Philippe Mora oder der Mann, der Dracula tanzen ließ

Philippe Mora oder der Mann, der Dracula tanzen ließ Live

Er scheut weder Trash noch Nazigrößen, hat Dennis Hopper in den australischen Busch gelockt und in Cannes für Tumulte gesorgt. Jetzt ist Regisseur Philippe Mora einfach ein zauberhafter Gast beim 21. Oldenburger Filmfestival. Ob spät nachts am Tresen im Cine K mit Oldenburger Kinofans oder im Interview mit NWZonline: Philippe Mora - 65 Jahre alt, dunkles Jackett, schlau blickende Augen - genießt den Rückblick auf seine erstaunliche Karriere. 

von Timo Ebbers


Regisseur Philippe Mora, Foto: Filmfest Oldenburg
von timo.ebbers



Dra
culas Hüftschwung


Mister Mora, eines vorweg: Als Kind habe ich Ihren Film The Return of Captain Invincible aus dem Jahr 1983 gesehen - und geliebt! Wie schön, nun endlich den Mann zu treffen, der Dracula singen und tanzen ließ!

Oh, vielen Dank! Wir wussten, dass wir mit einem Bild brechen, indem wir Christopher Lee in „The Return of Captain Invincible“ eine Musicalszene spielen lassen.
Er hat einen wunderbaren Sinn für Humor. Und er singt sehr gern. Er sagt, es gebe nichts Schlimmeres, als neben ihm im Flugzeug erster Klasse über den Atlantik zu fliegen. Dann singe er nämlich Wagner, den ganzen Ring des Nibelungen. 

Es gibt Filme, die mit ihrem Humor altern und irgendwann peinlich werden. Captain Invincible ist zwar ganz schön abgefahren, aber überhaupt nicht gealtert. Woran liegt das?

It's a happy movie - einfach ein fröhlicher Film! Das ist heute selten, irgendwie sind alle Filme so trist geworden, oder? Ich habe The Return of Captain Invincible viele Jahre nicht gesehen, erst jetzt wieder in Oldenburg. Und ich dachte: Hey, das ist doch wirklich ein guter Film!

Über Christopher Lee haben wir schon gesprochen. Aber auch Alan Arkin ist perfekt als abgehalfterter Superheld.

Absolut! Dabei wollte ich eigentlich James Coburn für die Rolle. Er hatte damals gerade Derek Flint gedreht und war ein echter all american hero. Aber es gab da eine Sache im Drehbuch, über die er nicht weggekommen ist. Er sagte: Ich würde ja gern mit dir arbeiten, aber warum werde ich von Staubsaugern attackiert? 

Alan Arkin ist mit den Staubsaugern fertig geworden.

Das Wunderbare an Alan Arkin ist diese feine Melancholie. Dieses unsichere Lächeln, die etwas hängenden Schultern. Das ist sehr subtil. Es war für Hollywood völlig neu, dass ein Superheld diese Probleme hat. In dieser Hinsicht hatte The Return of Captain Invincible großen Einfluss auf das Genre, heute haben sie ja alle Probleme. Hancock ist eine Kopie, fast Szene für Szene. Und Batman - der hat doch wirklich ein Problem!

Captain Invincible - Trailer
von zimperliese via YouTube


Nachgehakt bei Christophers Lees Vorliebe für Wagner-Opern, denn die geben eine schöne Überleitung her:
Philippe Mora interessiert sich nämlich brennend für deutsche Geschichte, insbesondere für die Nazi-Ideologie. Erklären Sie uns das, Mister Mora?


Mein Vater war Deutscher – und ein Jude.
Also die schlimmste Mischung, wie Hitler meinte. Und da ich als Kind in Australien aufgewachsen bin, habe ich mich immer über den komischen Akzent meines Vaters gewundert. 

Ich wuchs auf mit der Frage: Was ist passiert. Ich glaube, jeder möchte wissen, wo er herkommt. Speziell in Australien. Ich meine, da sprangen Kängurus herum! Also, ich möchte nicht sagen, ich bin besessen von der Geschichte des Nationalsozialismus. Ich habe mich nur sehr für meine Herkunft interessiert.


Philippe Mora ist auch in den vergangenen Jahren auf Spurensuche gegangen, etwa für seinen Dokumentarfilm "German Sons".
von harddrivepictures via YouTube


Was für eine bizarre Geschichte, die Mora nun zu diesem Thema erzählt!

Als ich 21 alt war, klopfte ich an die Tür von Albert Speer in Heidelberg.
Ich drehte gerade eine Dokumentation und hatte einen Termin. Er war 20 Jahre in Spandau inhaftiert gewesen, wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern. Wie auch immer, ich klopfte an seine Tür und er öffnete. Er hatte einen Bernhardiner mit einem Fässchen am Hals, das perfekte Klischee, die Banalität des Bösen, wie Hannah Arendt sagt. Und das erste, was Albert Speer sagte, war: Sind Sie Jude? Ich habe es nicht übel genommen und sagte: Ja, natürlich!

Wir haben uns sehr gut unterhalten und den ganzen Tag miteinander verbracht, er lud mich zum Mittagessen ein. Das Ding war: Ich war so jung, das hatte nichts Bedrohliches für ihn. Deshalb hat er mir ziemlich ehrlich geantwortet, glaube ich.

Ich habe Albert Speer gefragt, was er tun würde, wenn Hitler nun zur Tür hereinkäme. Und Speer sagte, diese Antwort hätte ihn bei den Prozessen in Nürnberg an den Galgen gebracht. Wie gesagt, er konnte das sagen, weil ich ja nur dieser Junge mit komischem Akzent aus Australien war. Er sagte, wenn Hitler nun zur Tür hereinkäme, wäre er gezwungen zu tun, was Hitler ihm auftrage. So stark sei die Kraft seiner Persönlichkeit gewesen.

Nachdem ich also den Tag mit Speer verbracht hatte, habe ich meinen Vater angerufen. Er war ja Deutscher und hatte in der französischen Résistance gekämpft. Ich sagte: „Dad, unglaublich! Ich konnte einen ganzen Tag mit Albert Speer verbringen!“ Stille am anderen Ende der Leitung, viel zu lange Stille. Dann sagte mein Vater: „Hast du ihn umgebracht?“ Ich dachte nur: Oh Gott, was habe ich getan?! Wenn du das selbst durchlebt hast, möchtest du damit nichts mehr zu tun haben. Aber ich bin eben die nächste Generation.


Hitlers Idyll

Und dafür schlägt sich der Hochkultur-Adel? Franzosen gar, beim Filmfest in Cannes? Adolf Hitler spielt sich selbst in der Rolle des etwas steifen Onkels. Es glitzern Bach und Berggipfel, Badenixe Eva Braun räkelt sich in die Brücke. Das Guido-Knopp-Universum spuckt solche Bilder täglich auf alle Sender. Doch 1973 hat Philippe Mora beim renomiertesten Filmfest der Welt damit einen Skandal ausgelöst.


Swastika - Montagefilmklassiker von Philippe Mora - DVD-Trailer
von absolutMEDIENBerlin via YouTube


Zu „Swastika“ muss ich eines sagen: Als ich den Film gemacht habe, bin ich davon ausgegangen, dass jeder die Geschichte kennt. Hitler war eine Tragödie für die Menschheit! Da gibt es doch nichts zu diskutieren. Als die Tumulte bei der Aufführung in Cannes 1973 losgingen, dachte ich nur: Hat hier irgendjemand mal ein Buch gelesen?

Ich wollte schon gar nicht mehr zur Pressekonferenz gehen und dachte nur: Das war’s, meine Karriere ist vorbei. Aber dann legt mir einer die Hand auf die Schulter und meint nur: „Ein Skandal, c’est formidable!“

Vielleicht wäre der Film weniger kontrovers gewesen, wenn ein Sprecher die Originalaufnahmen  eingeordnet hätte. Warum haben Sie darauf verzichtet?

Es gibt zwei Gründe.
Ich wollte die Zuschauer in die Lage eines Bürgers im Dritten Reich versetzen. Die Nationalsozialisten haben alle Medien für Propaganda genutzt, Radio, Fernsehen, Theater. Und es ist einfach so, dass ich Dokus nie leiden konnte, die  vorgeben, was die Zuschauer zu denken haben.



Viktorias Hölle


Dennis Hopper ist ein harter Brocken, sagt man.
Den Outlaw des US-Kinos, paradigmatisch im so überschätzten wie unantastbaren 
Born to be Wild, hat Philippe Mora 1977 als Mad Dog Morgan in den australischen Busch gebeamt. Ist das der beste australische Film seiner Zeit, wie manche glauben? Zimperlich geht es jedenfalls nicht zu. Die Kolonialherren des britischen Empire wüten im Namen Königin Victorias voller Sadismus, Rassenhass und Standesdünkel. 

Mad Dog Morgan Tromasterpiece Trailer
von troma via YouTube

Ihr  größtes Abenteuer war vielleicht, Ihren Film „Mad Dog Morgan“ mit Dennis Hopper in der australischen Wildnis zu drehen. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich hatte damals keine Ahnung, wer Dennis Hopper eigentlich ist..
Ich hatte nur Easy Rider" gesehen und einen eher experimentellen Film. Was ich nicht wusste: Dennis stand zu dieser Zeit in Hollywood auf der Schwarzen Liste und durfte dort nicht drehen.

Als ich ihn abholte, stand er da mit einem Gewehr im Anschlag. Großartig, das war mein Mad Dog Morgan! In seinem Truck waren Einschusslöcher, und ich fragte ihn, woher die kommen. Er sagte nur, das waren die Indianer. Er war also wirklich perfekt für die Rolle.

Ich bin nur deshalb zurechtgekommen, weil ich  unerfahren war.
Der trank Rum zum Frühstück und nahm alle Drogen, die die Menschheit kennt. Und ich dachte, okay, er ist ein Hollywoodstar, damit muss ich eben klarkommen.

Einmal dachte ich aber wirklich: Der Kerl wird sterben! Das war’s wieder, meine Karriere ist vorbei.
Ich habe sogar einen Plastikabdruck seines Gesichts anfertigen lassen, damit wir im Notfall wenigstens einige Aufnahmen mit einem Stuntman drehen können. Doch nach den  Dreharbeiten ging es ihm blendend – er war sogar fitter als ich!



Walken like an alien

Vorsicht! Da könnten Aliens lauern! Philippe Mora leistet sich vor der Tür des Cine K in Oldenburg einen Scherz mit den Besuchern der Spätvorstellung. Sein Psychothriller Communion von 1989 mit Christopher Walken erzählt von der Entführung eines Familienvaters durch Außerirdische. Dafür schlagen sich Oldenburger Kinofans nun also die Nacht um die Ohren. You are hardcore, and I like hardcore! zollt Mora dem harten Kern Respekt. Und belohnt sein Publikum bis tief die Nacht mit Anekdoten zu diesem fast vergessenen Geheimtipp.

Communion (1989) - Trailer
von TheSciFiSpot via YouTube


Es war verdammt schwierig, für diesen Film Geld aufzutreiben. Hollywood mag keine Mehrdeutigkeiten. Die Produzenten haben mir gesagt: Mach einen richtigen Horrorfilm daraus und bring die Geschichte zu einem klaren Ende. Aber das konnte ich nicht. Unser Autor Whitley Strieber glaubte ja wirklich, dass ihm diese Geschichte zugestoßen ist!

Ich traf Whitley Strieber in New York. Ich hatte den Film Wolfen gesehen, der auf seinem Roman basiert, und wollte wissen, wie es ihm geht. Er war ziemlich durch den Wind, und ich sagte: Du siehst gestresst aus, was ist los? Er meinte: Du lachst mich aus, wenn ich dir das erzähle! Aber warum sollte ich lachen? Wir waren seit Jahren befreundet! Er erzählte mir, wie er von diesen kleinen blauen Kerlen entführt und für Untersuchungen verwendet wurde. Ich sagte: Was du brauchst, ist ein Psychiater. Und einen Verleger! Das Buch wurde später ein Bestseller auf der Liste für Sachbücher.

Wie war das bei den Dreharbeiten - haben Sie die Geschichte ernst genommen?

Christopher Walken war sehr sarkastisch. Er kannte wirklich viele Autoren in Hollywood und hatte seine eigene Meinung über ihre Geschichten. Wir hatten überhaupt viel Spaß miteinander. Christophers Vater ist Deutscher, wie mein Vater ja auch. Deshalb fing ich an, mit ihm in diesem Akzent zu reden, den wir aus unserer Kindheit kannten. Wi spok leik sis, die halben Dreharbeiten über!

Christopher Walken ist dabei so unglaublich gut in seiner Rolle!

Whitley Strieber ist ein ziemlich seltsamer Kerl. Christopher interpretiert ihn als einen hippen, sehr smarten Typen. Das macht die Geschichte noch intensiver. Aber ich muss etwas über Lindsay Crouse erzählen, die seine Ehefrau spielt. Sie war damals mit David Mamet verheiratet, dem berühmten Autor. David reichte die Scheidung ein, während unserer Dreharbeiten. Das war schrecklich! Aber Lindsay hat das für ihre Rolle benutzt. In diesen Szenen, in denen sie um ihren Ehemann kämpft, weil er sich von ihr entfernt, dieses Where are you?" - das sind echte Gefühle.

War Communion erfolgreich?

Er hat Geld eingespielt, war aber nicht übermäßig erfolgreich. Doch er hat eine erstaunliche Wirkung gehabt. Ich war mit diesem Film plötzlich interessant für die defense intelligence agency, also den US-Geheimdienst! Sie fragten mich: Ist das wirklich passiert? Und ich sagte nur: Keine Ahnung! Es ist komisch mit den Amerikanern. Sie brauchen einfach immer diese Gewissheit.


Philippe Mora entlässt die Filmfans in die Nacht. Es ließe so viel erzählen über die anderen Werke, den Horrorfilm The Beast Within von 1982 zum Beispiel, oder die Dokumentation The Sound of Spying aus diesem Jahr. Selbst Trashfilme wie Howling III aus dem Jahr 1987 sind immer noch lebendig durch ihren Witz und die pure Freude am cineastischen Fabulieren. Vielen Dank, Philippe Mora, Sie waren ein wundervoller Gast beim 21. Oldenburger Filmfestival!

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