Gründerszene im Nordwesten: Sein Job sind Start-ups

Gründerszene im Nordwesten: Sein Job sind Start-ups Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Dr. Christian Horneber
von Inga

Dr. Christian Horneber ist Beteiligungsmanager der NWZ. Sein Job ist es, neue Online-Start-ups zu bewerten und das bestehende Portfolio zu managen. An 13 jungen Unternehmen ist die NWZ über NWZ Digital bisher schon beteiligt. Weitere sind geplant. Horneber (37) plauderte mit Online-Redakteurin Inga Wolter bei einem Kaffee über seine Arbeit. Dabei erfuhr sie – ganz nebenbei – so einiges über die Oldenburger Gründerszene, die dunkle Seite der Kreativität und den Überraschungseffekt beim Besuch von Berliner Hinterhof-Start-ups.



Christian, was war das erste Unternehmen, an dem sich die NWZ beteiligt hat?

Das war im Jahr 2007 Fischkopf, die bekannte Singlebörse für den Norden. Fischkopf veranstaltet auch die entsprechenden Single-Partys und bringt demnächst übrigens eine spannende neue App heraus.


Warum investieren wir von der NWZ in Start-ups? Das kann doch ziemlich risikoreich sein.

Wir bekommen durch sie frische Ideen und technologisches Know-how von außen. Und wir können auch bei Agilität und Schnelligkeit viel von Start-ups lernen. Viele Verlage wie auch wir haben erkannt, wie dringend notwendig die Transformation des Geschäftsmodells eines Verlages in die digitale Welt ist. Natürlich ohne das Alte sofort aufzugeben. Die Strategie, sich als Verlag systematisch an Online-Start-ups zu beteiligen, kann ein essentiell wichtiger Baustein in diesem Prozess sein.


Die NWZ Digital Beteiligungsgesellschaft ist in erster Linie ein strategischer Investor. Was heißt das?

Wir nutzen vor allem Synergien, tauschen unsere Erfahrungen langfristig aus. Bei strategischen Investments geht es üblicherweise um die Verbindung des Investitionsgutes mit dem eigenen Geschäft. Ein gutes Beispiel dafür ist VRS Media aus Bremen, ein Portal für Online-Traueranzeigen, an dem wir seit einigen Jahren beteiligt sind. Das Unternehmen bietet diese Plattform für Verlage in ganz Deutschland an. VRS hat mittlerweile auch positive Themen wie Heirat und Geburt ins Programm genommen. Klar schauen wir auch sehr tief in die Zahlen, aber wir bewerten weiterhin den Nutzen, der für beide Seiten aus Synergien zwischen Medienhaus und Start-up entstehen kann.


Es geht auch ums Geld.

Ja, am Anfang des Investmentprozesses stehen der Verständnisaufbau für das spezifische Geschäftsmodell und den Markt, die Gründerpersönlichkeiten und letztlich die Vertragsverhandlungen. Das ist unter anderem viel Rechnerei: Wenn wir Summe X hineinstecken, wie viel kommt möglicherweise bei einem Verkauf für uns am Ende dabei heraus? Wir gehen zumeist Minderheitenbeteiligungen zwischen fünf und 15 Prozent des Unternehmenswertes ein. In Einzelfällen sind aber auch andere Beteiligungen möglich.

Die richtigen Gründer können offenes, auch mal knallhartes, Feedback positiv annehmen. Es geht nicht darum, „nur“ gut zu sein, man muss es immer noch ein Stück besser machen wollen. Das Feedback anderer kann eine wertvolle Hilfe dabei sein.

Wie bist du Beteiligungsmanager geworden?

Bevor ich zur NWZ kam, war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter und Gründungscoach an der Uni Oldenburg. Junge Gründer sind mit ihren Ideen zu mir gekommen. „Was hältst du davon?“, war oft die erste Frage. Oder auch: „Wie komme ich an die entsprechenden Fördermittel?“ Dann habe ich sie beispielsweise zur Finanzierung und zur Rechtsform ihres Unternehmens beraten. Meine Doktorarbeit habe ich in dieser Zeit an der Uni übrigens zum Thema „Sind Unternehmensgründer wirklich so kreativ?“ geschrieben.


Und: Wie kreativ sind Unternehmensgründer?

Mit meiner Studie konnte ich zeigen, dass Gründer tatsächlich etwas kreativer sind als der Durchschnitt – allerdings in der Regel nicht auf so hohem Niveau wie ein Steve Jobs. Vor allem müssen sie auch eine Menge Energie haben und Dinge umsetzen können. Kreativität wird ja oft ausschließlich als etwas Gutes dargestellt. Das stimmt aber nur bedingt. Klar musst du kreativ sein, aber du darfst deine einmal gefassten und durchdachten Pläne nicht immer wieder in zu kurzen Abständen verändern. Wenn du jeden Tag fünf neue Ideen hast und dabei das operative Geschäft vernachlässigst, bringt dir das vermutlich geschäftlich gar nichts. Außerdem, was viele nicht wissen: Kreativität hat auch eine dunkle Seite. Ich denke da an diverse interessante Studien zum Zusammenhang zwischen sehr hoher Kreativität und bipolaren Störungen wie Manie oder Hypomanie. Oft wird das anhand der Lebensläufe bekannter Künstler wie Robert Schumann und Ernest Hemingway erforscht. Aber ich schweife ab...


Ein wenig.

Viele Gründungen sind Teamgründungen. Das liegt auch daran, dass die Partner sich idealerweise ergänzen sollten. Einer hat seine Stärken vielleicht in der Ideengenerierung oder Technik, der andere in der Ideenumsetzung oder dem Kaufmännischen. Je reifer die Gründung aber wird, desto weniger Raum gibt es für brandneue, vom aktuell bearbeiteten Projekt unabhängige Ideen. Gerade am Anfang ist es aber wichtig, dass man sie sammelt, erinnert und bewertet. Sonst verwässern sie.


Wenn man von einem Projekt wirklich überzeugt ist, dann muss man der Idee auch Zeit geben zu reifen und ihre Wirkung zu entfalten.

Wie erkennst du, dass eine Idee gut ist?

Gute Ideen gibt es erfreulicherweise viele! Sie landen täglich auf meinem Tisch, und das macht meinen Job so großartig. Auch andere Investoren geben mir Tipps, die Community ist extrem eng vernetzt. Ehrlich gesagt gibt es aber vermutlich viel mehr Ideen als es Personen gibt, die diese auch umzusetzen wissen. Ich schaue mir die Start-ups an und analysiere, ob es sich lohnt, in sie zu investieren.

 

Woran machst du das fest?

In einem ersten Schritt am Kaufmännischen: Gibt es einen hinreichend großen Markt für das Angebot? Das ist nicht immer einfach zu bewerten, da es bei neuen Produkten nicht immer belastbare Zahlen gibt. Weil es bei uns um Online-Start-ups geht, schaue ich mir auch die technische Umsetzung an: Planen sie eine Website oder ein mobiles Angebot? Wollen sie es im Abo oder als Freemium-Modell anbieten? Wie wird es programmiert? Ich bin zwar kein Programmierer, aber immerhin habe ich als ehemaliger Tontechniker einen gewissen Technologiehintergrund. Ein bisschen erkenne ich schon, ob etwas Hand und Fuß hat. Die technische Tiefenprüfung erledigen im weiteren Prozess dann ausgewiesene Profis für uns, genauso wie die rechtlichen Prüfungen. Am wichtigsten aber sind letztendlich die Persönlichkeiten. Wie ticken sie? Warum machen sie das? Wenn sie ausschließlich auf das schnelle Geld aus sind, haben sie oft die falschen Ambitionen. Wenn sie darüber hinaus aber eine echt gute Vision davon haben, wie sie Bedürfnissen von Menschen oder gar von ganzen Gesellschaften auf neue Weise mit Produkten oder Services begegnen können, wird’s schon spannender.


Was ist ein sicheres Zeichen dafür, dass eine Unternehmensgründung nicht klappen kann?

Manchmal will in einem Team jeder einzelne Gründer in eine andere Richtung. Der eine will vielleicht organisch wachsen, der andere will sich schnell mit zusätzlichem Kapital von außen weiterentwickeln. Solche grundsätzlichen Differenzen können auf Dauer nicht lange funktionieren. Viele machen auch den Fehler, sich am Ende des Studiums als Best Buddies zusammenzuschließen. Daran ist erstmal gar nichts Verkehrtes, im Gegenteil! Aber wenn in einem Zweierteam jeder mit genau 50 Prozent beteiligt ist, kommt es in der Folge bei besonders wichtigen Entscheidungen vielleicht zu einem Patt. Der eine sagt Hü, der andere dann Hott. Oft passiert dann aber leider gar nichts.

 

Du kommst ziemlich viel rum, oder?

Ja, meistens bin ich einmal pro Woche in Hamburg und/oder Berlin. In Berlin geht man oft durch zwei, drei Hinterhöfe, bis man zum Unternehmen kommt. Dann geht’s weiter in den vierten Stock und jemand öffnet mir die Tür: „Ach, du bist doch der Typ von der NWZ“, heißt es dann. Der Ton und die Unternehmenskultur in Start-ups sind in der Regel echt locker und sympathisch. Der Konfi ist dann in einem Flügel des Hauses, meistens steht dort ein Kicker. Klingt nach Klischee, ist aber echt oft so. Nach ein paar Stunden kann man dann bei einem abschließenden Rundgang manchmal auch feststellen: Hey, denen gehören ja wirklich schon alle vier Hausflügel und dort arbeiten über 100 Leute!


Du schaust dir Start-ups an. Was machst du sonst noch so?

(lacht) Jede Menge. Wenn wir ein Unternehmen unterstützen, haben wir mindestens einmal im Jahr eine Gesellschafterversammlung. Wir beraten sie auch strategisch. Da kann ich meine Erfahrungen als Gründungscoach einbringen, dann aber in der neuen Funktion als Beteiligungsmanager oder eben Beirat! Ich helfe ihnen zum Beispiel, neues Personal oder Räume zu finden und vermittle ihnen Kontakte. Einmal im Monat schaue ich mir die Zahlen an, alle paar Monate schreiben wir den Businessplan fort. Wir beraten uns, wer noch in sie investieren könnte. Manchmal reichen aber auch schon ein doppeltes Daumenhoch und ein Schulterklopfen.

Wer erfolgreich sein will, muss auch mal die Regeln brechen. Die Guten haben ein Bewusstsein, wie weit sie gehen können. Und sie wissen, wann es Zeit ist, die generierten Ideen umzusetzen und die Ärmel hochzukrempeln.

Welche Firmengründungen wünschst du dir ganz persönlich?

So ein Frühstücksservice wäre wirklich cool! Ansonsten liegen mir Ideen am Herzen, die Technik und Nachhaltigkeit verbinden. Absolut unterstützenswert finde ich Projekte wie Phonebloks. Ziel des Projektes ist es, länger haltbare und leicht zu reparierende Elektronikgeräte zu produzieren und so den Elektro-Müll zu verringern. Das ist zwar bisher nur eine Designstudie, aber die sollte unbedingt mal umgesetzt werden.


Phonebloks
von Dave Hakkens via YouTube

Nachhaltigkeit wird in Oldenburg groß geschrieben. Bisher hat fast jeder Gründer sie thematisiert und als eines seiner Ziele genannt. Wie kommt das? Sind nachhaltige Produkte nicht viel teurer?

Da ich vorher dort gearbeitet habe, weiß ich, dass die Uni Oldenburg mit eigenen Studiengängen zur Nachhaltigkeit dort einen gewissen Schwerpunkt gesetzt hat. Die Auffassung darüber, ob nachhaltige Produkte zu teuer sind, hängt oftmals aber auch an Fragen der Kalkulation und der Perspektive. Windkraft scheint zum Beispiel auch erst einmal teuer zu sein. Aber die Umweltschäden, die man langfristig durch Atomkraft verursachen kann, können viel mehr Geld kosten bzw. sind gar nicht mehr in Geld zu messen. Und: man muss auch nicht immer ans Geld denken, es gibt in Oldenburg so viele klasse Projekte wie zum Beispiel das Oldenburger Computer-Museum. Dort kann man Heimcomputer, Arcade-Automaten, Spielkonsolen und Flipper der 1970er- und 80er-Jahre nicht nur ansehen, sondern auch ausprobieren. Das ist dann vielleicht auch ein bisschen der Spielplatz für aktuelle und zukünftige IT-Gründer.


Wie siehst du die Oldenburger Gründerszene ansonsten?

Oldenburg ist kein Haifischbecken, sondern eine sehr sympathische und agile Goldfischpfütze. Gründer können sich hier wirklich nicht beschweren. Sie bekommen eine Menge Unterstützung. Es gibt genug Möglichkeiten, den Leuten ein Loch in den Bauch zu fragen oder auch andere Gründer kennenzulernen. Der Nachteil bei aller Bodenständigkeit ist vielleicht, dass manche im Vergleich zur Hauptstadt das unglaubliche Tempo der Start-up-Welt unterschätzen und so gegenüber dem Wettbewerb ins Hintertreffen kommen.

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