Gründerszene im Nordwesten: "Wir protzen nicht!"

Gründerszene im Nordwesten: "Wir protzen nicht!" Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Im zweiten Teil der Serie sind - ausnahmsweise - keine jungen Gründer an der Reihe. Diesmal sprach Inga Wolter mit dem Professor, der sich an der Uni Oldenburg federführend um Gründungen kümmert: Alexander Nicolai. Seine Aufgaben: Er erforscht, wie sich zum Beispiel Geschäftsideen verbreiten. Er bringt Studenten bei, wie sie einen Businessplan schreiben. Und er fördert ihre Geschäftsideen.



Prof. Dr. Alexander Nicolai, Stiftungsprofessor Entrepreneurship der Uni Oldenburg Bild: privat
von inga.wolter
Herr Nicolai, ist Deutschland ein Land der Erfinder und Gründer?
Eher der Erfinder als der Gründer.
Die Deutschen sind berühmt dafür, dass sie Sachen erfinden, aber andere das Geschäft machen. Obwohl es einige sehr erfolgreiche Unternehmen in Deutschland gibt.  Mit dem New-Economy-Boom 2000 hat sich das Denken etwas verändert. Trotzdem ist es noch immer nicht so, dass Studenten selbstverständlich die Möglichkeit einer Selbständigkeit prüfen.
 

Warum sind die Deutschen so wenig gründungslustig?
Wir haben uns lange an Großunternehmen und an der Verwaltung orientiert.
Auch gehen wir in der Öffentlichkeit völlig anders mit unternehmerischem Erfolg um als andere Staaten. Sehr defensiv. Positiv formuliert: Wir protzen nicht. Es ist kein Zufall, dass kaum jemand unsere überaus erfolgreichen Oldenburger Unternehmer kennt. Oder auch die Aldi-Brüder: Die kennt keiner, Bill Gates kennt aber jeder! Wenn ich meine Studenten nach berühmten Unternehmern frage, nennen sie als erstes Amerikaner.

Wenn ich als Studentin bei Ihnen in der Vorlesung sitze, welche Namen sollte ich kennen?
Ja, aus Oldenburg zum Beispiel Joachim Hoepp, Gründer von Nanu Nana.
Ansonsten war Herr Hunold von Air Berlin mal bei uns. Er hat uns seine beeindruckende Gründungsstory erzählt. Absolut spannend, wie er auf eigenes Risiko eine Airline mit zwei Flugzeugen und 150 Mitarbeitern übernahm, ohne die notwendigen Betriebslizenzen zu besitzen. Da hing alles davon ab, ob ein einzelner Mitarbeiter eine schriftliche Prüfung besteht. Oft schmieden Gründer nicht lange Pläne, packen die Situation beim Schopfe.

Also kommt es auf die gute Gelegenheit an?
Nicht unbedingt.
Unternehmerstorys gründen nicht auf einer einmalig glücklichen Chance. Wenn es bei der ersten Chance nicht passiert, dann bei der nächsten.

Wie hat sich die Gründerszene hier vor Ort in den vergangenen Jahren entwickelt?
Das Technologie- und Gründerzentrum war schnell randvoll mit jungen Unternehmern.
Allein 2013 entstanden 17 technologieorientierte Start-ups aus der Hochschule.

Wie viele schaffen es am Ende?
Das Nadelöhr ist das Umsetzen.
Es scheitert oft am „Machen“.


Welche Hürden stellen sich Gründern am häufigsten in den Weg?

Die Finanzierung ist bei entwicklungsintensiven und vor allem besonders innovativen Ideen schwierig.
Dann gibt es das Lebenslauf-Risiko: Wie bewertet der Arbeitsmarkt es, wenn es schief geht? Gründungen sind klassisch Teamgründungen. Damit sich ein Team finden kann, muss vieles passen: Die Mitglieder müssen in einer ähnlichen Lebensphase sein, sich in ihren Fähigkeiten ergänzen und verstehen. Es kommt häufig vor, dass jemand eine Idee hat, aber die passenden Mitstreiter fehlen. Die Administration ist mittlerweile kaum noch eine Hürde. Die Beratung an der Uni und bei der IHK läuft gut.

Eine gute Idee zu haben heißt lange nicht, dass es geschäftlich rund läuft. Macht Scheitern Sinn?
Scheitern wird in Deutschland zu kritisch gesehen.
Je innovativer die Idee, desto größer sind die Chancen, aber auch das Risiko. Scheitern gehört dazu. Es gibt erfolgreiche Gründer, die mehrere Male gescheitert sind, wie zum Beispiel Henry Ford. Vieles spricht auch in der Forschung dafür, positive Aspekte des Scheiterns hervorzuheben. Denn der Gescheiterte ist danach garantiert schlauer. Wer es noch einmal versucht, besitzt offenbar die Hartnäckigkeit, die er als Unternehmer braucht.


Sixtus vs. Lobo 30 - Start-Up
von BlinkenTV via YouTube

Sie haben sich ja schon viele Ideen angehört. Welche war die Verrückteste?
Die kann ich nicht verraten, weil sie tatsächlich noch weiter verfolgt wird.
Es gibt ein paar Klassiker unter den Geschäftsideen: Wenn ich meine Erstsemester Vorschläge entwickeln lasse, kommt immer der Frühstück-Bringservice zum Sonntag. Den wünschen die Studenten sich aus ihrer Situation heraus. Auch schlagen sie oft den Frauenschuh mit eingeklapptem Absatz vor. Da frage ich mich aber auch, warum der noch nicht realisiert wurde.

Welche Ideen sind die besten?
Oft sind es die banalen Ideen.
Nicht unbedingt die Neuartigkeit einer Idee macht den Erfolg aus. Innovativ kann man auf vielen Ebenen sein, zum Beispiel mit einer besonders einfachen Preisbildung. Selten gibt es einen punktuellen Geistesblitz. Wichtiger sind die Prozesse dahinter. Die meisten Geschäftsideen ändern sich in der Planung. Es gibt viele Überarbeitungsschleifen. Das ist ein Vorteil der Gründer gegenüber Konzernen. Ansonsten hat ein Unternehmen viel mehr mit Machen zu tun als mit systematischer Marktfindung.


Die Grafik zeigt, wie viele Existenzgründungen es in Deutschland zwischen 2002 und 2012 gab. Der Trend ist rückläufig. Grafik: dpa
von inga.wolter

Was muss sich in Deutschland, auch im Vergleich zu anderen Ländern, für Existenzgründer bessern?
Ganz klar: die Risiko-Kapital-Szene.
Bankkredite eignen sich für innovative Unternehmen nur bedingt, es müssen Eigenkapitalgeber her. Das gilt gerade für den Nordwesten. Laut einer BVK-Studie ist die Risiko-Kapital-Versorgung in Bremen und Niedersachsen am schlechtesten. In Nachbarländern wie der Schweiz oder Dänemark werden 50% mehr Wagniskapital bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt investiert. In den USA gäbe es viele Unternehmen nicht, wenn die Venture-Capital-Szene dort nicht so ausgeprägt wäre. Aber die Erkenntnis sickert hier langsam durch.

In welchen Feldern gibt es Forschungsbedarf oder sogar Marktlücken?
Es gibt viele Technologien, die Fantasien frei setzen, zum Beispiel 3D-Druck.
In Oldenburg ist noch Raum für IT und das Thema Nachhaltigkeit, vor allem in Zusammenhang mit der Energiewende. Das wird in der Zukunft interessant, da brauchen wir neue Geschäftsideen. Unternehmerische Aktivität wird hier notwendig.

Wovon lässt man lieber die Finger?
Glaubt man den klassischen Insolvenzquoten, hält man sich lieber von der Gastronomie fern.
Wir haben ja in Oldenburg auch in der Gastronomie beeindruckend erfolgreiche Unternehmer. Erfolg hat was mit Einzigartigkeit zu tun. Erwartungen zu brechen ist das typisch Unternehmerische.

Immer noch gibt es weniger Frauen, die ein Unternehmen gründen. Aber an der Uni Oldenburg waren in den letzten zwei Jahren 40 Prozent der Gründerstipendiatinnen weiblich. Bild: dpa
von inga.wolter

Gibt es einen Typus Existenzgründer?
Dazu gibt es viele Versuche.
Übereinstimmend zeichnen sie sich durch überdurchschnittlichen Ehrgeiz, einen großen Zielerreichungswillen aus. Sonst ist es schwierig: Welche Rolle spielt die Intelligenz? Welche die Kreativität? Auf jeden Fall gibt es verschiedene Typen: die "Vertriebssau", den Tüftler, den Manager und den Visionär, der die Welt verbessern will.

Wie ist es mit Existenzgründerinnen in Oldenburg?
Es
  gibt einige, ich denke zum Beispiel an Elke Hase von Piccoplant - eine beeindruckende Unternehmerin, die die Gründer-Szene bei uns an der Uni seit langem tatkräftig unterstützt. Bei unseren Gründerstipendiaten hatten wir in den letzten zwei Jahren einen Frauenanteil von bald 40 Prozent. Wir wollen in dem Bereich aber noch mehr machen. Derzeit versuchen wir, eine Juniorprofessur auf den Weg zu bringen, die sich speziell mit Gründungen durch Frauen beschäftigt.


 


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