Gründerszene im Nordwesten: Damit der Hund kein Couchpotatoe wird

Gründerszene im Nordwesten: Damit der Hund kein Couchpotatoe wird Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

von Inga Wolter

Kreative Arbeit mit Kalle, Woody und Ghandi


Eike Adlers Hund Woody steht auch schon mal vor der Kamera. Bild: Top Dogs
von Inga
Die Oldenburger Agentur "Top Dogs Media" hat zwölf Mitarbeiter. Neun davon sind Menschen. Drei sind Hunde. Sie heißen Kalle, Woody und Ghandi und haben bei Top Dogs ihr Körbchen, weil ihr Frauchen oder Herrchen dort arbeitet. Videoproduzenten, Community Manager und Suchmaschinenoptimierer verbinden bei Top Dogs ihren Beruf mit ihrer Tier-Leidenschaft: Sie bieten Medien, Marketing und Online-Strategien rund um den Hund an. Zurzeit arbeiten sie an einem neuen Produkt, "My Dog 365", einer App mit Video- und Textanleitungen für Hundebesitzer auf der Suche nach neuen Herausforderungen für ihren Vierbeiner.

"Wir sind Agentur und Start-up in einem", sagt Eike Adler (39), der das Unternehmen mit Maik Thomas 2006 gründete. "Wir haben unsere festen Kunden und Projekte, unser Tagesgeschäft und dabei das Flair eines Start-ups." Eike ist Geschäftsführer von Top Dogs, gelernter Diplom-Toningenieur und Autor von zwei Büchern über Poker-Strategien. Als Videojournalist arbeitete er auch für Sat.1 und RTL und drehte Videos über die Musikszene. "Der Hang zu Videos und Online zog sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit", sagt Eike. Nur seine Bücher - eines heißt "Poker im System" - scheinen nicht so ganz in den Lebenslauf zu passen - denkt man.
Aber: "Meine Bücher habe ich damals im Eigenverlag herausgebracht", erzählt er. "Die Selbstständigkeit ist 2006 in den Hundebereich hinübergeschwappt."

Mydog365 - Videoproduktion der Tagesaufgaben - Behind the Scenes
von MyDog365 via YouTube

Ihren Ursprung hat die App "My Dog 365" in der Top-Dogs-Plattform Hudoba. Dort veröffentlicht die Agentur Tipps und Video-Anleitungen für Hundebesitzer. "Die Leute schauten sich die Beiträge an wie Youtube-Videos", sagt Eike. Mit der App wollen er und seine Kollegen die Informationen häppchenweise und gebündelt an Frauchen und Herrchen in der Region - und gerne irgendwann in alle Welt - bringen. Am Anfang waren sie aber unsicher: Würden die Hundebesitzer die App annehmen? Tierliebhaber und moderne Technik - das ist nicht unbedingt dieselbe Zielgruppe. Vierzehn Tage lang ließen die Entwickler die App deshalb von 100 Hundebesitzern testen und befragten sie ausführlich zu ihren Erfahrungen.

Auch durchforschten sie Online-Foren nach immer wiederkehrenden Hunde-Problemen und kategorisierten sie: Möbel anknabbern, Pflanzen ausbuddeln, fehlende Unterordnung. Diese Probleme seien, so Eike, oft auf einen Nenner zurückzuführen: Unterforderung. Mit der App bekämen die Hunde neue Impulse. "Wir verstehen sie aber auf keinen Fall als Anleitung zur Problemlösung", sagt Eike. Bei schwerwiegenden Problemen - etwa Beziehungsproblemen - empfiehlt das Top-Dogs-Team, zu einem Hundetrainer zu gehen.

Das Top-Dogs-Team mit Geschäftsführer Eike Adler (3.v.l.), Maik Thomas (4.v.l.) und Richard Kolodziej (rechts). Foto: Top Dogs
von Inga

Die App "My Dog 365" stellt jeden Tag eine neue Aufgabe. "80 Prozent der Anleitungen sind Videos", sagt Richard Kolodziej, der bei Top Dogs für Social Media Marketing verantwortlich ist. "Aber es gibt auch mal was anderes. Wir fordern Frauchen und Herrchen auf, mit ihrem Hund mal an einen Ort zu gehen, an dem sie lange nicht mehr waren." Denn Abwechslung sei nun mal auch in einem Hundeleben und für die Beziehung zwischen Mensch und Tier überaus wichtig. Neben den Tagesaufgaben können die Hundebesitzer Workshops über die App buchen. Darin kann es um Tricks gehen, die man seinem Hund Schritt für Schritt beibringt. Oder man trainiert die Leinenführigkeit per App.

MyDog365 - Tagesaufgabe (Beispiel): "Flaschendrehen"
von MyDog365 via YouTube

Mit den Workshops will das Top-Dogs-Team Geld in die Kasse spülen. Das Herunterladen der App und die Tagesaufgaben sind kostenlos. Wer sein Tier in Workshops trainieren will, braucht jedoch eine Premium-Mitgliedschaft. Zweite Möglichkeit: Frauchen und Herrchen erspielen sich die Workshops, indem sie bei den Tagesaufgaben fleißig Punkte sammeln. Für die App-Entwicklung benötigt das Top-Dogs-Team 30.000 Euro. "15.000 Euro haben wir selbst vorgeschossen", sagt Eike. Die andere Hälfte wollen sie durch ein Crowdfunding auf der Plattform Startnext sammeln. Pech: "Als wir an den Start gegangen sind, ist Startnext aber für 48 Stunden ausgefallen", erzählt Eike. Darum sei das Crowdfunding holprig angelaufen.

Crowdfunding ist eine Art der Finanzierung, durch die sich Projekte, Produkte und Geschäftsideen umsetzen lassen. Kapitalgeber sind dabei eine Vielzahl von Personen. Zum Crowdfunding wird im Internet aufgerufen.

Für den Start der App hat Top Dogs im selbst eingerichteten Filmstudio viele Videos vorproduziert. Das kostete Geld, aber auch viel Zeit: "Pro Tagestipp braucht man einen halben Tag", sagt Eike. Die Konzepte für die App hat Top Dogs mit Hundetrainern und Hundesportlern entwickelt. "Die meisten Hunde sind in ihren Familien nicht ausgelastet", sagt Richard. Das gelte genauso für die besonders klugen Border Collies wie für Dackel.
"Die Hundebesitzer können sich tagsüber kaum um den Hund kümmern, weil sie beide arbeiten." Hunde seien aber nicht dafür gemacht, ohne Arbeit ihre Beute, also ihr Futter, zu bekommen. Schließlich hätten die meisten früher einen "Job" gehabt, als Jagd- oder Hütehunde.

Hundebesitzer als viel beschäftigte, moderne Menschen: Mit Vorurteilen wie dem in Pantoffeln und Regenjacke Gassi gehenden Hausmütterchen haben die My-Dog-Entwickler längst aufgeräumt. Klar: "Mit einem Online-Game erreicht man die Leute leichter", meint Richard. "Technisch müssen wir unseren Nutzern also ab und zu ein wenig unter die Arme greifen." Aber: "Fast jeder kann die App nutzen. Sie richtet sich an unerfahrene Welpenbesitzer genauso wie an Leute mit einem anspruchsvollen Hund."

Einmal zeigten sie einer befreundeten Hundebesitzerin - "einer taffen Polizistin" - die App. Eike erzählt: "Sie fing an zu weinen, weil sie auf so eine Lösung gewartet hatte. Sie hatte oft ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Hund, weil sie tagsüber kaum zu Hause war." Auch andere Tierfans haben bei Top Dogs angeklopft und nach Vogel- oder Katzencontent gefragt. Die musste das Top-Dogs-Team bislang enttäuschen: "Ein Katzennetzwerk haben wir noch nicht ...", sagt Eike schmunzelnd.
 
Beispiel für eine Tagesaufgabe der App "My Dog 365". Screenshot: Top Dogs
von Inga

von Inga

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