Gründerszene im Nordwesten: Per Popometer zum Lieblings-Fahrrad

Gründerszene im Nordwesten: Per Popometer zum Lieblings-Fahrrad Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Per Popometer und Bodyscanner zum Lieblings-Fahrrad

von Inga Wolter

"Radhaus"-Gründer Michael Gallasch und Werkstattleiter Stefan Klie mit Manufaktur-Rädern.
von Inga
Fahrradgeschäfte gibt es wie Sand am Meer, allein in Bremen über 50. Das weiß auch Michael Gallasch, ein alter Hase in der Branche. Dennoch hat der 47-Jährige 2009 das
"Bremer Radhaus" eröffnet, wo er unter der Eigenmarke "Bremer Rad" individuelle Manufakturräder verkauft. Hatte er Angst vor dem Risiko, der Konkurrenz? "Angst? Ne!", sagt er. "Wenn man Angst hat, sollte man es sein lassen." Gallasch hatte vor allem eine gute Idee.

Gallasch war sich sicher, dass sein Plan funktionieren würde. "In meinem vorherigen Beruf war ich auch im Außendienst tätig", erzählt der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann. "Wenn ich warten musste, habe ich mir oft die Probleme der Kunden mitangehört." Häufig klagten die Radler über Schmerzen am Po oder Rücken. Aus diesem Wissen entwickelte Gallasch bereits 2007 die Idee für einen Laden, der Räder den Wünschen und Bedürfnissen der Kunden fertigt.

Schon Gallaschs Eltern hatten ein Fahrradgeschäft. Ein eigener Laden war auch deshalb lange ein Traum. "So eine Selbstständigkeit funktioniert nur, wenn man es sich in der Partnerschaft herausnehmen kann, nur für den Beruf zu leben", meint Gallasch. Seine Frau habe aber gewusst, was mit der Gründung "auf sie zukommt". Sie hat die Einkaufsleitung im "Bremer Radhaus" übernommen.

Ein sechsstelliger Betrag war nötig, um das Geschäft an den Start zu bringen. "Die Finanzierung habe ich alleine auf die Beine gestellt", sagt Gallasch. Denn Banken wollten sein Unternehmen nicht unterstützen. Nicht zukunftsträchtig, habe es geheißen. "Ich habe mein Konzept bei allen Banken im Umkreis vorgestellt, aber die Berater haben nur charmant gelächelt und abgelehnt." Sein Vorteil: In 30 Jahren Berufsleben und vor allem als Vertriebsleiter hatte er gut verdient, sodass er sich seinen Traum durch Rücklagen und private Darlehen doch erfüllen konnte. Er ließ die Eigenmarke "Bremer Rad" kreieren.

Ich habe mein Konzept bei allen Banken im Umkreis vorgestellt, aber die Berater haben nur charmant gelächelt und abgelehnt.


Im November 2009 trat er in die Pedale. Der Winter war jedoch hart, sodass viele Menschen ihr Rad lieber im Schuppen stehen ließen. "Aber wir haben Werbung in der Zeitung gemacht". sagt Gallasch. Im April lief das Rad dann rund - und es kam noch ein bisschen Glück hinzu: "Im gleichen Jahr bekamen wir eine Auszeichnung von der Handwerkskammer."

Was ist nun das Besondere am "Bremer Radhaus"?
Gallasch vermisst seine Kunden: Körpergröße, Oberkörperlänge, Armlänge, Innenbeinlänge und Gewicht bestimmt er per Bodyscanner. Mit einem weiteren Gerät, liebevoll "Popometer" genannt, misst Gallasch den Abstand zwischen den Sitzknochen der Radler. Je nach Handgröße gibt es verschiedene Griffgrößen für den Lenker. Rückenprobleme und Hinternschmerzen versucht Gallasch durch die richtigen Einstellungen, einen passenden Sattel oder spezielle Federstützen zu beheben. Auch Nacken-, Schulterschmerzen oder kribbelnde Finger beim Radfahren kann er mindern oder verhindern. Weiterhin erfüllt der Radprofi technische und optische Wünsche.

Michael Gallasch "vermisst" eine Kundin. Er bestimmt ihre Körpermaße per Bodyscanner (links) und misst den Abstand der Sitzknochen mit dem sogennaten Popometer (rechts). Fotos: Wolter
von Inga

Gallaschs zweiter Gründungsschritt: Er übertrug das Prinzip aus seinem Laden an der Schwachhauser Heerstraße in Bremen auf einen Online-Shop. Statt Bodyscanner und Popometer gibt es dort einen Online-Konfigurator für das Rad nach Maß. Für den Shop brauchte er mindestens 30.000 Euro. Diesmal erwiesen sich die Banken als kulanter, da der Erfolg schon vorweisbar war. Die Herausforderung lag woanders: "Ich musste eine Spedition finden, die in Styropor eingepackte Räder liefert. Und zwar auch ins Ausland." Er wurde schließlich fündig, der Shop ging im März 2013 online. Seitdem die Suchmaschinenoptimierung greift, bekommen Gallasch und sein Team auf diesem Weg mehr und mehr Aufträge. "Bisher liefern wir über den Online-Shop bundesweit", sagt Gallasch. "Wir wollen die Lieferung aber in andere Länder ausweiten." Dazu müssten aber erst einmal die Allgmeinen Geschäftsbestimmungen (AGB) übersetzt werden.

Mit dem gewannen Gallasch und sein Team in diesem Jahr den Unternehmenswettbewerb KfW-Award GründerChampions in Bremen. "Wenn das Geschäft läuft, ist es am schwierigsten, das Wachstum zu steuern", meint Gallasch. Man müsse überlegen, ob man sich räumlich vergrößert. Man müsse qualifiziertes Personal finden. Man müsse seine Vorstellungen bei Lieferanten durchsetzen, etwa Mengenrabatte aushandeln. Und: "Wenn's läuft, heißt das: sieben Tage arbeiten, sechs Tage im Laden, einen Tag im Büro." Trotz der 3,5 Arbeitskräfte sei das in der Saison immer noch so.

Gallaschs Manufakturräder sind Unikate, doch die Geschäftsidee ist nicht einmalig. Berufserfahrung und der finanzielle Hintergrund verhalfen dem 47-Jährigen aber zum Erfolg. Denn wer "Fahrrad nach Maß" googelt, findet auch noch andere Angebote. In Zukunft will Gallasch
sein Eigenlabel "Bremer Rad" noch ausbauen. Individuell: Schon jetzt können die Kunden sich zum Beispiel eine Signatur aussuchen. "In Oldenburg will man ja nicht mit dem Label ,Bremer Rad' herumfahren", meint Gallasch. Auch schrecke die persönliche Signatur oder ein Bild des Besitzers dreiste Fahrraddiebe ab.

Farbenfrohe Fahrradliebe: Auch optisch können sich Michael Gallaschs Kunden was wünschen.
von Inga

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