Resistente Keime: Der hohe Preis des Billigfleisches

Resistente Keime: Der hohe Preis des Billigfleisches Live

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Im Nordwesten gibt es immer mehr Probleme mit resistenten Keimen. Besonders in der Tiermast gedeihen die gefährlichen Erreger. Ein Arzt aus dem Landkreis Oldenburg hat ihnen den Kampf angesagt.

Von Karsten Krogmann

Da, schon wieder: Ebola. Gerd-Ludwig Meyer starrt böse den Fernseher in der Hotelbar an, ein Hauptstadtsender sendet Breaking News, Ebola-Fehlalarm in Berlin. „Riesenaufregung“, schimpft Meyer, „dabei gab es meines Wissen keinen einzigen Toten in Berlin. Und wer interessiert sich für meine Toten?“ Er schüttelt den Kopf, soll heißen: niemand.

Dr. Gerd-Ludwig Meyer, 65 Jahre alt, Nierenarzt in Nienburg, hatte vier Tote in diesem Jahr, ein fünfter Patient liegt gerade im Sterben. Sie hatten sich nicht mit Ebola infiziert, sondern mit MRSA, Staphylococcus aureus: ein Erreger, der auf Antibiotika nicht reagiert. Meyer blickt wieder zum Fernseher mit dem Fehlalarm. Ein alter Mann, sagt er, Diabetiker, dialysepflichtig, infiziertes Herzschrittmachersystem, die Keime waren in der Blutbahn. Der alte Mann starb, Meyer konnte nichts dagegen tun.

Bis zu 15 000 Menschen sterben laut Gesundheitsministerium jährlich durch multiresistente Erreger. „Ich bezweifle das“, sagt Meyer: „Wenn ich im kleinen Nienburg schon fünf Tote habe, dann werden wir mit dieser Zahl doch verarscht!“
Wie viele Tote es tatsächlich sind, weiß keiner, auch die Zahl der Infektionen ist unbekannt, weil es kein Erfassungssystem gibt. Die Wochenzeitung „Die Zeit“, „Zeit online“ und das gemeinnützige Recherchebüro „Correctiv“ haben nun erstmals die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser in den 402 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland ausgewertet. Daraus geht hervor, dass Ärzte 2013 bei verstorbenen Patienten in mehr als 30 000 Fällen einen der drei häufigsten Keime MRSA, ESBL oder VRE abgerechnet haben.
Experten gehen deshalb von einer weitaus größeren Zahl an Toten aus – auch vor dem Hintergrund, dass längst nicht alle Infektionen erkannt werden. In der „Zeit“ spricht Prof. Walter Popp, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, „von mindestens einer Million Infektionen und mehr als 30 000 bis 40 000 Todesfällen, wahrscheinlich weit mehr“.

Auf einer Karte mit den Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland lässt sich sehr anschaulich erkennen, wo es die größten Probleme mit multiresistenten Keimen gibt: links oben, im Nordwesten Niedersachsens. Bei den MRSA-Diagnosen pro 1000 Krankenhauspatienten findet sich auf Platz 2 Cloppenburg (mit 18 Diagnosen), auf Platz 5 folgen die Landkreise Osnabrück und Emsland, auf Platz 6 Diepholz, Friesland, Wesermarsch, Wilhelmshaven und Vechta.


Besonders häufig treten resistente Keime im Nordwesten auf.
von Denis Krick

Eine zweite Karte, diese stammt vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, es geht um die Abgabe von Antibiotika für die Tierzucht. Wieder hebt sich der Bereich links oben vom Rest der Republik farblich ab, der Nordwesten leuchtet rot. Rot bedeutet: mehr als 50 Tonnen in 2013. Der Postleitzahlbereich 49 (Cloppenburg, Emsland, Diepholz, Osnabrück, Vechta) leuchtet sogar dunkelrot, hier waren es 579 Tonnen Antibiotika. Deutschlandrekord.

Für Dialysearzt Meyer gibt es keinen Zweifel: Der massenhafte Antibiotikaeinsatz bei Tieren ist die Ursache für die Antibiotikaresistenz bei Menschen. „Wir haben es hier mit einem handgemachten Problem zu tun. Der Preis für unser Billigfleisch sind neue Krankheiten.

Tonnenweise Antibiotika: Karte vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
von Denis Krick
Gerd-Ludwig Meyer: roter Schal, Nadelstreifenblazer, kragenlanges Haar, theatralischer Auftritt; Besuchern drückt er zur Begrüßung einen Knochenschinken in die Hand, natürlich vom Meyerhof in Huntlosen, „das ist so eine Art Ritual“. Meyer wuchs auf im Landkreis Oldenburg, lernte auf dem elterlichen Hof Landwirt, kam über den zweiten Bildungsweg zur Medizin. Er betrieb mehrere Dialysepraxen, unter anderem in Oldenburg und Wildeshausen, verdiente viel Geld. Dann kam „meine Krise“, wie er es nennt. Meyer hörte auf zu arbeiten, er ging segeln, er langweilte sich. Er fing wieder an zu arbeiten, diesmal in Nienburg, „in einer gesunden Work-Life-Balance“, sagt er. Bis er plötzlich MRSA-Tote zählen musste. Und die Initiative „Ärzte gegen Massentierhaltung“ ins Leben rief.

Und deshalb sitzt er jetzt in einer Bremer Hotelbar und redet mit dem Reporter, gleich muss er weiter nach Hamburg. Derzeit hat er mehr Work als Life, mehr Arbeit als Leben.

Er referiert die Positionen seiner Initiative: dass sich das Auftreten von MRSA seit 1992 verzehnfacht hat. Dass Landwirte bis zu 86 Prozent Träger der Keime sind, Tierärzte bis zu 100 Prozent. Dass sich Keime aus Tierställen über die Luft bis zu einem Kilometer weit verbreiten. Dass 22 Prozent des frischen Hähnchenfleischs und 42 Prozent des frischen Putenfleischs keimbefallen sind. Und: dass diese Keime gesunden Menschen nichts anhaben. Wehe aber, wenn die Keime auf kranke Menschen treffen. Ein alter Mann, Diabetes, dialysepflichtig, Herzschrittmacher.

Wie löst man es dann?

August 2013, ein anonymer Brief für den Staatsanwalt, Anzeige gegen Unbekannt. Der Tatvorwurf: Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, Missbrauch von Antibiotika, „vor allem in der industriellen Geflügelhaltung in den Landkreisen Vechta und Cloppenburg“. Es bestehe die große Gefahr der fahrlässigen Tötung infolge von Antibiotikaresistenz beim Menschen.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg erklärt, dass es natürlich schwierig sei, aus solchen allgemeinen Anschuldigungen konkrete Anklagen zu machen. Aber: In den vergangenen Jahren gab es drei größere Verfahren wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Gegen Tierhalter aus den Landkreisen Cloppenburg und Grafschaft Bentheim wurden Geldstrafen verhängt und eine Bewährungsstrafe.

Drei Fälle. Allein im Kreis Cloppenburg gibt es mehr als 2000 Betriebe.

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Kreisstelle Oldenburg-Nord. Auf dem Schreibtisch von Heino Martens liegen: Fermentgetreide. Rinderzuchtkräuter aus der Dose. Probiotischer Kraftreiniger. Martens betreut den „Arbeitskreis Homöopathie in der Tierhaltung“. In seinem Büro riecht es nach Oregano.

Agraringenieur Martens, 47 Jahre alt, sagt zuerst: „Ohne Antibiotika geht es nicht!“ Aber dann sagt er: „Es lässt sich minimieren – durch Naturheilverfahren.“

Mit Phytotherapie (Kräuterkunde). Effektiver Mikroorganismen. Akupunktur. Schüßler-Salzen. 421 Landwirte haben bereits an Martens’ Kursen teilgenommen, „nur in Oldenburg-Nord, nur im Bereich Rindvieh“, sagt er stolz. Zurzeit baut er ein Referentennetz aus, Seminare in ganz Niedersachsen, Thema Rind, Schwein, Geflügel. Und jedes Mal fragen ihn die Landwirte: Funktioniert das auch?

Es gab da zwei Versuchsbetriebe im Ammerland. Die Ergebnisse: Rückgänge bei der Euterentzündung um bis 99 Prozent. Bei den Klauenerkrankungen um 57 Prozent. Und: bei den Tierarztkosten um mehr als 31 Prozent.

Also alles ganz einfach? Natürlich nicht: Es gibt zu wenig Heilmittel, sagt Martens; anders als zum Beispiel bei Reitpferden sind sie bei sogenannten lebensmittelliefernden Tieren zumeist nicht zugelassen, „da muss sich der Gesetzgeber bewegen“. Es gibt auch zu wenig Geld vom Staat: Martens würde gern ein Forschungsprojekt starten mit 25 Betriebe. Und ein Kompetenzzentrum Naturheilkunde gründen. Kann er aber nicht, „dabei ist die Nachfrage da“.

In der Hotelbar in Bremen sagt Gerd-Ludwig Meyer: „Jeder Mensch soll Verantwortung übernehmen. Wer unbedingt Billigfleisch essen will, muss dann eben mit den Keim-Toten leben.

Er selbst betritt seit sechs Jahren keinen Supermarkt mehr, sagt er. Und Fleisch isst er sowieso nur vom Meyerhof.



LEBENSGEFÄHRLICH

Kommentar von Karsten Krogmann
von Denis Krick

Tiere bekommen in Deutschland doppelt so viele Antibiotika verabreicht wie wir Menschen – nämlich rund 1500 Tonnen im Jahr  2013. Das ist zwar etwas weniger als in den Vorjahren, aber dafür stieg der  Einsatz der sogenannten Chinolonen, die für die Humanmedizin von größter Bedeutung sind. Die aktuellen Zahlen aus den Kliniken zeigen: Damit riskieren wir buchstäblich unser Leben.

Der Antibiotikaeinsatz in der Tiermast muss dringend reduziert werden.
   Das darf aber  nicht einseitig zu Lasten der Landwirte gehen. Ihnen müssen Alternativen aufgezeigt werden; vielversprechend sind zum Beispiel  erste Versuche mit Naturheilverfahren. Allerdings beißen sich die Initiatoren auf der Suche nach finanzieller Unterstützung derzeit die Zähne aus, auch beim Landwirtschaftsminister – der vehement gegen den Antibiotikaeinsatz eintritt.

Genau so wichtig: die Kontrolle der Betriebe.
Es muss doch nachprüfbar sein, wo 1500 Tonnen Medikamente bleiben – und ob sie gesetzeskonform eingesetzt wurden.


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