahren auf.
Gunnars Studienkollege Otis importierte sie aus dem nigerianischen Dschungel. Wie auf der Gründer-Homepage nachzulesen ist, kam Otis’ Bruder während einer Expedition das Anti-Kater-Getränk in den Sinn. Gunnar und Otis waren begeistert. Schnell holten sie sich den Arzt und Wissenschaftler David Bardens dazu. Der recherchierte auf wilden Partys und in Datenbanken, welche Zutaten gut gegen Müdigkeit und einen Brummschädel helfen.

So entwickelte David die Rezeptur, kein Geheimrezept, aber betrunken kaum auszusprechen: Isotonizität und Elektrolyte, Kaktusfeige, Vitamin B3 und B6, Koffein, Glucose, Saccharose und Maltodextrin sind im Freigeist.
Trinkt man zu viel Alkohol, rennt man oft zur Toilette. „Dabei scheidet man viele Elektrolyte aus“, erklärt Gunnar. Das sei der hauptsächliche Grund für Kopfschmerzen am nächsten Tag. „Mit Freigeist ersetzt man also verlorene Elektrolyte.“ Auch Kaktusfeige helfe laut wissenschaftlichen Studien gegen Kater.

Nach Vitamin B3 und B6 schreit der Körper geradezu, wenn er übermäßig viel Alkohol verkraften muss. Die Portion Koffein mache einen klaren Kopf, aber nicht zu wach: Man soll ja nach der Feier friedlich schlummern können. Frische Energie über Stunden hinweg sollen verschieden langkettige Zuckerarten liefern. „Insgesamt hat Freigeist aber wenig Zucker“, sagt Gunnar. „Wir hätten sogar ,kalorienarm‘ auf die Flasche schreiben können, aber das entspricht nicht unserer Zielgruppe.

Das ist drin und so soll's wirken: Mehr zur Rezeptur


Die Anti-Kater-Zutaten waren also gemischt. Farbe und Geschmack fehlten aber noch. „Wir haben viel Geld für ein Labor gezahlt“, erzählt Gunnar. „Aber alle drei Mixturen schmeckten schlecht. Darum haben wir dort selber rumgemixt.“ Die Freigeister standen auf Maracuja, dazu ein bisschen Erdbeere. Nach dem Mixen ging es an die Marktanalyse: Wo bekommt man all die Zutaten möglichst aus einem Guss? Auch sei es schwer gewesen, einen Abfüller zu finden. „Die meisten füllen Getränke nur ab, wenn sie sicher sind, dass daraus etwas werden kann“, erklärt Gunnar. „Und der Markt ist hart.

Die größten Schritte ihrer Existenzgründung machten die mittlerweile sechs Freigeister in Oldenburg, wo Gunnar und Otis ihren Bachelor in Global Management absolvierten.

Der Lehrstuhl Entrepreneurship unterstützte die Gründer mit Workshops und Finanzberatungen. Mitja: „Das schwierigste ist, am Ball zu bleiben. Es gibt viele Durststrecken, die man überwinden muss.“ Als Start-up werde man oft hinten angestellt, müsse viel hinterhertelefonieren.

Kostprobe bei der ersten Abfüllung: Mit kritischem Blick testet Gunnar Sieweke eine der ersten Flaschen "Freigeist".
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Die gefüllten Kisten laufen übers Förderband.
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Wie bedrucken wir die Kronkorken? - Das war nur eine der vielen kleinen Fragen, die sich die Freigeist-Gründer beantworten mussten.
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Vorne: Flaschen vor der Abfüllung. In den hinteren Flaschen steckt der Freigeist schon drin.
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Die Maschine liefert die Kronkorken. 
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Das Etikett läuft durch die Maschine.
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Drei Gründer im Labor: Auch den Geschmack des Anti-Kater-Drinks bestimmten die jungen Gründer selbst.
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 Gunnar und Mitja beim Dreh mit NWZplay in der Campus-Mensa.
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Auch gebe es viele kleine Probleme zu lösen. Wie besorgt man für die Flaschen silberne Kronkorken in der richtigen Menge und dann auch noch mit dem Aufdruck einer Eule? Weil noch viel zu klären war, verschob sich die erste Abfüllung immer wieder. „Erst wollten wir zum Bremer Freimarkt starten, dann zum 1. Mai“, sagt Mitja. „Jetzt ist es eben Sommer geworden.

Am Anfang pumpten die jungen Gründer ihr eigenes Erspartes in die Firma. Statt einer GmbH gründeten sie eine Unternehmergesellschaft (UG). Die UG steht rechtlich auf einer Stufe mit einer GmbH, ermöglicht aber eine Gründung mit weniger Startkapital. Die Stammeinlage mussten sie über ein Gesellschafterdarlehen finanzieren. Mit wie viel Geld Freigeist sich ins Gründergeschehen stürzte , wollen die Fünf lieber zu einem späteren Zeitpunkt erzählen.

Gegen Geheimrezepte

Durchhalten war alles. Zum Ende des Ohne-Kater-Gesprächs ist ein Tipp für andere Gründer gefragt. Die Freigeister sind gegen Geheimrezepte - und das ist auch ihr Ratschlag: „Viele erzählen ihre Ideen nicht“, meint Gunnar. „Das ist ein Fehler. Denn wenn man sie vielen mitteilt, bekommt man auch viel Feedback.

Ach ja: Wirkt der Zaubertrank nun wirklich? Na ja, Freigeist ist kein Wundermittel. Und übermäßigen Alkoholkonsum wollen die Gründer damit auf keinen Fall untertsützen. Besonders harte Nächte gehen trotz Freigeist nicht spurlos an einem vorbei. Mitja: „Aber es geht dir auf jeden Fall besser, als wenn du nur Wasser trinkst oder ein Matjesbrötchen isst.“


Das ist das Freigeist-Team - mit ihren (angeblichen) Lieblingsgetränken:
  • Mitja Bätzold (28 Jahre), Student, Lieblingsgetränk: Mate-Tee
  • Gunnar Sieweke (28): Geschäftsführer von Freigeist und Unterstützer einer weiteren Unternehmensgründung, Lieblingsgetränk: Chai Latte
  • Martin-Otesiri Okuesa (Otis genannt, 31), Treasury-Abteilung VW, Lieblingsgetränk: Cappucino
  • David Bardens (30), Arzt, Lieblingsgetränk: Papa Türk
  • Jan van Ahrens (26), Berater von Freigeist und Gründer eines anderen Start-ups, Lieblingsgetränk: Kaffee (Schwarz)

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