Gründerszene im Nordwesten: Wo die Entspannung an der Haustür klingelt

Gründerszene im Nordwesten: Wo die Entspannung an der Haustür klingelt Live

Corinna Ciesla hat sich als mobile Physiotherapeutin selbstständig gemacht. Foto: privat
von Inga
Deutschland, ein Land der Gründer und Erfinder? Eher nicht, die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. In Oldenburg und in den Landkreisen hat sich jedoch eine noch überschaubare, aber lebendige Gründerszene entwickelt. NWZonline stellt in einer Serie die spannendsten Projekte vor und sucht weitere mutige Start-ups: Wer gerade selbst an einer Erfindung tüftelt oder den Schritt in die Selbständigkeit schon gemacht hat, kann sich gerne bei uns melden: inga.wolter@nordwest-zeitung.de.

Lieferservices boomen, nicht nur vor Weihnachten: Das Kleid für die nächste Hochzeit kann man längst in Ruhe vorm heimischen Spiegel anprobieren. Blumengrüße kann man rund um die Welt an seine Herzallerliebsten schicken. Sogar Obst und Gemüse kommen knackig-frisch zur Haustür herein. Die Oldenburgerin Corinna Ciesla (36) weiß: "Zuhause fühlt man sich am wohlsten." Sie bringt seit November 2014 Massage, Physiotherapie und Wellness in die eigenen vier Wände im Nordwesten - vor allem nach Hause, aber auch an den Arbeitsplatz.






Wo die Entspannung an der Haustür klingelt

von Inga Wolter

Corinna Cieslas Steckenpferd war - zum Erstaunen von Freunden und Bekannten - die Arbeit mit alten Patienten. Vor zehn Jahren startete sie als Physiotherapeutin in der Neurologie.

Sie war lange in Bremen tätig, bis sie 2012 schwanger wurde und eine Tochter bekam. Ihr Chef bot ihr danach die Praxis-Leitung an, sie lehnte jedoch ab. Mit Kind war das kaum zu schaffen. Sie wechselte in eine Oldenburger Praxis und kümmerte sich nebenbei weiter um einige Bremer Privatpatienten.

"Im Oktober vergangenen Jahres habe ich aber wieder gedacht: Das Angestelltenverhältnis ist einfach nicht meins. Wenn ich mich jetzt nicht selbstständig mache, dann nie", berichtet Corinna Ciesla. Schon im Monat darauf gründete sie "PhysioCare", eine mobile Praxis für medzinische Wellness, also Behandlungen, die Wohlbefinden und Gesundheit gleichzeitig fördern sollen, aber nicht zur klassischen Krankengymnastik zählen.


Mit dieser Liege, Handtüchern, Decken und Ölen besucht Corinna Ciesla ihre Patienten bzw. Kunden zu Hause oder am Arbeitsplatz. Foto: Wolter
von Inga

Die Idee hatte die Physiotherapeutin, die an der
Loges-Schule in Oldenburg lernte, schon länger. Auch gibt es ähnliche, mobile Angebote im Nordwesten. Ihre Konkurrenz
hält Corinna Ciesla aber für überschaubar. "Vielleicht machen es nicht so viele, weil man einen gewissen Leerlauf hat. Es folgt nicht ein Patient auf den anderen." Hinzu kommen die Fahrtzeiten.

So läuft ein Termin bei Corinna Ciesla oder ihren Mitarbeitern ab: Mit beheizbarer Liege, Laken, Decken, Ölen und Musik kommt die Physiotherapeutin vorbei. Ihre Liege baut sie im Wohnzimmer auf und los geht es mit Anti-Stress-, Aromaöl- oder Fußreflexzonenmassage. "Ich biete alle medizinischen Massagen an, die es auch beim Arzt gibt." Sie arbeitet aber nur für Privatzahler oder auf Privatrezept. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen ihre Leistungen nicht. "Dafür müsste ich eine feste Physiotherapiepraxis mit einer bestimmten Ausrüstung wie zum Beispiel einer Sprossenwand haben."

Und bei Unternehmen? Massage mitten im Großraumbüro? "Nein, das geht natürlich nicht!", sagt Corinna Ciesla lachend. "Firmen müssen mir einen kleinen Raum zur Verfügung stellen, das ist die Voraussetzung." Einige Chefs geben darüber hinaus Geld für die Massage dazu, andere spendieren ihren Mitarbeitern die freie Zeit. Manche eröffnen ihrem Personal nur die Möglichkeit zur Entspannung. "Vor allem Unternehmen, in denen man lange vorm Computer - am besten noch total verkrampft mit dem Telefonhörer im Nacken - arbeitet, interessieren sich für medizinische Wellness", sagt Corinna Ciesla.

Der Start in die Selbstständigkeit war für die Physiotherapeutin kein finanzieller Kraftakt. "Ich musste nicht so stark in Vorkasse gehen", sagt sie. "Die Anschaffungen waren nicht teuer." Beispiel: Für die heizbare Liege blätterte sie 350 Euro hin - wenig im Vergleich zu Investitionen, die andere Existenzgründer leisten müssen. "Größter Kostenpunkt", sagt Corinna Ciesla, "ist die Werbung." Flyer und Gutscheine muss sie immer wieder nachdrucken lassen - für rund 500 Euro im Monat, schon ein ordentlicher Batzen, zu dem noch Mitarbeitergehälter und Fahrtkosten kommen.

Ohne Werbung läuft es nicht

Dass sie viel Geld und Mühe in die Werbung steckte, hat die 36-Jährige ihrem Mann zu verdanken. "Der ist in der Werbebranche tätig und hat mich beratend unterstützt", erzählt sie. "Viele Physiotherapeuten haben gar keine oder schlechte Internetseiten", findet Corinna Ciesla. Sie beauftragte eine Grafikdesignerin - und es lohnte sich: Gerade übers Internet kommen viele neue Kunden, wie sie schnell feststellte. "Aber auch die Mundpropaganda funktioniert ganz gut."

Ausschlaggebend für die Gründung war die Idee des Mobilen, wie Corinna Ciesla unterstreicht. Das reizte sie, das wollte sie ausprobieren. Hinzu ka
m aber, dass angestellte Physiotherapeuten oft sehr wenig verdienen. "Dabei finanzieren sie schon ihre Ausbildung selbst." Sie investieren also viel, bevor überhaupt Geld hereinkommt. Als Selbstständige habe man bessere Verdienstmöglichkeiten und mehr Freiheit: "Ich habe keine starren Arbeitszeiten mehr", sagt Corinna Ciesla. Das erleichtere das Familienleben. Abendtermine habe sie aber häufiger, dann muss der Papa auf die Tochter aufpassen.

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Mehr Freiheit bedeutet auch mehr Verantwortung. "Am Anfang habe ich etwas gebangt: Kommen genügend Patienten?" Zum Glück lief es. Auch in Oldenburg, wo sie als Physotherapeutin noch nicht bekannt war, fand sie Kunden. Als sie ihre erste Mitarbeiterin fest anstellte, schlief sie unruhig. "Aber ich will wachsen, ich will gerne Mitarbeiter anstellen." Mittelfristig plant sie ein "PhysioCare"-Studio. "Dann wird die Finanzierung eine aufwendigere Geschichte", weiß die 36-Jährige.

Corinna Ciesla betrachtet "Medical Wellness" als wachsenden Markt - nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels. "Es gibt mehr ältere Patienten", sagt sie. "Die besuchen vielleicht nicht so gerne öffentliche Wellnessangebote." Aber unter ihren Patienten und Kunden sind auch junge Mütter und selbstständige Geschäftsleute. Die haben oft etwas mehr Geld in der Tasche als der Durchschnitt und legen viel Wert auf ihr Wohlbefinden.

"Das Bewusstsein für Gesundheit steigt", sagt Corinna Ciesla. "Das merke ich gerade jetzt, zu Anfang des Jahres." Aber sie ist guter Dinge, dass es auch in der Zeit danach rundläuft: "Es gibt kein Sommerloch  für Wellness und Gesundheit."

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