Gründerszene im Nordwesten: Die App fürs Wartezimmer

Gründerszene im Nordwesten: Die App fürs Wartezimmer Live

Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Die App fürs Wartezimmer 2.0

von Inga Wolter

Das Wartezimmer ist proppenvoll, alle schniefen, husten, niesen.
Beste Erkältungszeit, der Doktor ist im Stress, es zieht sich eine Ewigkeit hin, bis man an die Reihe kommt.
Ein lästiges Krankheits-Dilemma, das sich nur mit spannender Lektüre überstehen lässt: mit der Tageszeitung, einem politischen Magazin oder auch dem Klatsch von Königs. Das geht mit den traditionellen Lesezirkel-Magazinen, die im Wartezimmer ausliegen. Das geht aber auch per iPhone oder iPad.

Das Oldenburger Unternehmen Sharemagazines hat eine App entwickelt, mit der Patienten in Arztpraxen, aber auch Kunden von Cafés und Restaurants kostenlos onlineTageszeitung lesen können. Auch für Krankenhaus- oder Hotelzimmer ist die App laut Oliver Krause (30) und Jan van Ahrens (26), beide Geschäftsführer von "Sharemagazines", geeignet: "Theoretisch könnten Urlauber irgendwann auch im Hotel in Ägypten die NWZ ganz einfach per App lesen", sagt Jan mit einem Augenzwinkern.

Über die App "Sharemagazines" kann man auch - wie hier Oliver Krause (links) und Jan van Ahrens - im Café Zeitung lesen. (Foto: Wolter)
von Inga

"
Die ursprüngliche Idee aber war eine andere", erzählt er. "Wir wollten eine App anbieten, über die jeder gedruckte Magazine und Zeitungen zum Tausch anbieten kann." Eine wunderbare Idee im Zeitalter des Teilens, aber nicht geschäftstauglich. Die Unternehmer gingen also einen Schritt weiter und schnappten sich die E-Paper mehrerer regionaler Tageszeitungen, darunter die Nordwest-Zeitung. Der entscheidende Anstoß dazu kam von Olivers Vater, der sich immer wieder über die vielen weggeworfenen gedruckten Zeitungen ärgerte.

Im Februar 2014
gründeten
Oliver und Jan "Sharemagazines". Schon Monate vorher, im November 2013, hatten sie und ihr Team mit ihrer App-Idee den Gründerpreis der Universität Oldenburg gewonnen. "Ich hatte schon immer Lust, was Eigenes zu machen", sagt Jan. "Der Gründerpreis hat uns noch gepusht." Auch Oliver findet: "So ein Preis beflügelt. Es ist schöner, sein eigener Chef zu sein als Angestellter in einem Unternehmen. Wir haben im Studium immer wieder überlegt, was wir danach machen können." Dass sie online arbeiten wollten, stand von Anfang an fest.

Ein Betrag im mittleren fünfstelligen Bereich musste her. Einen großen Teil finanzierten die jungen Gründer privat. Auch unterstützte ein Business Angel aus der Verlagsbranche das Unternehmen - mit Geld und Knowhow: "Durch ihn bekamen wir Kontakte zu Verlagen", sagt Oliver. Auch empfahl der Business Angel einen Anwalt.

Unterstützung für Gründer: Mehr über die Business Angels

Die Schwierigkeit: "Wir haben alle Wirtschaft studiert", sagt Jan. Im Studium habe er zum Beispiel gelernt, Vorträge zu halten - eine wichtige Fähigkeit, wenn man große Unternehmen für eine neue App begeistern will. "Mit Programmierung kennen wir uns aber nicht aus." Zwei externe Programmierer mussten her. Für die gibt es bis heute Arbeit ohne Ende.

"Die Programmierung läuft immer weiter", erzählt Jan. Erst kam "Sharemagazines" nur für iPhone und iPad auf den Markt, für Android steht die App in den Startlöchern. "Unser Tipp an Gründer mit digitalen Projekten: testen, testen, testen!", rät Oliver. "Alle Klickkombis durchprobieren." Irgendwo tauche immer ein Fehler auf. "Wenn wir gewusst hätten, wie zäh dieser Entwicklungsprozess wird, hätten wir uns das Ganze nochmal überlegt", meint Jan schmunzelnd. Aber ihr Interesse an digitalen Angeboten und ihre Lust am Lesen von Zeitungen und Magazinen hielten sie bei der Stange.

Die größte Herausforderung war es, einen Fuß in die Branchentür zu bekommen. "Aber als wir etwas zum Vorzeigen hatten, waren die Verlage interessiert", sagt Jan. Die Nordwest-Zeitung habe Brücken zu weiteren Verlagen gebaut. Bisher beteiligen sich im Nordwesten fünf Verlage. In 20 Locations  - darunter vor allem Cafés, Hotels und eine Physiotherapie-Praxis - kann man die App verwenden. Sie werde für die jeweilige Location über GPS, Bluetooth oder W-Lan freigeschaltet. In jeder Location kann man auf alle Angebote zugreifen, die bisher im Portfolio sind. Cafés und Restaurants können zudem ihren Flyer oder ihre Speisekarte hochladen.

Es ist ein cooles Gefühl, wenn Leute im Café sitzen und über unsere App E-Paper lesen.

Jan van Ahrens, Geschäftsführer von Sharemagazines


"Im Moment sind wir mit großen
Zeitschriftenverlagen in Verhandlungen", sagt Jan. "Danach wird es richtig spannend." Wenn viele einsteigen, muss Sharemagazines das Team von zurzeit fünf Leuten aufstocken. "Vertrieb und Marketing werden dann wichtiger." Aber auch die technische Abteilung müssen sie dann erweitern.

Die Vorteile der App gegenüber herkömmlichen Lesezirkeln liegen für die Gründer auf der Hand: Die Auswahl sei größer, das Angebot nie vergriffen. "Gerade in Arztpraxen ist eine App, die jeder über sein eigenes Smartphone oder Tablet aufrufen kann, hygienischer", meint Jan. Für Gastronomie-Betriebe und Ärzte bedeute die elektronische Variante weniger Organisationsaufwand. Sie bezahlen eine Gebühr an Sharemagazins (ab 49,50 Euro im Monat),
von der die Verlage einen Teil bekommen.

Auch weil es in Deutschland
bisher wenig Konkurrenz gibt, hofft Sharemagazines auf einen Erfolg. Eine Kioskversion für die App sei in der Entwicklung: So kann man das E-Paper kaufen und weiterlesen, wenn man die Location verlassen hat.

"Bis Ende 2015 wollen wir in 1000 Locations vetreten sein", sagt Jan. "Mal sehen, ob der Business-Plan aufgeht." Wenn ja, könnten sie auf Dauer von ihrem Unternehmen leben. Zurzeit überbrücken sie die Anfangszeit vor allem mit Unterstützung aus der Familie. Gab es einen Moment, in dem sie alles hinschmeißen wollten? Oliver und Jan schütteln entschlossen den Kopf. Überzeugt waren sie immer von ihrer Idee. Das Wichtigste, sagen die beiden Gründer, ist: "Hartnäckig bleiben!"

Das ganze Team: IT-Leiter Emrah Gencer, Geschäftsführer Oliver Krause, Geschäftsführer Jan van Ahrens, Gunnar Sieweke, verantwortlich für Marketing und Vertrieb, und Artur Malek, Leiter der App-Entwicklung. Foto: Sharemagazines
von Inga



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