Abgetaucht - mein Führerschein der etwas anderen Art

Abgetaucht - mein Führerschein der etwas anderen Art Live

von Jantje


E
inen außerge
wöhnlichen Führerschein hat Online-Redakteurin Jantje Ziegeler absolviert: In 55
Metern Tiefe manövrierte sie ein quietschgelbes U-Boot über dem Grund entlang. Mit Tauchbasis-Mitarbeiter Stephan Gildehaus ging es im "Eurosub" auf Entdeckungstour in der Unterwasserwelt im Kreidesee in Hemmoor.

von Jantje Ziegeler


Ich lege den Kopf in den Nacken, schaue in den blauen Himmel. Die Sonne scheint. Alles ist friedlich. Doch dann passiert etwas Seltsames. Etwas, das ich so noch nie gesehen habe: Lauter unterschiedlich kleine Kugeln fliegen nach oben. Ich sehe ihnen staunend zu, wie sie schwerelos davontänzeln. Träume ich?

 

Drei Tage zuvor

„Sollte es vor der Fahrt regnen, versuchen Sie, nicht nass zu werden“, lese ich. Alles klar, versuche ich meistens sowieso. Aufmerksam lese ich die zwei Seiten der Word-Datei mit den Instruktionen durch, die Walter mir zugeschickt hat.
„Ihre U-Bootfahrt mit dem Kreidesee-Eurosub“ steht oben drüber. In drei Tagen werde ich abtauchen, meinen U-Boot-Führerschein machen.

Walter Comper ist derjenige, der mich auf das U-Boot-Fahren aufmerksam gemacht und meine Neugier geweckt hat. Er ist im selben Sportschützen-Verein wie ich. Er ist aber nicht nur leidenschaftlicher Sportschütze, sondern hat seit 1987 auch einen Tauchschein. Am Kreidesee in Hemmoor taucht er regelmäßig ab. Für Taucher, habe ich gelesen, gehört dieser See zu den besten Revieren in Deutschland.

 

Der erste Tag

In aller Frühe mache ich mich auf den Weg ins über 100 Kilometer entfernte Hemmoor, Landkreis Cuxhaven. Die Sonne lässt das Wasser glitzern, das Ufer ist gesäumt von Bäumen. Der Anblick ist wunderschön.

Was für eine herrliche Aussicht.
von Jantje

Gut gelaunt begrüßen mich Walter und Udo; Udo Meyer ist ebenfalls begeisterter Taucher und wird heute gemeinsam mit Walter Unter-Wasser-Bilder knipsen.

Stephan Gildehaus, U-Boot-Pilot und eigenen Angaben zufolge „Mädchen für alles“ am Kreidesee, befüllt die letzte Sauerstoffflasche für einen Taucher, ehe wir gemeinsam in Richtung „Einstieg 1“ aufbrechen. Fünf Einstiege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden für Taucher hat der See insgesamt. Am Einstieg 1 liegt das U-Boot, „geparkt“ in einem Container.

In diesem Häuschen werden die Sauerstoffflaschen befüllt.
von Jantje
Hier liegt das U-Boot!
von Jantje
von Jantje
Welch Idylle.
von Jantje
Da ist es!
von Jantje
Das Wasser ist so klar, dass der Grund zu sehen ist.
von Jantje
 
 

1 von 6


Das ist es also! Das „Eurosub“.
Sieht schick aus. Quietschig gelb und ganz anders als die grauen Kolosse aus dem Museum. 4,50 Meter lang, 1,90 Meter breit, 1,80 Meter hoch. „Du kannst als Erstes mal den Kalk wechseln“, sagt Stephan. Kalk: Der ist unbedingt notwendig an Bord, da er den ausgeatmeten Kohlenstoffdioxid aufnimmt. Nach vier bis acht Stunden ist er gesättigt und muss ausgetauscht werden.

Vorsichtig kippe ich die neuen kleinen weißen Körnchen in das Behältnis, den sogenannten „Scrubber“. Den setze ich dann neben die Sauerstoffflasche an Bord.

Jetzt noch die Pressluftflaschen im hinteren Teil des U-Boots aufdrehen. Dann ist es soweit. „Am besten trittst du jetzt von der linken Seite da hin und dann auf dieses kleine Metallteil“, rät Stephan. Noch ein bisschen verkrampft halte ich mich am U-Boot fest, während ich das erste Mal hineinklettere.

Der Kalk rieselt in den Scrubber.
von Jantje
Fertig. Jetzt kann er an Bord.
von Jantje
Links der Scrubber, rechts der Sauerstoff
von Jantje
Stephan, U-Boot-Pilot, und Jantje Ziegeler, U-Boot-Pilotin in spe
von Jantje
Aufdrehen der Pressluftflaschen
von Jantje
Ein letztes Bild mit geöffnetem Dome
von Jantje
 
 

1 von 6



Die Schuhe musste ich vorher ausziehen, damit kein Sand oder Dreck in den „Dome“, die große Kunststoffkuppel zum Durchgucken, gelangt und den phänomenalen Ausblick zerkratzt. Deswegen sollte ich übrigens auch darauf achten, vor der Fahrt nicht nass zu werden: Die Feuchtigkeit würde die Scheibe beschlagen.

An Bord drehen wir die Sauerstoffflasche auf.

Wie erwartet, ist der Platz im U-Boot sehr begrenzt. Neugierig inspiziere ich die Messgeräte und die Hebel links und rechts von mir.

„Nimmst du das mal eben an?“ Stephan reicht von oben eine kleine Kiste mit weiteren Messgeräten rein. Das Sauerstoff-Messgerät ist eines der wichtigsten an Bord. Die Luft, die wir normalerweise einatmen, besteht zu 20,9 Prozent aus Sauerstoff. Im U-Boot sollte der Wert etwa genauso hoch sein. Natürlich ist auch das Kohlenstoffdioxid-Messgerät unbedingt notwendig. Der ebenfalls unverzichtbare Kompass ist bereits an Bord.

Ich rutsche auf die vordere Sitzbank, denn auf dem Platz direkt unterm Einstieg sitzt der Pilot – und das ist natürlich zunächst mal Stephan. 411 Tauchgänge sind im Logbuch seit der Anschaffung des U-Boots 2008 verzeichnet, „mindestens 405“ davon, sagt Stephan, habe er absolviert. Die vordere Glaskuppel gibt den Blick auf unglaublich klares Wasser frei, die Sicht ist fantastisch. Die kleineren Bullaugen rechts, links und über mir sind erst mal nebensächlich.

Panoramabild: So sieht's im U-Boot aus.
von Jantje

Guck guck!
von Jantje
Blick aus dem U-Boot durch den vorderen Dome
von Jantje
Das Sauerstoff-Messgerät
von Jantje
Das Kohlenstoffdioxid-Messgerät
von Jantje
Der Kompass
von Jantje
Der erste Taucher hat schon angebissen ;). Das ist Udo Meyer.
von Jantje
Ist das ein schönes Lichtspiel!
von Jantje
 
 

1 von 7


Es wird ernst: Stephan hat den Dome über sich zugezogen und verriegelt. Gebannt fixiere ich die Unterwasserwelt, die vor mir am großen Bullauge vorbeizieht. Obwohl wir noch gar nicht abgetaucht sind, bin ich viel zu gefesselt von dem Anblick, als dass ich mich jetzt schon darauf konzentrieren könnte, welche Hebel oder Joysticks Stephan in welcher Reihenfolge wie betätigt.

Nicht zu überhören sind allerdings all die Geräusche, die das Gefährt von sich gibt. Mal brummt es, mal zischt es.


Gluck gluck.
von Jantje

Und da realisiere ich: Jetzt geht es in die Tiefe. In ein Umfeld, für das der Mensch von Natur aus nicht vorgesehen ist. Für das er von seiner Physis nicht ausgestattet ist. Das Wasser, der Wasserdruck, die fehlende Luft zum Atmen – sollte hier was schiefgehen, sieht’s nicht so gut aus, oder? Der Anblick der beiden neben mir liegenden Taucherbrillen beruhigt mich nicht gerade.

Hinzukommt, dass die Bewegungsmöglichkeiten im U-Boot nicht sonderlich groß sind. Notausgang? Wie denn!? Hat hier eigentlich schon mal jemand Panik bekommen, frage ich Stephan. Erst einmal, sagt er. Und das war ein Taucher.

Ich lege die Grübelei beiseite und konzentriere mich wieder auf den Blick ins – Nichts. Lediglich der Strick der Boje, an dem wir entlangtauchen, verrät, dass sich das U-Boot gerade von oben nach unten bewegt.


Wir sinken!
von Jantje

Mein Bullauge gibt den Blick auf das erste Unterwasserobjekt frei: ein kleines, freischwebendes Flugzeug. Eine Piper 28. Die hat sogar einen berühmten Vorbesitzer, erzählt Stephan. Tatsache, „Alan Shepard“ ist an der Seite zu entziffern. Shepard war 1961 der erste Amerikaner im All und 1971 der fünfte Mann auf dem Mond. Abgestürzt ist er hier, im Kreidesee, aber nicht. Piper, Lastwagen, Segelboot, Wohnwagen: Alles Objekte, die die Betreiber für die Taucher zum Erkunden in den See reinmanövriert haben.

Zehn Meter sind wir tief. Zeigt zumindest der Zeiger auf dem entsprechenden Messgerät an. Ich schaue nach oben, durch das kleine Bullauge über mir.

Ich sehe kein Wasser, sondern den blauen Himmel. Merkwürdig. Stimmt die Anzeige etwa nicht, sind wir schon wieder an der Oberfläche? Huch – da tanzen sie plötzlich entlang: kleine Luftblasen. Bahnen sich ihren Weg aus der Tiefe von den Tauchern gen Himmel. Was für ein surreales, hübsches Bild.

Wie im Traum. Und Stephan winkt.
von Jantje

Auch unser Eurosub bahnt sich seinen Weg wieder an die Oberfläche. „Drück mal den Knopf über dir“, sagt Stephan, als wir oben sind, und mein Finger hebt sich schon in die Höhe, da fügt Stephan hinzu: „’n bisschen auf die Ohren aufpassen.

Der Finger hält auf halbem Wege inne.

Wieso, gibt es einen lauten Knall?

Nein, Druck…

Zwar haben wir an Bord während der Fahrt den natürlichen atmosphärischen Druck beibehalten. Aber durch den konstant zugeführten Sauerstoff ist ein minimaler Überdruck entstanden. Wir müssen das U-Boot über besagten Knopf kurz entlüften. Die Druckabnahme ist wie im Flugzeug – einmal schlucken, und das unangenehme Gefühl im Ohr ist weg.

 

Ich bin dran

Beim nächsten Tauchgang drückt Stephan mir die Funk-Fernbedienung in die Hand. Ich bin dran. Oha. Das Abtauchen übernimmt er aber weiterhin; erstmal. Neben dem Heckmotor hat das Eurosub rechts und links zwei Elektromotoren mit je 800 Watt. Wenn ich vorne durch die Glaskuppel vorne rausgucke, kann ich die beiden Motoren in den Spiegeln vorne sehen. Sie lassen sich um 360 Grad drehen. 

Wir sind am Grund in 15 Metern Tiefe an einem kleinen Segelboot angekommen.
Die Fadenalgen auf dem Grund sehen flauschig aus, wie eine schlechte Perücke in blassem Grün. Behände bewegen sie sich hin und her. Als würde der Wind durch sie wehen. Über sie hinweg manövriere ich unser U-Boot um das versunkene Boot herum. Auch die Piper erkunde ich jetzt in Eigenregie.


Bloß nicht von Taucher Walter Comper vor der Windschutzscheibe beirren lassen...
von Jantje

Dann geht’s weiter in die Tiefe. 55 Meter in die Tiefe, knapp über dem Grund. Will ich nach rechts fahren, drücke ich den linken Joystick nach vorne. Will ich schneller nach rechts, ziehe ich den rechten Joystick zusätzlich nach hinten. Alles erstmal nur auf sanftester Stufe. Stephan gibt mir einen Kurs vor, den ich halten soll. Das kann doch nicht so schwer sein, die Display-Anzeige des Kompass’ über mir konstant auf 200° zu halten, während ich uns hier durch den See manövriere! …ist es aber.

Steuere ich nach rechts, nimmt der Kurs zu, nach links ab. Alles klar.

Das Problem ist ein anderes: die Trägheit des U-Boots. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis das U-Boot jeweils meinen Wünschen nachkommt, sich beim Vorwärtsfahren einen Tick nach rechts oder links zu drehen. Definitiv nichts für ungeduldige Menschen.

Und wenn sich mein Gefährt dann irgendwann doch – mit aller Schwerfällig- und Behäbigkeit – in die gewünschte Richtung bewegt hat, ist der Kurs, auf den ich eigentlich wollte, schon wieder überschritten. Hilfslos muss ich mit ansehen, wie ich auf bis zu 20° vom Kurs abkomme. Hektisches Gegenlenken wieder zurück in die andere Richtung bringt nichts, dauert ja auch wieder Ewigkeiten.

Stephan lässt mich an Klippen entlangfahren und über sie hinweg.

Meine ersten Fahrversuche als U-Boot-Pilotin
von
Immer schön über dem Grund entlang.
von Jantje
Bitte recht freundlich: Ab und zu muss ich Stephan die Funk-Fernbedienung zurückgeben, um die Kamera zu zücken, denn...
von Jantje
...hier unten gibt es viel zu entdecken.
von Jantje
 
 

1 von 4


Ich muss daran denken, dass ich als Jugendliche mal Pilotin werden wollte. Denn es kommt mir gerade so vor, als flöge ich über den Boden hinweg; nur eben viel langsamer, behäbiger und „verwunschener“ als da oben in der Luft.

Ebenso sonderlich und verwunschen ist das Aufsetzen auf sandigem Grund. Als würden sich U-Boot und wegwirbelnder Sand in Zeitlupe bewegen. Dasselbe gilt fürs Abheben vom Grund. Als hätte jemand den Stärkeregler für die Erdanziehung ein Stück zurückgedreht, als wären wir auf einem anderen Planeten.

In aller Langsamkeit (das ist übrigens keine Zeitlupe, sondern Echtzeit!)
von Jantje

Fasziniert sehe ich den in aller Langsamkeit entstehenden kleinen Sandwirbeln zu.

Mir ist kalt. Über eine Stunde sind wir diesmal unten. Das wärmende Sonnenlicht ist weit weg. Ich sehne mich nach einer heißen Badewanne.

So ganz hab’ ich den Dreh in Sachen Kurs halten an diesem Tag nicht rausbekommen. Trotzdem lief es am Ende ganz gut. Auch Stephan bescheinigt mir, ich sei gut gefahren.
„Besser als so mancher Mann.

 

Wie das U-Boot damals in den Kreidesee kam


Holger, warum gibt es hier ein U-Boot?
von Jantje

Warum gibt es hier überhaupt ein U-Boot? Das will ich jetzt von Holger wissen.

Holger Schmoldt, Pächter des Sees und Tauchbasisbetreiber, blickt zurück.

1986 fuhr er zufällig mit seinem Motorrad hier vorbei, sah den See und zwei Taucher. „Die Grube kannte ich natürlich von früher“, sagt der 48-Jährige. In jener Grube wurde von 1862 bis 1976 Kreide für die Zementherstellung abgebaut. Nach der Einstellung des Abbaus wurden auch die Pumpen abgestellt – und die Grube lief in sechs Jahren voll.

Im benachbarten Zementmuseum Hemmoor lässt sich die Geschichte der Fabrik zurückverfolgen:

1859 ließ die Königlich-Hannoversche Regierung zwischen Hamburg und Cuxhaven nach Braunkohlevorkommen forschen. Bei Bohrungen stieß man im Raum Hemmoor auf mächtige Kreidevorkommen.
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
1866 wurde eine kleine Zementfabrik in Hemmoor errichtet.
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
War zunächst der Absatz von Zement schwierig, so stieg er mit Beginn der Industrialisierung sprunghaft an.
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
1971 konnte mit 779000 t der höchste Jahresabsatz an Zement in der Firmengeschichte erzielt werden, an dem...
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
...500 Belegschaftsmitglieder beteiligt waren.
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
Die mehr als ein Jahrhundert andauernde Zementproduktion in Hemmoor endete am 31. Dezember 1983 mit der Werksschließung.
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
Im Zementmuseum Hemmoor sind viele Archivbilder des einstigen Fabrikgeländes zu sehen.
Quelle: www.zementmuseum-hemmoor.de
von Jantje
 
 

1 von 7


Kurzerhand gesellte sich Holger damals zu den beiden Tauchern, erkundete mit ihnen die Reste des Tagebaus: Gebäude, Straßen, Laternen, Brücken, Treppen, Leitungen, Wald. Die Tauchgänge hinterließen bei ihm einen bleibenden Eindruck. Das „Hemmoor-Virus“ hatte ihn gepackt, erzählt er. Der damalige Eigentümer des Sees hatte nichts gegen die privaten Tauchgänge. Jede freie Minute verbrachte Holger am See.

Alles war gut – bis ein Aluminiumhersteller aus Stade seine Fühler in Richtung Kreidesee ausstreckte, weil er seinen Rotschlamm irgendwo entsorgen musste.

„Was machen wir jetzt?“, fragten sich die Taucher.

Sie starteten eine Unterschriftenaktion. „Dadurch wurde der See erst bekannt“, sagt Holger. Um 1990 sei das gewesen. Es gab einen Artikel über den See in der Fachzeitschrift „Tauchen“. Danach kamen die Taucher von überall nach Hemmoor an den Kreidesee. 

Bis es tödliche Tauch-Unfälle gab. Da stand plötzlich ein weiterer „Überraschungsgast“ auf der Matte, beziehungsweise am See: das Ordnungsamt.

„Das mit dem Rotschlamm hatten wir jetzt zwar verhindert, aber nun gab es ein neues Problem“, erzählt Holger.
Tauchregeln mussten her. Jemand, der das Ganze in die Hand nimmt. Holger kam ins Gespräch. Gemeinsam mit dem Verband Internationaler Sporttaucher (VISIT), dem Eigentümer des Sees und dem Ordnungsamt entstand ein Konzept, das den Tauch-Betrieb regeln sollte.

Die Zahl der Taucher stieg. 1998 waren es so viele, dass das Ordnungsamt wieder anklopfte. Diesmal wegen des wilden Campens rund um den See. Schließlich grenzt der an ein Naturschutzgebiet.


Taucher an der Oberfläche...
von Jantje
...und am Grund des Kreidesees.
von Jantje
 
 

1 von 2


In Absprache mit der Eigentümergesellschaft entstanden skandinavische Ferienhäuschen, Holger pachtete sie.
Der Bundespolizist konnte sich auch vorstellen, seinen eigentlichen Job dafür an den Nagel zu hängen. Zunächst nahm er einen unbezahlten Zwölf-Jahres-Urlaub.

Als die zwölf Jahre abgelaufen waren, blieb er beim See. „Streife und Schichtdienst waren nicht mein Ding“, sagt er.

2008 kam ein Däne beim Tauchen im Kreidesee ums Leben. Drei Tage wurde im See nach ihm gesucht. Neben dem Ordnungsamt mischte jetzt auch die Kriminalpolizei Cuxhaven mit. Der „Tatort“ durfte nicht mehr betreten werden, und zwar der komplette See. Pächter Holger, der an jenem langen Wochenende viele Taucher mit dem Tauchverbot vor den Kopf stoßen musste, hatte vergeblich um eine lokale Sperrung gebeten. „Das tat finanziell weh.

Problematisch bei der Suchaktion war zudem die Tiefe von 55 Metern, denn Rettungstaucher dürfen, sagt Holger, nur 50 Meter tief tauchen, um eine Person zu retten. Ist die Person bereits tot, ist sogar noch weniger erlaubt. Und bis die Feuerwehr-Taucher aus dem anderthalb Stunden entfernten Hamburg da waren, war an das glückliche Ende einer Rettung ohnehin nicht mehr zu denken. „Und während der Suchaktion ist auch noch ein Feuerwehrmann verunfallt.

„Das war Murks“, blickt Holger auf die Vorfälle zurück, „der Betreiber muss die Kosten tragen für die Bergung, aber ein anderer entscheidet.“ Schnell waren 15000 Euro weg.

Holger kam eine Idee. „Ich hätte gern ein U-Boot“, sagte er zu einem Kumpel, einem Schiffsbauingenieur, der Superyachten baut. Der zeichnete ihm ein 1-Mann-U-Boot und nannte den Preis. Aber so viel wollte Holger nicht ausgeben.

Kurzerhand überlegte sich der Hemmoorer, dass er ein 2-Mann-U-Boot seinen Gästen anbieten könnte. Ein Expeditions-U-Boot fand er auch nicht schlecht. Trotzdem sollte das Ganze aber noch so klein sein, dass es sich ans Auto ranhängen lässt.


Das Eurosub
von Jantje


Nach anderthalb Jahren der Idee und Planung landeten die Pläne bei einer Firma in Holland auf dem Tisch, die Unterwasser-Geräte fürs Militär baut. Und woher stammt der Name „Eurosub“? „Den hab’ ich mir ausgedacht“, sagt Holger. „Den Namen fand ich passend.

Wie viel sein Eurosub genau gekostet hat, mag Holger nicht verraten. „So viel wie ein kleines Ein-Familienhäuschen.


„So, nun will ich Dir erst einmal das U-Boot erklären und zeigen. Stell dir eine Zigarre vor, innen hohl und aussen aus Stahl, dann ist das U-Boot schon fast fertig. - Du lachst? Ja, wirklich, schneide noch einige Löcher hinein, setze Maschinen hinein, einen Turm obendrauf und dazu eine Kanone, dann hast Du ungefähr schon das, worauf Du stehst. - Natürlich: darin gebe ich Dir recht, so ganz einfach ist die Sache nun doch nicht, denn da gibt´s noch allerhand Kleinigkeiten und Feinheiten, die lebensnotwendig sind.

                        Aus: „U-Boot-Fahrer von heute“ von Joachim Schepke, Im Deutschen Verlag Berlin, 1940


„Das Schöne ist: Das U-Boot-Fahren in Deutschland ist gesetzlich nicht geregelt. Erst wenn der Gesetzgeber sieht, dass es viele U-Boote gibt, gibt es Gesetze“, sagt Holger.

Und in der Tat ist das Angebot, mal eben U-Boot zu fahren, äußerst rar in Deutschland: Die „Nemo“ nimmt ihre Passagiere laut Homepage bei Halle und Leipzig sowie bei Wismar/Boltenhagen in der Ostsee mit in die Tiefe. Das eigentliche Heimatgewässer dieses Mini-U-Boots ist der Helenesee in Frankfurt.  „Nemo“-Gäste sehen im Gegensatz zu denen im Eurosub nicht nach vorne durch eine Glaskuppel, sondern nach oben; außerdem darf sie nur in bis zu 50 Meter Tiefe. „In Hannover gibt es noch ein ganz neues U-Boot, aber da sind keine Gastfahrten möglich“, sagt Holger.

Dass es hier ein Expeditions-U-Boot gibt, hat sich rumgesprochen, erzählt Holger. In Düsseldorf auf der Bootsmesse hat er vor allem Kontakte nach Norwegen geknüpft. Denn in Norwegen schlummern unter Wasser viele alte Kriegswracks, die es zu suchen und zu identifizieren gilt.

Gerne würde er mit seinem U-Boot auch zu Expeditionen in die Antarktis, Loch Ness und zum Nordkap aufbrechen, erzählt Holger und lässt den Blick in die Ferne schweifen.

„Ich glaub’, das is’ so ziemlich abgefahren, ne?“

 

Der zweite Tag

Heute stehen Auf- und Abtauchen auf dem Lehrplan.

Und tschüss!
von Jantje

„Wie viel wiegst du?“, hat Stephan mich tags zuvor ganz unverblümt gefragt.

Eine Standardfrage, damit das U-Boot auch schwer genug ist, um zu sinken. Da wir nur zu zweit tauchen, befinden sich vorn in der „Nase“ 100 kg Blei, um die nicht vorhandene dritte Person auszugleichen. Auch das Trägergestell ist aus Blei. An Bord liegen außerdem mehrere kleine blaue Säckchen, Trimm-Blei: Jedes von ihnen wiegt 25 kg, um das Boot im Gleichgewicht zu halten. Da ich alleine vorne links sitze, und Stephan schwerer ist als ich, liegen die Säckchen vorne, rechts neben mir.

Was wäre eigentlich das Schlimmste, das uns passieren könnte?

„Dass wir uns verfangen“, sagt Stephan.

Falls das passiert, können wir eine Stahlplatte unter dem U-Boot ausklinken. Zwar hat diese Platte den praktischen Nebeneffekt, dass sie die Auftriebskraft des U-Boots ausgleicht. Gedacht ist sie allerdings extra für besagtes Worst-Case-Szenario, um schnell an Gewicht zu verlieren. Wenn die ausgeklingte Stahlplatte nichts nützt, können wir per Funk um Hilfe bitten.

„Und wenn binnen 96 Stunden keine Hilfe kommt, dann würden wir das U-Boot fluten“, sagt Stephan. 96 Stunden lang würde der Sauerstoff im Notfall reichen. Für den Fall, dass wir das Boot fluten müssen, sind wohl die Taucherbrillen gedacht, die neben mir liegen. Außerdem befinden sich Tauchretter an Bord. Allein wegen dieser Worst-Case-Vorstellung dürstet es mich absolut nicht danach, mit dem U-Boot mal allein auf Tauchstation zu gehen – dürfte ich übrigens auch gar nicht: Aus versicherungstechnischen Gründen müsste entweder Stephan oder Holger immer mit an Bord sein, wenn ich mit dem Eurosub fahren wollte, Führerschein hin oder her.

Stephan fährt uns an der Wasseroberfläche erst mal ein Stückchen auf den See hinauf, wo ich Auf- und Abtauchen üben kann.

Nase im Wind, Füße im U-Boot.
von Jantje
 

Stephan und ich samt Trimm-Blei tauschen die Plätze. Ich ziehe an dem grauen Hebel über mir: Die Tauchzelle öffnet sich. Durch das große Bullauge direkt über mir sehe ich zu, wie weit der Turm über mir ins Wasser eintaucht.

Meist reicht es, hat Stephan erklärt, wenn die Kuppel im Wasser ist. Leicht nervös versuche ich, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, und schließe das Ventil der Tauchzelle wieder. Der richtige Zeitpunkt, also nicht zu viel Wasser reinzulassen, ist wichtig, weil wir sonst zu schnell sinken würden.
Oder, wie Stephan es ausdrückt: „Sonst schlagen wir ein wie eine Bombe.

Pro zehn Meter Wassertiefe muss ich den Druck in der Regelzelle außerdem um 1 bar erhöhen.
Sieht gut aus. Langsam sinken wir.



Platz da, jetzt kommen wir!
von Jantje

Jetzt geht’s an die Feinabstimmungen mit Hilfe der Regelzelle. Wenn ich an dem blauen Hebel ziehe, strömt Wasser in sie hinein. Das U-Boot wird schwerer und sinkt nach einer Zeit weiter hinab. Falls wir plötzlich schnell wieder auftauchen müssten (zum Beispiel, falls wir einen Taucher unter uns entdecken), können wir auch die beiden Motoren rechts und links so ausrichten, dass sie uns nach oben befördern, wenn wir die Joysticks der Fernbedienung bedienen.

Wir sind auf dem Grund angekommen, etwa zehn Meter in der Tiefe.

Jetzt wieder Auftauchen. Ich ziehe an dem pinkfarbenen Hebel: Die Tauchzelle wird angeblasen. Das Wasser wird rausgedrückt. Auch die Regelzelle habe ich unter Druck gesetzt. Die Luft drückt das Wasser hinaus. Es zischt. Ein bisschen unheimlich sind sie ja schon, die Geräusche. Aber da Stephan völlig gelassen bleibt, habe ich wohl alles richtig gemacht.

Abtauchen: "Tauchzelle fluten"
von Jantje
Die beiden Hebel für die Regelzelle: Der blaue Hebel ist für das Wasserventil, der rote für die Pressluft, um die Regelzelle unter Druck zu setzen.
von Jantje
 Zum Auftauchen wird die Tauchzelle mit Pressluft angeblasen.
von Jantje
 
 

1 von 3


Das Ganze wiederhole ich ein paar Mal. Bis ich nicht mehr fragen muss: „Ähm… und dann passiert noch mal was?“ Stephan bleibt geduldig. Er greift nach einem Handtuch und nutzt die Zeit, die das Auf- bzw. Abtauchen braucht, zum Trockenwischen der feuchten Glaskuppel.

Dann habe ich es geschafft. Zwei Tage U-Boot-Crashkurs.

Abgefahren.

 

Wieder da

Ich stehe auf dem Steg. Die Sonne lässt das Wasser glitzern. Es ist warm. Ich höre das Klatschen der Wellen, die gegen die Boote schwappen, der Wind raschelt im Schilf.

Hallo, Welt, ich bin wieder da.

Optionen

Kommentare
Klänge
Blog übersetzen
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform