Soundcheck im Nordwesten: Die Oldenburger Band „Craving“ und die leisen Töne des Metals

Soundcheck im Nordwesten: Die Oldenburger Band „Craving“ und die leisen Töne des Metals Live

Lust auf einen Soundcheck? NWZonline stellt in einer Serie Bands und Musiker aus dem Nordwesten vor, spricht mit ihnen über Schaffensprozesse, Selbstfindung und andere Tonalitäten des Lebens. Egal, ob Metal, Funk, Hip Hop oder Klassik, wenn ihr die Bühne auch online rocken möchtet, dann könnt ihr euch gern bei uns melden: amina.linke@nordwest-zeitung.de.

Zu laut und zu düster, sagen manche.
Facettenreich und gefühl-gewaltig, sagen Kenner. Kaum ein anderes Musikgenre spaltet so wie Metal. Wie viel Leidenschaft, Arbeit und Feinsinnigkeit hinter den oft wuchtigen Songs stecken, weiß die Oldenburger Band „Craving“. Mit NWZonline spricht Bandchef und Sänger Ivan Chertov über Vorurteile, Songs über 
Game of Thrones und russische Dichter.

Von Amina LInke


Die Oldenburger Metalband Craving.
Bilder:
Natalia Kempin
von amina.linke


Interviewtermin im Bestial. Ein schmaler Tresen. Das Licht strömt durch das Panoramafenster. Gleich davor sitzt ein Mann. Die Kleidung dunkel. Die langen Haare auch. Plötzlich senkt er den Kopf, öffnet den Mund – und stimmt an wie ein Opernsänger. Ivan Chertov. Bandchef der Death-Metal-Band Craving.

Metal ist so facettenreich wie fast kein anderes Musikgenre. Und doch wird es allzu oft über einen Kamm geschert. Zu laut. Zu schwarz. Zu düster. Vorurteile gehören dazu, meint Chertov. „Metal erfordert einen gewissen Geduldsfaktor.“ Man könne nicht gleich mit Slayer starten und Metal lieben. „Man muss sich für die Musik öffnen. Erst dann kriegt man ein Gespür dafür, wieviel Arbeit und Energie in einem Metal-Song – und vor allem in einer Metal-Stimme – stecken.

CRAVING - Olga (Album Track)
von ApostasyRecords via YouTube

Seit zehn Jahren managt Chertov die Oldenburger Metal-Band Craving. „Zuerst waren wir vier Jungs, die sich in der Garage getroffen haben, um Krach zu machen.“ Jetzt, nach unzähligen Auftritten und einigen Wechseln in der Bandbesetzung, sind es vier Erwachsene, die nicht nur wissen, was sie wollen, sondern auch, wie sie es kriegen. Die „Schattennächte Tour“ durch Deutschland letztes, die Hell Revisited European Tour" dieses Jahr zum Beispiel. Bis Mitte Februar treten Ivan Chertov (Gesang), Leonid Rubinstein (Bass), Thorsten Flecken (Gitarre) und Maik Schaffstädter (Schlagzeug) noch in den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich auf. Dann kommt die Festival-Saison. Dann das dritte Album.


Ivan Chertov: Gitarrist, Sänger, Songwriter, Produzent und Manager in einem.
von amina.linke
Maik Schaffstädter: Schlagzeuger - eigentlich Überschlagzeuger: Einer der besten, wenn nicht der Beste aus dem Raum Oldenburg/Bremen, sagt Chertov.
von amina.linke
Leonid Rubinstein: Bass und Bandprofessor .
von amina.linke
Thorsten Flecken: Gitarre, Bandkomiker und Fahrzeugorganisierer.
von amina.linke
 
 

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Die doch recht komplexen Songs schreibt Chertov, der in Sankt Petersburg geboren wurde, auch mal gern im Alleingang – auf Englisch, Deutsch, aber auch auf Russisch. Inspirieren lässt sich der 28-Jährige dabei von Dichtern. Von Nikolai Gumiljow zum Beispiel. Er war 1911 einer der Protagonisten der literarischen Strömung des Akmeismus.

Akmeismus:
Russische Literaturströmung der Moderne zwischen 1910 und 1920. Initiiert unter anderem von Anna Achmatowa, Ehefrau von Nikolai Gumiljow. Er war der theoretische Kopf der Akmeisten-Gruppe, die sich um Gegenständlichkeit und Klarheit ihrer Darstellungen bemühten. Also: weg von komplizierter Mehrdeutigkeit.

„Gumiljow war ein Abenteurer, reiste und forschte viel.
Seine Gedichte über Legenden oder die Natur passen einfach zu unserer Musik“, erklärt Chertov. „Schon auf unserem ersten Album haben wir ein Lied über einen alten afrikanischen Aberglauben: Wenn ein Krieger einem erlegten Leoparden nicht die Barthaare abtrennt, wird dessen Geist ihn sein Leben lang verfolgen.

Auf Texte, die sich der eigenen Literatur, der eigenen Wurzeln bedienen, stößt man im Metal häufig. Vor allem im Finnischen. „Bands wie Amorphis zum Beispiel übernehmen und übersetzen Texte aus ihrer Kultur oft. Das hat auch uns gereizt. Doch jeder kennt die Sagen der Wikinger, jeder kennt das Kalevala-Epos in der Szene. Aber so gut wie keiner kennt russische Dichter.

Kalevala-Epos:
Das Kalevala ist ein im 19. Jahrhundert aus mündlichen Überlieferungen der finnischen Mythologie zusammengestelltes Epos und besteht aus über 22.000 Versen, die in fünfzig Gesängen vorgestellt werden.Der Titel ist abgeleitet von Kaleva, dem Namen des Urvaters des besungenen Helden.

Gumiljow war dabei naheliegend.
In der elterlichen Bibliothek stieß Chertov auf den Dichter des Silbernen Zeitalters. Nicht nur sein Schaffen, sondern auch sein ereignisreiches Leben hinterließ einen bleibenden Eindruck. „Auch wir haben viel erlebt. Deswegen dreht sich die textliche Thematik auf unserem dritten Album auch um die Entwicklung eines Menschen, einer Band.

Die zu führen sei immerhin wie eine Firma – „eine harte Herausforderung“, sagt Chertov und lacht. Man müsse mit vier verschiedenen Charakteren klar kommen, die Bandfinanzen managen, die Auftritte, die Produktion der Alben. Mit seinem abgeschlossenen Studium als Medientechniker kann Chertov die Band mittlerweile selber produzieren. Das mache vieles einfacher. „Früher mussten wir in externen Tonstudios aufnehmen und abmischen. Das kann bis zu 300 Euro kosten – pro Tag.“ Fehlen noch Foto-Shootings und die Artwork-Produktion. „Da ist man dann ganz schnell bei 5000 Euro pro Album.“ 


Craving - Terror on the high Seas (DAY 2)
von CravingOfficial via YouTube

Viel Geld für eine Leidenschaft, die mit einem Tape begann. Der Vater eines Freundes schenkte es Chertov. Iron Maiden – „klassische Einstiegsdroge“. Die ersten „richtigen Metal-Alben“ folgten: „Imaginations from the Other Side“ von Blind Guardian und „Persistence of Time“ von Anthrax. „Nachhaltig prägend war aber ‚Jaktens Tid’, das zweite Album der finnischen Metal-Band Finntroll aus dem Jahr 2001“, sagt Chertov. Ausladende Kompositionen, von Offbeats geprägte Rhythmen und der Rückbezug zur finnischen Kultur durch das Integrieren der eintönig-gutturalen Joik-Gesänge der Samen – das gefiel. „Das war das erste Mal, dass ich die Kombination von Metal und anderen Musikstilen gehört habe“, sagt Chertov. „Finnische Folklore und Black Metal – gewöhnungsbedürftig zuerst, aber neu und frisch damals.

Seine eigene Sparte schaffte sich mit dem Album „Something Wild“ auch die finnische Band Children of Bodom. Sie kombinierte 1997 Metal und Klassik. Schon der dritte Song wartet mit Bachs „Intervention 13“ auf. Mozart folgt mit seiner „25. Sinfonie“ gleich im Anschluss. Nicht jedermanns Sache, weiß Ivan Chertov. „Viele hören gerade beim Thrash- oder Death-Metal nur das Laute, den Schreigesang. Dabei kann man Metal auch leise hören.

So wie den Song „Targaryen Wrath“ auf dem aktuellen Craving-Album „At Dawn“. Das Stück handelt von der „Game of Thrones“-Figur Daenerys Targaryen und entfaltet seine vertonte Sturmgewalt auch auf 40 Dezibel. Die Versuchung hochzudrehen ist allerdings groß: Savatage-Sechssaiter Chris Caffery hat sich hier mit einem Gastsolo verewigt. „Ich habe ihn einfach angeschrieben“, sagt Chertov. Die lebende Metal-Legende hat geantwortet und entstanden ist eine kraftvolle Komposition, die musikalisch aber auch Raum für Weite, Sehnsucht und Träumerei lässt.

Craving - Targaryen Wrath (feat. Chris Caffery / Savatage)
von ApostasyRecords via YouTube

Auf das „Wie“ komme es auch bei der Stimme an. „Die ist bei Metal eigentlich entscheidend“, sagt Chertov. „Ob Gitarristen, Bassisten oder Schlagzeuger – alle sind austauschbar. Der Sänger nicht.“ Deshalb lässt Chertov vor jedem Auftritt „die Stimme wandern“. Vom Bauch den Hals hinauf bis zwischen die Ohren. „Fühlt man die Knochen vibrieren, ist die Stimme warm.“ So lerne es auch der Opernsänger in der klassischen Gesangsausbildung.

Doch Metal ist auch eigen. Die Bandbreite an Gefühlen, die die Musik hervorruft, ist nicht für jeden nachvollziehbar – oder schlicht zu viel. „Metal ist wie ein Katalysator und für viele befreiend, die eine Wut in sich tragen. Auch ich kann mich mit oder durch diese Musik besser ausdrücken als mit Worten“, sagt Chertov. „Worte sind ersetzbar, Töne nicht.


Dass Töne mehr transportieren als Worte, fand im Übrigen wohl auch das Marketing-Team von Samsung, als es die Coverversion von „Only Teardrops“ zum ersten Mal hörte. Was Emmelie De Forest beim Eurovision Song Contest 2013 noch unschuldig im weißen Flatterkleid vortrug, bekommt durch das Metal-Overlay von Craving eine ganz eigene Dynamik. Ein raffinierter Kontrast, der als Werbespot für das Galaxy S5 drei Wochen lang über Dänemarks Bildschirme flimmerte.


TV-spot for Samsung Galaxy S5
von TDCvideoer via YouTube

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