Gründerszene im Nordwesten: Vom Glück selbstständig zu sein

Gründerszene im Nordwesten: Vom Glück selbstständig zu sein Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Handarbeit ist "in": Magazine drucken Strickmuster und Bastelanleitungen, in kleinen Dörfern und großen Städten gründen sich Nähtreffs und Häkelclubs. Mit ihrem Geschäft "Amorie" springt Sabrina Hoppmann auf diesen Trend auf . Der vierte Teil unserer Serie zeigt, dass Existenzgründung nicht nur Job, Arbeit und Berufung sein kann, sondern auch Lebenskonzept.

von Inga Wolter

 

Amorie: Vom Glück, selbstständig zu sein


Sabrina Hoppmann ist ihre eigene Chefin. Sie machte aus ihrem Anti-Stress-Hobby ein farbenfrohes Geschäft.
von inga.wolter

Sabrina Hoppmann hat Wirtschafts- und Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Unternehmensführung studiert. Die 31-Jährige könnte in einem großen Konzern arbeiten, vielleicht Chefin sein. Will sie aber nicht. Zumindest erstmal nicht. "Ich bin meine eigene Chefin", sagt sie und strahlt.

Alles begann vor anderthalb Jahren - mitten im Prüfungsstress - mit einer Nähmaschine, die ihr ein lieber Mensch schenkte. Ein Geschenk, das manche Frauen in den Wahnsinn treiben würde, war für Sabrina das "Schlüsselerlebnis". Sie hatte sich die Nähmaschine gewünscht, ahnte aber nicht, was sich aus diesem Hobby entwickeln würde. Angefangen mit einer Kissenhülle, nähte sie sich den Prüfungsstress von der Seele. "Ich muss immer produktiv sein", sagt sie. "Ich kann mich nicht hinsetzen und nur ein Buch lesen."


Amorie-Gründerin Sabrina Hoppmann verkauft ihre Näharbeiten an ihrem Stand auf dem Oldenburger Wochenmarkt. Auch beim Hafenfest war sie dabei. Fotos: privat
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Zu 99 Prozent verarbeitet Sabrina Stoffe aus Oldenburg.
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Mit einem Kissenbezug begann Sabrinas Näh-Leidenschaft.
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Es folgten viele weitere Produkte wie Schlüsselanhänger und Portemonnaies.
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Vor allem Frauen, so erzählt Sabrina, interessieren sich für ihre Produkte.
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Bunte Stoffe, lustige Symbole: Sabrina hofft, mit Amorie die Handarbeitswelle zu überstehen.
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Sie war im "Flow". Das hätten auch ihre Freunde bemerkt - an den Bergen von Taschen, Decken und Tüchern. Sie rieten Sabrina, die farbenfrohen Näharbeiten zu verkaufen - auch, um neuen Platz zu schaffen.

Nach einiger Zeit merkte Sabrina, dass ihre Sachen gut ankamen und dass auch noch "etwas für sie übrig blieb". Sie machte erste Gewinne. Traditionell, fast schon altmodisch startete sie unter dem Namen Mutschi und Putschi ihr Geschäft: Sie verkaufte an einem Stand auf dem Oldenburger Wochenmarkt ihre Arbeiten. Bis heute steht sie bei gutem Wetter dreimal in der Woche dort auf dem Pferdemarkt. "Auf einen Marktstand kommt man erst nicht", meint Sabrina. "Aber man darf sich selbst nicht im Wege stehen." Auf sich allein gestellt, fand sie heraus, dass sie für ihren Stand eine Reisegewerbekarte brauchte. Auch schlug sie sich durch einen Haufen Papierkram. Das koste Zeit, sie habe bei Behörden oft lange gewartet. Ihr Studium habe ihr aber bei vielen Dingen geholfen, sagt sie. "Ich habe es in mir drin", sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. "Ich weiß zum Beispiel, wie man Rechnungen schreibt." Auch konzipierte sie ihre Homepage selbst.

Amorie - Handmade in Oldenburg

"Für die ersten Näharbeiten habe ich Klamotten der kleinen Schwester zerschnitten", erzählt Sabrina. Als sie ihr Hobby nach und nach zum Geschäft machte, brauchte sie mehr Material und musste sich auf die Suche nach einem Stoffhandel machen. "Zu 99 Prozent beziehe ich mein Material aus Oldenburg", sagt die Unternehmerin. Auch betreibt sie Oldenburger Upcycling: Schlüsselanhänger fertigt sie etwa aus alten Fahrradschläuchen, die vorher durch die Stadt gefahren sind.

Schließlich musste noch ein neuer Name her. "Mutschi und Putschi klang zu verniedlichend", fand Sabrina. Sie wollte sich auf jeden Fall auf Oldenburg beziehen. Und so strickte sie beim Brainstorming "Amorie - Handmade in Oldenburg". Damit wolle sie auf die Liebe, mit der sie ihre Produkte fertige, und die Regionalität hinweisen.

So habe sich alles ergeben, ohne Businessplan, ohne Startkapital, ohne Lagerhalle. Die Standmiete auf dem Oldenburger Wochenmarkt sei günstig. Da Sabrina nebenbei EDV-Kurse gab, war sie nicht nur auf Amorie angewiesen.


Gloria Sophie Wille - Häkeln als Lifestyle
von NWZplay via YouTube

Das Risiko war also klein. Dass es jetzt rundlaufe, führt sie vor allem auf ihr "reisendes Gewerbe" zurück. Sie versuche, auf möglichst vielen Märkten dabei zu sein. "Der Verkauf auf Märkten hat absolute Priorität für mich", sagt sie. Mittlerweile gibt es fünf weitere Amorie-Verkaufsstellen in der Stadt. Einen Onlineshop, integriert in das Dawanda-Shopsystem, plane sie aber trotzdem. Ihr Traum: weitere Verkaufsstellen.

"Mitarbeiter muss ich aber noch nicht einstellen", sagt sie. Das liege in weiter Ferne. Sabrina hofft, mit Amorie die Do-It-Yourself-Welle zu überstehen. "Aber bei mir kaufen viele, die damit nichts am Hut haben." Vor allem Frauen jedes Alters. Sabrinas Tipp für andere Existenzgründer: "Mut haben, sich Dinge trauen und gegen den Strom schwimmen!" Und wenn mal etwas nicht klappe: Wieder aufstehen.

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