Veggiemaid in Oldenburg: Auf einen Kaffee mit Sojamilch

Veggiemaid in Oldenburg: Auf einen Kaffee mit Sojamilch Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Auf einen Kaffee in Oldenburgs veganer Snackbar

von Inga Wolter

Donnerstag, Ruhetag in der neuen Snackbar am Damm. Frei hat die "Veggiemaid" trotzdem nicht. Stefanie Coors (32), in Oldenburg bekannt für ihren Supermarkt in der Gartenstraße, ist meistens schon um 4 Uhr morgens, 16 Stunden am Tag, auf den Beinen. "Wir bereiten unsere Angebote frisch zu. Das heißt auch, dass ich oft früh in der Küche stehe, um Kartoffeln für 20 Liter Suppe zu schälen." In der Snackbar gibt es Frühstück, Kuchen und jeden Tag einen Mittagstisch.

Heute hat Stefanie
sich aber Zeit genommen für eine Tasse Kaffee, mit NWZonline und Sojamilch. "Wunder dich nicht, wenn die Milch flockt", sagt sie. "Daran erkennt man die Nicht-Veganer." Ich bin zwar noch nicht mal Vegetarier, sondern gelegentliche Fleischfresserin, wundere mich aber trotzdem nicht. Flockende Sojamilch ist für mich kalter Kaffee - na ja, zugegebenermaßen erst seit dem Oldenburger Freifeld-Festival, auf dem ich den veganen Kaffee erst reklamieren wollte.

Stefanie Coors bedient eine Kundin in ihrer Snackbar am Damm in Oldenburg. (Foto: Wolter)
von Inga

Stefanie Coors
ist seit vier Jahren Veganerin. "Früher habe ich meine Lebensmittel online bestellt", erzählt sie. "Um Kosten zu sparen, habe ich mich mit anderen Veganern zusammengetan." Daraus müsste man mal ein Geschäft machen, dachte sie sich und setzte den Gedanken in die Tat um: Im Februar 2013 eröffnete die ehemalige Erzieherin ihren Oldenburger Supermarkt "Veggiemaid". Mit 160 Produkten ging sie ins Rennen, mittlerweile bietet sie 2000 vegane Lebensmittel an. "Von Woche zu Woche wurden es mehr", erzählt Stefanie. "Zigmal habe ich nachts wieder alle Regale umgestellt."

Veganer verzichten nicht nur auf den Verzehr von Fleisch. Sie lehnen jede Nutzung von Tieren und Tierprodukten - Eiern und Milchprodukten zum Beispiel - ab. Schätzungen und Studien über die in Deutschland lebenden Veganer gehen weit auseinander: Sie reichen von knapp 400.000 bis 1,2 Millionen Veganer.

Ursprünglich träumte Stefanie von einem kleinen, veganen Café, auch schon vor drei Jahren, als die Supermarkt-Idee entstand. Was sie daran hinderte: "Ich habe gar keine Gastro-Erfahrung." Im Herbst aber stolperte sie über eine Immobilien-Anzeige. Nur mal so, aus Interesse und Träumerei, schaute sie sich das leerstehende Ladenlokal an und stellte fest: "Leider geil!" Sie sagte zu und kümmerte sich in Windeseile um die Finanzierung ihres Traums. Ihr Bankberater, der sie schon beim Supermarkt unterstützt hatte, habe kurz gezweifelt, dann aber schnell ein Treffen vereinbart. "Am Wochenende war ich auf einer Messe, auf der Hinfahrt schrieb ich den Businessplan, auf der Rückfahrt die Kalkulation." Am Montag wurde ihre Spontaneität belohnt: Die Bank
übernahm die Finanzierung. Die Steuerberaterin hielt die Pläne für realistisch.

Salate, Kuchen, Torte - und alles vegan: Mit der Snackbar am Damm hat "Veggiemaid" Stefanie Coors sich einen Traum erfülllt. (Foto: Wolter)
von Inga

"Ich komme aus einer sehr fleischlastigen Familie", erzählt Stefanie. Vor über fünf Jahren entschied sie, sich nur noch vegetarisch zu ernähren, dann schließlich nur noch vegan. "Mein jetziger Freund isst seit 20 Jahren vegetarisch. Er ist ein Held in der vegetarischen Küche. Ein Glücksgriff!"  Erst lebten die beiden nur zu Hause vegan, aßen auswärts aber auch mal eine Pizza mit Käse. Mittlerweile bringt Stefanie ihren veganen Ersatzkäse zu ihrem Stamm-Pizzabäcker mit.


Artikel: "Die beste Ernährung ist die, auf die man Lust hat"


Auch gesundheitlich geht es der "Veggiemaid" seit ihrem Umstieg besser. Bei Einladungen zu Hochzeiten und Geburtstagsfeiern sei die vegane Ernährung kein Problem. "Die meisten wissen es ja mittlerweile." Zum Grillen bringen Stefanie und ihr Freund ihre eigenen Sachen mit. "Oft diskutieren die Gäste über unsere Lebensweise", erzählt Stefanie. Das sei schon manchmal schwierig. "Schließlich will ich auch einfach nur mal ein Bier trinken." Ohne Diskussion, ohne Rechtfertigungen. Heftige Kritik gab es von Fremden an ihrem Supermarkt und auch vor der Eröffnung des neuen Cafés.

Nich schnacken, machen!

Trotzdem zog Stefanie es durch - frei nach dem Motto: "Nich schnacken, machen!" Vor "Veggiemaid" hatte sie keine Ahnung von Betriebswirtschaft. Um einen Businessplan zu schreiben, suchte sie sich Vorbilder im Internet und führte in der Fußgängerzone eine Strichliste, wie viele Leute in Geschäfte gingen. Um die Zahl ihrer Kunden einschätzen zu können. Es funktionierte, die Finanzierung über die Förderbank lief problemlos - keine Selbstverständlichkeit bei Existenzgründungen. Auch bekam sie einen Gründerzuschuss der Stadt. Einen weiteren Teil der rund 50.000 Euro erbrachte die "Veggiemaid" selbst.

"Der Bedarf an veganen Lebensmitteln ist da", meint Stefanie. Die Oldenburger Szene sei nicht klein. Leben kann sie von ihren Unternehmen aber noch nicht. Ihr Freund unterstütze sie auch finanziell.  "Alle Umsätze sind sofort wieder in den Laden  geflossen", erklärt sie. In Edelstahlplatten, Regale und Töpfe. Von 25 Lieferanten bezieht Stefanie ihre Produkte, acht Mitarbeiter beschäftigt sie in Snackbar und Laden. Darunter ist ihre Mutter. "Da weiß ich, was ich hab", sagt Stefanie.

Für die Snackbar sammelte Stefanie auch Geld per Cowdfunding auf Startnext Geld. Rund 160 Leute unterstützen über die Online-Plattform das Projekt, 7500 Euro kamen zusammen. Da zwischen der Snackbar-Idee und der Eröffnung nur zwei Wochen lagen, war die Kampagne ein wenig zu kurzfristig. "Man muss sich bei Startnext ja erst freischalten lassen", erklärt Stefanie. "Außerdem muss die Kampagne vor der Eröffnung beendet sein." So blieben "Veggiemaid" nur vier Tage.

Stefanie Coors Kampagne bei StartNext: Videoporträt von "Veggiemaid".
von Stefanie Coors via YouTube

Die Eröffnung am 11. Oktober sei der "Oberknaller" gewesen. Von morgens um 10 bis abends um 22 Uhr hatte Stefanie geöffnet. Ihr Vater lieferte immer wieder Lebensmittel, Stefanie und ihr Team produzierten nach. Ob das Geschäft langfristig läuft, wird sich zeigen. "Es muss irgendwann auch was für mich übrigbleiben", sagt die 32-Jährige - Geld und Freizeit.

Mittag, die Kaffeetasse ist leer. So flockig war die Sojamilch gar nicht. Eine alte Frau, die eher nach Sonntagsbraten mit Rotkkohl und Knödeln aussieht, schaut vorbei. "Haben Sie heute geöffnet?" "Nein, heute ist Ruhetag." Die Flyer sind schnell ausgetauscht. "Dann komm ich mal mit meinen Nichten vorbei, die ernähren sich nämlich vegan", sagt die Frau.


Vom Punker bis zum Schlipsträger - die Bandbreite von Stefanies Kunden ist groß.
Ihr Ziel: Sie würde in der Snackbar gerne zwei Tagesgerichte anbieten, auf Dauer vielleicht mehr Platz schaffen. Ach ja: Und ein freier Tag pro Woche wäre schon schön.

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