Gründerszene im Nordwesten: Oma-Design aus Oldenburg

Gründerszene im Nordwesten: Oma-Design aus Oldenburg Live


Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

O.ma-Design – was ist denn das?, fragte sich unsere Redakteurin Inga Wolter, als sie die E-Mail eines Oldenburger Produktdesigners und Existenzgründers bekam. Sofort hatte sie Blümchentapeten, alte Sessel und feines Teeservice vor Augen. Das alles kann sicher auch seinen Charme haben, ist aber kaum einem 29-Jährigen zuzutrauen, der Ole Marten heißt, strubbelige Haare hat, sich als „Universal-Dilettanten“ bezeichnet und so philosophische Sätze sagt wie: „Der Kunde kriegt bei mir nicht unbedingt, was er denkt, was er will.“ Aber dazu später.

von Inga Wolter

Klingt nostalgisch, ist aber nicht so: O.ma-Design aus Oldenburg

Ole Marten macht ein Päuschen in einem selbst kreiierten Sessel. Links auf dem Boden: ein Bücherständer, auch von Ole entworfen.
von inga.wolter

„Design ist an sich schon eine brotlose Kunst“, meint Ole, bei Kaffee und Wasser auf seinem Balkon in der Oldenburger Innenstadt. „Aber sich als Designer selbstständig zu machen und dazu noch mit Einzelstücken – das ist eigentlich verboten.“ Zu riskant. Ole wagte es trotzdem, erst in seinem Studienort Berlin mit einem Kumpel, dann in der Heimat Oldenburg, fast auf sich allein gestellt.

Nach Oldenburg kam er  zurück, weil die Design-Szene hier nicht gerade überfüllt ist. „In Berlin muss man richtig was reißen, um überhaupt gesehen zu werden“, weiß Ole. In Oldenburg hingegen funktioniere die Mund-zu-Mund-Propaganda noch gut. „Ich habe gar keine Werbung geschaltet. Die beste Werbung sind die Leute.“ Kämpfen musste Ole trotzdem.

2011 machte er sich selbstständig, 2012 ging es richtig los mit O.ma-Design. Er startete ohne Kredit und Businessplan. „Im Studium hatte ich mir einen kleinen Puffer angelegt und mir schon einige Maschinen angeschafft“, erzählt er. Auch die Familie habe ihn finanziell unterstützt. Und die Freundin hatte schon ihr festes Einkommen. Dennoch wundert Ole sich heute noch immer, wie er es geschafft hat.

Bei vielen Sachen hattte ich Angst, etwas falsch zu machen. Heute sag ich mir: Alter, ruf einfach beim Finanzamt an und frag nach!

„Am Anfang habe ich jeden Auftrag angenommen, der kam“, sagt er. „Ich habe mich zwar rechts und links beworben, aber sonst nichts Anderes gemacht als O.ma-Design.“ Und die Aufträge kamen, kleckerweise, aber beständig. Erst durch Freunde und Verwandte, dann auch von Fremden. Als freischaffender Designer sei er günstig in die Künstlersozialkasse aufgenommen worden. Ansonsten habe er sich durchgeschlagen. "Häufig bei Mutti gegessen", sagt er und lacht.

An der ersten Rechnung, die er für ein abgeliefertes Produkt schrieb, saß er einen Tag lang. „Bei vielen Sachen hatte ich Angst, was falsch zu machen“, erinnert er sich. „Heute sag ich mir: Alter, ruf einfach beim Finanzamt an und frag nach!“ Ole durchlebte öfter Momente der Verzweiflung: „Einmal ist bei einem Projekt der Lackierer abgesprungen und ich musste alles selbst machen. Da bin ich ausgeflippt.

Hauptsache Holz: Ole Marten produziert seine Möbel, wie er sagt, so ökologisch verträglich und nachhaltig wie möglich. Foto: privat
von inga.wolter

Aber der Willen, etwas Neues, Einzigartiges zu schaffen, siegte. Seine Möbel sind aus Holz und wenn sie überhaupt Nägel oder Schrauben haben, sind die gut versteckt. Denn das war seine Anfangsidee: Möbel zu schaffen, möglichst ohne Werkzeug. Er entwirft Einzelstücke, hört sich vorher genau an, was die Kunden wollen – oder macht sich auf die Suche nach ihren Bedürfnissen oder Wünschen. Dazu müsse er sich anschauen, wie die Kunden leben und wohnen.

Ein Beispiel: Ein Mann wollte einen neuen Schreibtisch haben. An seinem alten konnte er nicht gut sitzen. Als Ole ihn zu Hause besuchte, sagte er, dass er früher immer im Stehen gearbeitet habe. „So bekam er ein Stehpult“, berichtet Ole. Ein O.ma-Design-Schreibtisch kostet „natürlich mehr als ein Schreibtisch bei Ikea“. Zu genauen Preisen kann und will Ole sich nicht äußern, weil eben jedes Stück ein Einzelstück ist. Aber er habe auch schon genauso für Architekturbüros wie für kleinere Firmen und sogar Studenten gearbeitet.

Klare, eckige Formen: eine Garderobe in vier Ausführungen, entworfen von Ole Marten.
von inga.wolter
Die O.ma-Design-Möbel sind oft multifunktional und können mit der Zeit an die Bedürfnisse ihrer Besitzer angepasst werden.
von inga.wolter
 So kann ein Hocker aussehen - ein Entwurf von Ole Marten.
von inga.wolter
Anders als viele andere Tische: ein O.ma-Design-Tisch.
von inga.wolter
 
 

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 „Die Sachen halten ja länger als die einiger Möbelhaus-Ketten“, meint er. Außerdem betreffe die Nachhaltigkeit auch die Funktion seiner Möbel. Einer Kundin habe er mal einen Kleiderschrank für ihren kleinen Sohn entworfen. Ich könnte jetzt einen netten, kleinen Kinderschrank bauen, habe er sich gedacht. Aber der wird nicht lange halten. Darum konstruierte er den Schrank so, dass der Junge ihn als Jugendlicher oder Erwachsener zum Beispiel zu einem TV-Tisch neu zusammensetzen kann.

In diesen Ideen liegt für Ole der Antrieb seiner Arbeit: „Ich versuche mich vom  aktuellen Design fernzuhalten. Ich habe auch keine Design-Zeitschriften abonniert. Ich finde, es macht erst Sinn was Neues zu machen, wenn ein Problem auftaucht.“ Er will Lösungen finden, neue Strukturen schaffen. Er entwirft die Möbel, lässt die Bestandteile – Holzteile, Glasplatten – vorproduzieren und baut sie in seinem Büro zusammen.

Homepage von O.ma-Design

Seit diesem Jahr kann Ole von O.ma-Design leben. Er schaut sich zurzeit nach einer Ateliergemeinschaft um. Das wäre sein Traum: ein Kollege, der etwas Ähnliches macht, aber nicht das Gleiche, mit dem er einige Projekte zusammen umsetzen und sich bei den anderen austauschen kann. „Ab und zu ist es als Selbstständiger schon ein wenig einsam“, meint Ole. „Auch wäre es manchmal besser, Entwürfe gemeinsam zu besprechen und den Kunden zu verkaufen.


Nicht verkrampfen! Wenn man Angst hat, wird es schwierig. Du musst aus dir selbst heraus arbeiten, musst Spaß daran haben.

Sein heißer Tipp für junge Gründer: „Nicht verkrampfen! Wenn man Angst hat, wird es schwierig. Du musst aus dir selbst heraus arbeiten, musst Spaß daran haben.“ Dass er sich seine Lockerheit bewahrt hat, bewies er beim NWZ-Balkongespräch: „Also kann ich bei dir auch einen Stuhl für 20 Euro bestellen?“, fragte Inga Wolter. Ole lachte. „Nein, dafür lohnt sich der Bau nicht! Aber du kriegst nen Zettel, wie es geht, wie du dir selbst günstig einen Stuhl bauen kannst.“ Na dann mal  her mit der Anleitung!

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