Aus alt mach neu: Schlüsselerlebnis beim Möbelbau

Aus alt mach neu: Schlüsselerlebnis beim Möbelbau Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

von Inga Wolter



Oldenburger Designer entwirft aus alten Paletten neue Möbel. Sein Weg war "steinig".

"Es gibt wie in der Musik-Branche einige wenige Superstars unter den Möbel-Designern", sagt Sascha Akkermann, bekannt für seine Paletten-Möbel. "Für die anderen ist der Weg zum Erfolg sehr schwierig." An der Uni, im Studium, denke man nur an schöne Formen, aber davon könne man nicht leben. Hinter dem 40-Jährigen liegt ein Weg der Desillusionierung. Trotzdem weiß er heute: "Ich habe viel erreicht."

Sascha Akkermann ist Designer...
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... und gelernter Tischler. Seinen Meister machte er auf einer Schule in Bayern.
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Seine "Produktwerft" liegt auf dem Zipfel zwischen Hunte und Hemmelsbäker Kanal in Oldenburg. Wer Sascha in seiner Werkstatt besuchen will, muss ein bisschen suchen. Von der Holler Landstraße geht es in den Werftweg, geradeaus, weiter links über einen Platz, bis weit hinten, direkt an der Hunte, ein kleines Haus auftaucht. "Früher war das hier eine Werftwerkstatt", erzählt Sascha beim Hineingehen. Im ersten Raum lehnen und liegen überall Bretter. Hier, an den Werktischen, arbeitet der Designer an Modellen und Möbeln. Im zweiten Raum stehen fertige Tische und Kommoden, alles schlichte Möbelstücke aus recyceltem Material.

Versteckter Ort mit tollem Blick: Von der Produktwerft schaut man auf den Oldenburger Hafen.
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Eingang zur Produktwerft: Das Unternehmen liegt in einer alten Werftwerkstatt. Seit 2012 bietet Sascha Akkermann unter dem Label "Produktwerft" nachhaltige Möbel an.
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Mit dem Kaffee geht es raus in die Sonne, zu der kleinen Sitzecke am Hunteufer, mit Blick auf den Hafen.

"Ich habe schon immer aus alten Materialien Sachen gebaut", sagt Sascha, ein ruhig und bescheiden wirkender Typ. Zum Beispiel die Küche, die in der Werkstatt steht. "Es ist nicht meine Idee und auch keine neue Idee, altes Holz für Möbel wieder aufzuarbeiten." Recycling sei im Trend, Nachhaltigkeit gewinne an Bedeutung. "Durch die Gestaltung hebe ich mich von anderen ab." So lässt sich vielleicht erklären, dass Sascha von seinen Möbeln leben kann.
Er verzichtet auf den typischen Paletten-Look.

Als Designer haben wir einen großen Einfluss auf Nachhaltigkeit.

Sein Weg zum freischaffenden Designer bezeichnet er als "steinig", ein Aha-Erlebnis war nötig. Die Prozentsätze, die ihm Möbelhersteller für seine Designs zahlten, waren zu gering. "Durchschnittliche Designer bekommen pro Stück drei Prozent des Preises", sagt Sascha. "Die Superstars bekommen sieben, acht, auch mal zwölf Prozent." Sascha musste erst einmal verstehen, dass sich mit selbst entworfenen Möbeln nur schwer Geld verdienen lässt. Aber als er das geschluckt hatte, lief es besser: "Die Nachfrage war von Anfang an da", berichtet er. Er fing an, seine Produkte im Eigenvertrieb zu verkaufen.

Saschas Schlüsselerlebnis war das Treffen mit einem Designer-Pärchen aus Halle, deren Möbel er schon länger bewunderte: "Ich wollte erreichen, was die beiden erreicht hatten. Ich war mir sicher, dass sie im finanziellen Wohlstand leben würden." Sie kannten Confused Direction - das Label, das Sascha mit einem Kollegen betrieb - auch schon lange. Die Designer hörten voneinander und vereinbarten ein Treffen. "Ich dachte, die beiden würden mit einem dicken Auto vorfahren", erinnert sich Sascha Doch es kam anders. "Sie entschuldigten sich für ihren Wagen - einen ADAC-Leihwagen.
Ihr Fiesta war auf dem Weg verreckt."

Bekannt ist Sascha Akkermann in Oldenburg auch für das Hausboot,  das er mit Flo Florian und Bernhard Urich entwarf und baute. Fotos: Produktwerft
von Inga
So sieht es im Hausboot aus.
Fotos: Produktwerft
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Sascha bei der Arbeit: Wenn er die Paletten aufgearbeitet hat, verleimt er sie. So entsteht der typische Produktwerft-Look. Fotos: Produktwerft
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Sascha in seiner Werkstatt.
Fotos: Produktwerft
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Ein Tisch aus der Produkwerft-Serie.
Fotos: Produktwerft
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Ein aus Paletten hergestellter Tisch.
Fotos: Produktwerft
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Ein Nachttisch.
Fotos: Produktwerft
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Regal aus der Produktwerft-Serie.
Fotos: Produktwerft
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Das Designer-Paar hatte sich die Fahrt vom Mund abgespart. "Die Möbel-Hersteller hingegen kommen mit einem Hubschrauber zur Messe", meint Sascha. Er verstand: "Das System ist falsch." Wenn Designer von ihren Entwürfen leben wollten, müssten sie höhere Prozente fordern. Jungen Leuten rät Sascha, ihre Möbel per Direktvertrieb, etwa über Dawanda, zu verkaufen. Sie könnten ihre Produkte beim Schreiner oder Metaller fertigen lassen. Oder sie produzierten sie gleich selber. "Wer Designer werden will, sollte unbedingt eine Lehre oder ein Praktikum in einem Handwerksberuf machen", meint der 40-Jährige.

Unbegrenzter Konsum oder Nachhaltigkeit? Damit beschäftigen sich viele Designer.
von Inga

Sascha hat das Glück, Designer und Schreiner in einer Person zu sein. Auf Wettbewerbe gibt er heute nicht mehr viel. Klar, er hat auch welche gewonnen. Und Firmen-Entwürfe entwickelt. Die Anmeldung zu Wettbewerben - wie etwa beim anerkannten Red Dot Design Award - koste Geld. Wenn man wirklich gewinne und mit seinen Möbeln in Katalogen abgedruckt werden wolle, müsse man oft noch einmal drauflegen. Gut fürs Prestige, aber ein Kraftakt für junge Leute, die am Anfang ihrer Karriere stehen.

Als selbstständiger Tischlermeister brauchte Sascha wenig Geld, um den Schritt zum Designer zu gehen. Die Holzpaletten, die er zu Möbeln weiterverarbeitet, bekommt er meistens aus der Lebensmittelindustrie. "Die werden nicht mit Gift behandelt." Die meiste Zeit verbringt er in der Werkstatt. Schon allein die Aufarbeitung der Paletten und die Verleimung sei aufwendig. "Wenn ich ein wirtschaftlich denkender Mensch wäre, würde ich expandieren und Tischler einstellen", meint er. Aber dafür reiche der Markt nicht. "Wenn ich es schaffe, dauerhaft von dem zu leben, was ich mache, habe ich viel erreicht", sagt er heute.

Einen kleinen Wunsch hat Sascha aber bei aller Zufriedenheit mit seiner Arbeit doch: Er würde gerne mit der städtischen Entsorgungsstelle an der Holler Landtraße in Kontakt treten, um dort an Rohstoffe heranzukommen. "Die sollten nicht alles zerschreddern", meint der Designer.

Mehr über Sascha Akkermann


Gründerszene im Nordwesten: Oma-Design aus Oldenburg

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