Lettlands Trauma

Lettlands Trauma Live

Wo bleibt Putins Blick als Nächstes hängen, wenn er auf den Globus schaut? Angesichts der Ukraine-Krise fragen sich das derzeit zwei Millionen Letten. Zu oft war ihr Land besetzt. Zu viele Parallelen hat es mit der Krim-Halbinsel. Die russische Minderheit zum Beispiel. Aber auch die Grenzverletzungen seitens Russland. Gerade jetzt, wo die Metropole Riga Kulturhauptstadt Europas ist, kommen alte Erinnerungen wieder hoch, lassen die Geschehnisse in der Ukraine keinen Letten kalt. Auch ein Oldenburger macht sich Sorgen.


Von Amina Linke


Riga: Kulturhauptstadt 2014.                                                                                         Bild: dpa
von timo.ebbers


Die Sonne brennt vom Himmel. Gefühlt sind es über 30 Grad in Riga. Eher eine Seltenheit. Doch heute dringt von der Düna kein Lüftchen durch die Gassen. Selbst den Marktfrauen hinter ihren Obst- und Gemüseständen nahe des Zentralbahnhofs ist es zu heiß. Handfächer wedeln hektisch vor glänzenden Gesichtern.

Anders im Bauch von Riga, wie der Zentralmarkt auch genannt wird. Unter den ehemaligen Hangardächern, die die Deutschen im Ersten Weltkrieg unweit von Riga für ihre Zeppeline nutzten, ist es angenehm kühl. Zumindest in der Abteilung, in der Fisch und Meerestiere verkauft werden.

Gut 30 Meter davor steht ein altes Mütterchen im Gang. Ein buntes Tuch bedeckt ihren Kopf, eine Blümchenbluse spannt sich über den krummen Rücken. Sie blickt zu einer Touristin auf, die sich über die Auslage ihres kleinen Standes beugt.

Steine liegen kreuz und quer auf dem abgewetzten roten Samt. Die Kundin zeigt auf einen Türkis, will gerade nach dem Preis fragen – da schnellt die runzelige Hand der Verkäuferin vor. Sie ergreift das Mineral, schüttelt den Kopf und raunt in gebrochenem Englisch: „Das ist ein russischer Stein – kein lettischer!“


Fischverkauf in den Hallen des Zentralmarktes.                                                 
Bild: ali

von timo.ebbers
Die Hangardächer des Marktes.                                                                          
Bild: ali

von timo.ebbers
Der Markt von außen.                                                                                           Bild: ali
von timo.ebbers
 
 

1 von 3


Lettland hat in seiner Geschichte viele Besatzungsmächte über sich ergehen lassen müssen. Zuerst kamen die Sowjets, dann die Deutschen, dann wieder die Sowjets. Das war im Zweiten Weltkrieg. Die Bevölkerung teilte sich – grob gefasst – in Letten und russischsprachige Sowjetbürger.

Von 1944 bis 1990 gehörten Lettland, Estland und Litauen zur Sowjetunion. Die Länder wurden in das sowjetische System integriert – größtenteils gegen den Willen der Bevölkerung. Nach heutiger baltischer Lesart "russifizierten" die Besatzer die Länder und betrieben eine Ansiedlungspolitik, die die angestammte Bevölkerung zu Minderheiten im eigenen Land machen sollte.

Die Auswirkungen sind heute noch zu spüren. So wie in der Ukraine wird die russische Minderheit in Lettland nicht umfassend integriert, versucht Kremlchef Wladimir Putin auf sie Einfluss zu nehmen und gibt es zwischen den Bevölkerungsgruppen im Land Sticheleien und Provokationen.

"Soviet Legacy (Part One)", Reportage über die russische Minderheit in Lettland von Ruben Martinez

Bei den Letten wiederum ist die Angst vor Russlands Großmacht-Fantasien allgegenwärtig.

Gerade jetzt, nach dem Referendum auf der Krim-Halbinsel, das an die Annektierung Lettlands in den 40er Jahren erinnert. Auch damals gab es eine Abstimmung. Die Folge war die Eingliederung der baltischen Staaten in die Sowjetunion.

Und gerade jetzt, wo Riga Kulturhauptstadt Europas ist und sich viele Veranstaltungen mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen.

Das Kulturprogramm soll im Großen aber zeigen: Wir gehören zusammen! „Jedes Haus wird zu einem Kulturzentrum – und jeder Rigenser zu einem Kulturbotschafter. Es soll eine Kultur für alle geben“, sagt die Programmdirektorin der Foundation Riga 2014, Aiva Rozenberga. Kultur als Integration – da muss langfristig aber auch die Politik mitspielen.

Jeder dritte Einwohner in Lettland ist russischer Herkunft. Der Großteil von ihnen besitzt allerdings keinen lettischen Pass. Über 300.000 Menschen sind sogenannte Nichtbürger und dürfen unter anderem nicht wählen.

Im lettischen Recht gelten Nichtbürger zwar nicht als Staatenlose. Sie sind aber zahlreichen Einschränkungen bezüglich ihrer bürgerlichen und teils auch persönlichen Rechte unterworfen. So haben sie weder ein aktives oder passives Wahlrecht, noch dürfen sie zum Beispiel als Beamte, Polizisten oder Notare arbeiten. Auch sind ihnen im Gegensatz zu lettischen Bürgern visafreie Reisen in eine Reihe von Ländern nicht möglich.

Ein Referendum, Russisch als zweite Amtssprache einzuführen, wurde 2012 mit eindeutiger Mehrheit abgelehnt. Die Beteiligung an der Volksabstimmung war dabei für lettische Verhältnisse ungewöhnlich hoch: knapp über 70 Prozent – und somit gut 20 Punkte mehr als bei der vorherigen Parlamentswahl.

Die russischen (Nicht-) Letten fühlen sich diskriminiert – und protestieren. Auch gegen eine Bildungsreform, die ab 2018 vorsieht, dass Minderheiten in staatlichen Schulen in lettischer Sprache unterrichtet werden sollen.

Doch es geht auch anders: Einige wollen den lettischen Pass gar nicht. Seit 2008 gewährt ihnen die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) eine Visa-Freistellung – heißt: Familie und Freunde in Russland können ohne Schwierigkeiten jederzeit besucht werden. Mit einem lettischen Pass würde sich das ändern.

Moskau reagiert regelmäßig auf die Zweiklassen-Gesellschaft in Lettland

Das russische Militär hat erst jüngst an einem Stützpunkt nahe der lettisch-russischen Grenze die Zahl der Kampfhubschrauber verdoppelt. Bei Flugübungen in der baltischen Region kommt es immer wieder zu Luftraumverletzungen russischer Militärjets.

Als Reaktion auch auf die Krise in der Ukraine will Lettland nun bis 2020 das Verteidigungsbudget um zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts erhöhen. Der lettische Landesschutz erfährt bereits großen Zulauf von den Bürgern auch von vielen Russischstämmigen. Wenn die Russen angreifen, werden wir zurückschießen", sagt Valerij Butans, ein Freiwilliger beim Landesschutz. Sein Freund ebenfalls Russe ist über so viel Patriotismus entsetzt, findet: Soll Russland Lettland doch annektieren!"


Lettland: Die loyalen Russen | Europa aktuell
von DW (Deutsch) via YouTube

Doch viele wollen sich Russlands Machtspielchen nicht mehr gefallen lassen, wollen Stärke zeigen, wollen verschärfte Zollkontrollen seitens Russland oder die Erlassung kurzfristiger Importbeschränkungen für bestimmte Produkte nicht mehr hinnehmen.

Wieder eine Parallele zur Ukraine. Nachdem Russland die Einfuhr ukrainischer Milchprodukte, Fischkonserven und Schokolade eingeschränkt hat, dürfen nun auch keine Säfte mehr importiert werden. Eine Provokation. Denn für die Ukraine war Russland bisher ein wichtiger Handelspartner. Genauso wie für Lettland. Allein 80 Prozent des Güterverkehrs durch Lettland gehen nach Russland. Handel und Transit gehören zu Lettlands Hauptwirtschaftszweigen. Russische Besucher sind für die baltische Tourismusindustrie unverzichtbar, und Lettlands gesamtes Erdgas kommt aus Russland.

In Riga werden diese Abhängigkeiten mit Sorge betrachtet. Ganz anders in Daugavpils. Die zweitgrößte Stadt im Land liegt im Südosten und wird bereits als Lettlands „kleine Krim“ bezeichnet. Hier liegt der Anteil der russischstämmigen Bevölkerung bei über 50 Prozent. Hier hört man fast kein Lettisch auf den Straßen. Und hier interessiert sich auch niemand für das Kulturhauptstadtjahr. Hier wird lieber über die Idee einer eigenen autonomen Region diskutiert – und die Jugend nach Russland in Putins Sommerlager geschickt.

Russische Agenten testen ihrerseits schon mal die Stimmung in Lettlands Osten. Das berichtet zumindest der lettische Privatsender TV3 in seinem Format „Nekā Personīga“, übersetzt: Nichts Persönliches. In Umfragen soll die Annexion der Krim bewertet worden sein. Solche „geheimen soziologischen Untersuchungen“ hat Putin laut TV3 auch auf der ukrainischen Halbinsel vorgenommen – vor der Intervention.


Blick auf die Düna.                                                       Bild: Kaspars Garda (Riga 2014)
von timo.ebbers
Das ehemalige KGB-Haus wird im Kulturhauptstadtjahr zum Ausstellungsort.
Bild: Kaspars Garda (Riga 2014)
von timo.ebbers
Blick über die Dächer von Riga.                                   Bild: Kaspars Garda (Riga 2014)
von timo.ebbers
Das Freiheitsdenkmal im Zentrum von Riga.               Bild: Kaspars Garda (Riga 2014)
von timo.ebbers
Die lettische Nationalbibliothek.                                   Bild: Kaspars Garda (Riga 2014)
von timo.ebbers
 
 

1 von 5


In den Markthallen der Hauptstadt schert man sich darum aber eigentlich nicht. Herkunft und Sprache spielen hier keine Rolle mehr, sagen die Marktfrauen. Es wird auf Lettisch bestellt und auf Russisch geantwortet. Oder andersherum. Täglich kommen hier weit über hunderttausend Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen her. Kleinere Unstimmigkeiten gibt es natürlich. Wie bei dem russischen Stein. Das, sagen die Marktfrauen, sei bei der Geschichte des Landes eben „Force Majeure“, auf deutsch: Höhere Gewalt. Das Motto des Kulturhauptstadtjahrs. Allerdings erinnert es auch an die kulturelle Kluft im Land – die erst durch „höhere Gewalten“ entstand und bis jetzt nicht überwunden werden konnte.

Ein Oldenburger in Lettland

Szenewechsel. Oldenburg. Eike Smidt sitzt im Café Extrablatt im ersten Stock und blickt auf die Lange Straße. Ein Regenschauer prasselt auf den Asphalt. Der 22-Jährige ist nachdenklich. Die Situation in der Ukraine hatte er zunächst nicht mit der in Lettland in Verbindung gebracht. Doch als die Medien über die Sorgen der Balten berichteten, die Krim-Krise könnte sich ausdehnen, ihnen ihre noch junge Unabhängigkeit wieder nehmen, da stieg auch in Eike Smidt die Angst hoch. 

„Die lettische Kultur ist so wundervoll, so einzigartig und doch so vielfältig, dass man sie unbedingt schützen möchte", erklärt Smidt. Ein Jahr hat er in Liepāja, einer Hafenstadt im Westen des Landes, gelebt und im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes in einer Diakonie gearbeitet. Dort hat er Lettisch gelernt, hat seine Kultur Jugendlichen und Senioren näher gebracht und im Gegenzug von ihnen Einblick in die ihre erhalten. Seine Erlebnisse und Erfahrungen hat er in einem Online-Tagebuch zusammengefasst.

Eike Smidt in Lettland.
von timo.ebbers

„Der Graben zwischen Letten und der russischen Minderheit ist tief", erzählt Eike Smidt. Die Probleme haben zu lange Wurzeln, sind zu vielschichtig: Die einen knabbern noch an ihrem UdSSR-Trauma, die anderen an dem Gefühl, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. 

"Lettland: Die russische Minderheit", ARD-Bericht

Gerade in der älteren Generation ab 40 fühle man sich noch stark verbunden mit Russland, bleibe man lieber unter sich. Und leider bekommt man auch selbst schnell eine Hab-Acht-Stellung, wenn man auf Russen trifft", sagt der junge Oldenburger. Denn Zwischenfälle gebe es im Alltag genug.

So wie den in einem russisch geführten Supermarkt in Smidts Nachbarschaft in Liepāja. „Ich bin dort oft einkaufen gegangen“, sagt er. „Einmal redete die Kassiererin plötzlich auf Russisch auf mich ein. Ich verstand sie nicht und fragte nach: zunächst auf Englisch, dann auf Lettisch. Da winkte sie genervt ab. Ein Wachmann erklärte mir schließlich, was sie wollte: meinen Personalausweis. Warum, weiß ich bis heute nicht.

Abends das selbe Trennungs-Spiel:
In Liepāja gibt es Discos, wo nur Russen und wo nur Letten hingehen. Zwar vermischt sich das vereinzelt manchmal auch, aber es ist schon ziemlich klar aufgeteilt, wer wo feiert."

Eine schwierige Situation, in der das Kulturhauptstadtjahr bestimmt ein Schritt in die richtige Richtung sei, sagt Eike Smidt. Allerdings ein sehr kleiner. Die Idee von 'einer Kultur für alle' ist gut bleibt aber die Frage: welche?" Auf der Krim-Halbinsel sei das ja nun offensichtlich enschieden.

Optionen

Kommentare
Klänge
Blog übersetzen
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform